«Vielleicht müssen wir die Wäsche wieder an der Sonne trocknen»

Wollen wir wirklich ohne Atomstrom auskommen, sei vor allem eines angesagt: Verzicht. Das sagt Ökopionier und ETH-Professor Lino Guzzella. Er prognostiziert zudem massiv höhere Strompreise.

Hier wird bereits etwas Energie gespart: Alpsennerei bei Emmetten im Kanton Nidwalden.

Hier wird bereits etwas Energie gespart: Alpsennerei bei Emmetten im Kanton Nidwalden. Bild: Keystone

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Herr Guzzella, der vom Bundesrat beschlossene Atomausstieg wird nur durch erhebliches Stromsparen möglich sein. Muss der Schweizer nun teilweise auf seinen Luxus verzichten?
Lino Guzzella: Ja.

Inwiefern?
Wenn ich die Energiestatistik anschaue, stelle ich fest, dass wir bis 1950 rund zehnmal weniger Energie verbraucht haben als heute. Und die Menschen haben damals ja auch glücklich gelebt.

Sie propagieren also: weg von den iPhones, iPads und Wäschetrocknern zurück ins technologische Steinzeitalter.
In einem gewissen Sinn: ja. Vielleicht müssen wir tatsächlich wieder damit beginnen, die Wäsche an der Sonne zu trocknen statt im Tumbler. Und im Winter die Wohnung auf 18 Grad zu heizen und dafür einen zusätzlichen Pullover anzuziehen.

Grosse Stromfresser sind auch die unzähligen Computer. Auf diese zu verzichten, dürfte aber eine Illusion sein.
Warum? Sehen Sie, das ist die typische Reaktion: Alle sind sich einig, dass man Strom sparen muss. Wird es dann aber konkreter und beginnt es, wehzutun, ist man zu keinen Kompromissen bereit. Wir können aber nicht den Fünfer und das Weggli haben.

Zu welchem Verzicht sind Sie persönlich bereit?
Ich versuche, im Alltag bewusst mit Energie umzugehen. Das heisst: Lichter löschen, Wasser sparen, regelmässig mit dem Velo zur Arbeit fahren. Aber es sind die grossen Einsparungen, die wehtun. Wir haben etwa unser Haus energetisch saniert, da liegen aber Ferien nicht mehr drin.

Wie kann man die Stromkonsumenten dazu bewegen, wirklich Strom zu sparen?
Es geht nur über das Portemonnaie, sonst ändert der Mensch sein Verhalten nicht. Der Atomausstieg ist machbar, aber er wird wehtun.

Der Bundesrat hat vorgerechnet, dass durch den Atomausstieg jährlich Zusatzkosten von 2 bis 4 Milliarden anfallen könnten. Halten Sie diese Schätzung für realistisch?
Ich traue mich einfach nicht, über 40 Jahre hinaus eine Kostenschätzung zu machen. Da muss man schon über eine sehr, sehr grosse Glaskugel verfügen.

Sie haben aber bereits mehrmals gesagt, dass Sie nicht einverstanden sind mit der Einschätzung einzelner Energieexperten, die behaupten, der Atomausstieg schlage pro Haushalt mit 120 bis 180 Franken pro Jahr zu Buche.
Gehen wir einmal davon aus, der Bundesrat schätzt die anfallenden Kosten richtig ein: Wenn ich die 4 Milliarden Franken durch die 8 Millionen Menschen teile, die in der Schweiz leben, komme ich auf Mehrkosten von 500 Franken pro Kopf. In einem Haushalt leben vier Personen. Das macht also rund 2000 Franken, die der Atomausstieg jährlich pro Haushalt kosten würde.

Weshalb gibt es so fundamental unterschiedliche Einschätzungen?
Weil viele Leute nicht rechnen. Das ärgert mich. Ich weiss natürlich auch nicht, ob die Zahlen, die jetzt genannt werden, stimmen. Wenn man das offizielle Zahlenmaterial aber als Grundlage nimmt und seriös durchrechnet, kann man nicht ernsthaft behaupten, die jährlichen Mehrkosten beliefen sich auf lediglich 180 Franken pro Haushalt. Nicht zu reden von den Folgekosten, die der Atomausstieg sonst noch mit sich bringen wird.

Woran denken Sie?
In praktisch jedem Produkt ist Strom drin. Wenn Sie Brot kaufen, kaufen Sie Strom. Für die Tiefkühlpizza gilt dasselbe. Auch im Bahnticket ist Strom drin. Das heisst: Wird der Strom durch den Atomausstieg teurer, steigt auch der Preis der meisten Produkte spürbar an.

Ich halte gerade einen Kugelschreiber in der Hand. Wird der auch teurer?
Ja, auch für die Herstellung Ihres Kugelschreibers braucht es Strom, deshalb wird auch der teurer. Weitere Beispiele gefällig?

Ja, bitte.
Kleider, Mineralwasser, Schoggistängeli – überall steckt Strom drin.

Das klingt nicht danach, als könnten wir den Stromverbrauch im grossen Stil senken. Wie viel Strom können wir realistischerweise sparen?
Wenn wir es schaffen würden, den Stromverbrauch in der Schweiz auf heutigem Niveau zu halten, dann wäre ich schon froh. In den letzten 20 bis 30 Jahren hatten wir jeweils eine Zuwachsrate von zwei bis drei Prozent. 2010 haben wir gar vier Prozent mehr Strom verbraucht.

Es reicht aber nicht, den heutigen Stromverbrauch zu halten. Um den Atomausstieg zu schaffen, muss der Verbrauch drastisch gesenkt werden.
Entweder das oder aber wir stellen mehrere Gaskombikraftwerke auf, die die Lücke des wegfallenden Atomstroms decken könnten. Wir würden so aber Millionen von Tonnen zusätzliches CO2 ausstossen. Das ist keine frohe Botschaft, aber es geht halt nicht anders.

Es gibt noch eine weitere Variante: Wir fördern in den nächsten Jahren die Entwicklung der erneuerbaren Energien so stark, dass wir keine Gaskraftwerke brauchen.
Alles ist möglich, es ist nur eine Frage des Preises. Aber zu erwarten, die Forschung würde eine ganz neue Technologie entwickeln, die beispielsweise in der Fotovoltaik einen neuen Durchbruch bringt, wäre vermessen. Immerhin forschen wir schon lange auf diesem Gebiet.

Sie machen kein Geheimnis daraus, dass Sie den Neubau von Atomkraftwerken in der Schweiz befürworteten. Gleichzeitig gelten Sie als Ökopionier. Wie geht das zusammen?
Ich bin kein Atomfreund. Aber ich versuche einfach, logisch zu denken. Wir haben ein Klimaproblem. Das ist eine weltweite Bedrohung, die jeden etwas angeht. Das macht mir Sorgen. Aus diesem Grund habe ich immer die Meinung vertreten, wir müssten unbedingt auf erneuerbare Energieträger umstellen, um den CO2 zu reduzieren. Als Ingenieur weiss ich aber, dass man nicht in einem Schritt von A nach Z kommt. Es braucht eine Übergangszeit, und dafür ist die Kernenergie keine schlechte Variante, weil sie praktisch CO2-neutral ist.

Die Strom- und Klimadebatte erinnert an ein Labyrinth ohne Ausgang: Auf der einen Seite will man den CO2 senken. Das bedeutet: Wärmepumpen statt Ölheizungen. Das braucht aber mehr Strom. Den Stromverbrauch müssten wir jedoch senken, um den Atomausstieg zu schaffen. Wie kann die Schweiz diesen Teufelskreis durchbrechen?
Wahrscheinlich gar nicht. Wir hätten uns mehr Zeit nehmen müssen, den Umstieg anzugehen. Will man jetzt den Atomausstieg in relativ kurzer Zeit erzwingen, wird das auf Kosten des Klimas gehen.

Sie haben an der ETH einst ein Wasserstoffauto entwickelt, mit dem Sie einen Sparsamkeitsweltrekord aufgestellt haben. Das wäre doch die Lösung: Wir verbannen die Benzinmotoren von der Strasse und steigen flächendeckend auf Elektroautos um. Das CO2-Problem wäre teilweise gelöst.
Nein, diese Vision ist mittlerweile gestorben.

Warum?
Eines der ersten Opfer des Atomunfalls in Fukushima war das Elektroauto. Das Letzte, was wir jetzt noch brauchen, sind neue Stromverbraucher. Zudem sind Elektroautos im Vergleich zu einem herkömmlichen Auto viel zu teuer und weniger leistungsfähig. Wir müssen die Bevölkerung dafür gewinnen, verbrauchsarme Autos zu kaufen. Dadurch senken wir den CO2 relativ schnell.

Müsste man den Kauf von neuen, sauberen Autos subventionieren?
Nein! Hören Sie doch auf, immer alles subventionieren zu wollen. Haben wir denn zu viel Geld? Alles, was ökonomisch nicht sinnvoll ist, wird sich nicht auf breiter Front durchsetzen. Der Staat hat strenge, aber machbare Grenzwerte vorzugeben, den Rest müssen Wissenschaft und Wirtschaft bewerkstelligen.

Mit anderen Worten: Was man erst subventionieren muss, damit es gekauft wird, macht keinen Sinn.
Das ist meine Überzeugung.

Lino Guzzella (53) ist Professor im Departement für Maschinenbau und Verfahrenstechnik an der ETH Zürich und Experte auf dem Gebiet von sparsamen und sauberen Energiewandlungssystemen.

(Berner Zeitung)

(Erstellt: 01.06.2011, 13:39 Uhr)

Skeptischer Forscher: Obwohl Lino Guzzella alternative Antriebssysteme entwickelt, glaubt er nicht an den Durchbruch des Elektroautos. Das Letzte, was man jetzt brauche, seien neue Stromfresser. (Bild: zvg)

FDP will sich der Stimme enthalten

Der Ausstieg aus der Atomenergie dürfte nächste Woche im Nationalrat eine Mehrheit finden. Gestern haben die Bundeshausfraktionen die Karten offengelegt. Die FDP-Fraktion hat entschieden, sich weder für noch gegen den Ausstieg aus der Atomenergie auszusprechen: Die FDP-Vertreterinnen und -Vertreter wollen sich der Stimme enthalten. Dies habe die Fraktion einstimmig beschlossen, sagte Fraktionschefin Gabi Huber vor den Medien. Die FDP sei der Ansicht, dass die Faktenlage für einen Ausstiegsentscheid ungenügend sei. «Wir sind nicht bereit, die Verantwortung für diesen Entscheid zu tragen», sagte Huber. Für die FDP stehe «die Versorgungssicherheit zu einem wettbewerbsfähigen Preis» im Zentrum. Zu ihrer eigenen Position will die Partei Vorstösse einreichen.

Die CVP-Fraktion hat sich mit grosser Mehrheit für den Atomausstieg ausgesprochen: Vier Fünftel der Fraktion unterstützten den Grundsatzentscheid des Bundesrates, sagte Fraktionschef Urs Schwaller. Damit zeichnet sich eine Mehrheit für den Ausstieg ab.
Sie sei zuversichtlich, sagte die Fraktionschefin der Grünen, Franziska Teuscher (BE). Der Bundesrat habe nur einen Grundsatzentscheid gefällt, stellte sie fest. Es sei wichtig, dass das Parlament beschliesse, den Ausstieg im Gesetz zu verankern.

Ja stimmen werden die Grünen, die SP und die Mehrheit der CVP, Nein sagt die SVP. Ein Entscheid über einen Ausstieg aus der Kernenergie sei verfrüht und überhastet, teilte sie gestern mit. Die SVP-Fraktion möchte den Entscheid am liebsten verschieben: Sie hat beschlossen, einen entsprechenden Ordnungsantrag zu stellen. Demnach soll das Parlament erst auf Basis von konkreten Projekten entscheiden.

Zur Debatte stehen am 8.Juni parlamentarische Vorstösse. Besondere Aufmerksamkeit erhalten die Motionen der CVP und der BDP, die – wie der Bundesrat – einen Ausstieg aus der Atomenergie ohne exaktes Datum fordern. Beide Parteien wollen im Gesetz verankern, dass die bestehenden AKW nach Ende ihrer Laufzeit nicht ersetzt werden.

Insgesamt stehen gegen 140 Vorstösse zur Diskussion. Darunter sind zahlreiche Vorschläge für die künftige Energieversorgung. Es liegen aber auch Forderungen auf dem Tisch, Mühleberg sofort abzuschalten oder Beznau I und II innert dreier Jahre stillzulegen.sda

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