Leben

Vom Skizirkus in die Modewelt

Von Florian Leu. Aktualisiert am 19.11.2009 1 Kommentar

Er war der schnellste Mann auf der Piste, dann exportierte er Bier nach China. Heute hat Marc Girardelli eine eigene Modelinie und baut am eigenen Haus.

Einst ein Goldjunge auf der Skipiste, heute ein erfolgreicher Unternehmer: Marc Girardelli.

Einst ein Goldjunge auf der Skipiste, heute ein erfolgreicher Unternehmer: Marc Girardelli.

Er war der einsamste und schnellste Skifahrer der Welt. Er hatte weder Physiotherapeuten noch Teamkollegen, doch er fuhr allen davon. Marc Girardelli (46) gewann fünfmal den Weltcup, dreimal öfter lag er unter dem Messer. Zählt man seine Höhenmeter auf dem Podest zusammen, kann man ihn als Bergsteiger bezeichnen: Hundertmal hatte er das Treppchen unter den Füssen. Vor dreizehn Jahren streckte er seinen letzten Pokal in die Höhe und stieg von den Skibrettern, die ihm die Welt bedeuteten. Dann stand er vor dem Nichts.

Anfang November betrat Girardelli die Uni Zürich und hielt einen Vortrag am Institut für Unternehmensökonomik. Das Thema war sein Wechsel von der Welt der Hundertstelsekunden in jene der Langfristigkeit, sein Weg vom Sportler zum Unternehmer. Früher seien sein Vater und er ein Duo gewesen, ohne Betreuer, ohne Trainer. Während seine Konkurrenten Funker am Pistenrand hatten, fuhr Girardelli ins Ungewisse. Während seine Konkurrenten im Training gegeneinander antraten, fuhr er gegen sich selbst und fand erst nach einigen Wettkampfwochen zur Form. Vor den Studenten sprach Girardelli von den Fehlern, die er als Sportler und Unternehmer machte. Und er sprach von Lehren, die er aus dem Sport zog und in die Geschäftswelt mitnahm.

Wurstparty und Nervenkitzel

Girardelli hatte zwar die Fernmatur gemacht, in einer Verletzungspause Italienisch gelernt, in einer anderen die Helikopterprüfung abgelegt, sonst aber keine Zukunft entworfen. Als er 1996 mit Knieschaden zurücktrat, hatte er einen Schrank voller Kristallkugeln, doch keine Blaupause für die Jahre, die vor ihm lagen. Erst exportierte er Bier nach China, dann vertrieb er Artikel für Sportgeschäfte, dann arbeitete er als Berater des Skiverbands in Deutschland. Schliesslich beteiligte er sich am Bau einer Skihalle. Das Unternehmen wurde bankrott, Girardelli verkaufte es. Sein Fehler: Er wusste zu wenig, wie früher auf der Piste. Er war nicht im Bild über die Verkehrsanbindung der Skihalle und über die Kosten des Brandschutzes. Seine erste Lektion: Informiere dich über den Markt, persönlich und gründlich. Lektionen zwei und drei: Spiele im Team, nutze dein Netzwerk. Seine vierte Lektion hätte lauten können: Trete als Vortragsredner auf und packe Businessideen in Buntpapier.

Girardellis Leben nach dem Sport sieht so aus: Etwa 90 Tage im Jahr verbringt er im Schnee, leitet Skitage für Firmen, führt sie zum Beispiel nach Kitzbühel und umschreibt das Angebot auf seiner Website mit den Worten: «Wochenende im Stanglwirt mit Weisswurstparty und Nervenkitzel auf der Streif.» Etwa ein Dutzend Mal jährlich tritt Girardelli als Redner auf und spricht vor Firmenpublikum über den Umgang mit dem Risiko und mit der Angst. Als Sportler sei es ihm um Leben und Tod gegangen: alles oder nichts, gewinnen oder sterben, als Sieger über die Ziellinie fahren oder im Fangnetz landen. Es gehe um den Kampf gegen die Konkurrenten und um den unbedingten Siegeswillen. Um die Tatsache auch, dass man sich glücklich schätzen sollte, wenn man gute Gegner habe. Was wäre aus seiner Karriere geworden ohne Zurbriggen?

Die Kunst des Hochrappelns

Den Rest seiner Zeit steckt Girardelli in Kinderskimode, die er mittlerweile in vierzehn Ländern verkauft. Kürzlich ist er auch ins Modegeschäft für Erwachsene eingestiegen und arbeitet daran, die Erwachsenenkleider in ebenso vielen Ländern abzusetzen. Zurzeit lernt er Spanisch, um sich den Markt in Südamerika schneller zu erschliessen.

Marc Girardelli ist ein Mann, der in schlichten Worten spricht, auf den Punkt und ohne unnötiges Tamtam, zielstrebig und verbissen wie auf der Piste. Er ist mit über hundert Stundenkilometern dem Ende seiner Sportkarriere entgegengerast, mit kaputtem Knie und eisernem Siegeswillen. Vielleicht kann bei jemandem wie ihm, der während Jahren die Ziellinie im Blick hatte und sich nach einem Dutzend Operationen immer wieder hochrappelte, nichts schiefgehen. Und bei einem, der in seiner Freizeit ein eigenes Haus baut, scheint es sogar noch weniger wahrscheinlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2009, 04:00 Uhr

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1 Kommentar

majo naef

19.11.2009, 09:38 Uhr
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toller Mann, Mensch. Ein gutes Vorbild für all jene die ab und zu auch straucheln. Immer wieder weitermachen und aus Fehler lernen. Die Fehler die wir machen sind das Spannende im Leben, nicht das was reibungslos klappt und zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Antworten




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