Vom ersten Ausländer zum guten Kapitalisten

Der Schweizer Unternehmer Felix Abt schreibt gegen die Verteufelung des kommunistischen Nordkorea an.

Wie Nordkorea tatsächlich ist, versucht Felix Abt seinen Lesern näherzubringen: Cover seines Nordkorea-Buches.

Wie Nordkorea tatsächlich ist, versucht Felix Abt seinen Lesern näherzubringen: Cover seines Nordkorea-Buches. Bild: PD

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Nordkorea fasziniert. Oder das, was wir für Nordkorea halten. Wir schmunzeln über allerlei Skurrilitäten, mit denen die Herrscher über einen der am stärksten abgeschotteten Staaten gern karikiert werden. Wir schaudern, wenn wie eben gestern, ein US-Bürger wegen «Verbrechen zum Sturz der Demokratischen Volksrepub­lik Nordkorea» zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt wird; die Hintergründe interessieren uns ­dabei weniger. Wir verteufeln, was nicht verstanden wird.

Wie das Leben in Nordkorea tatsächlich ist? Das erkennen wohl nicht einmal die Schweizer Touristen, die es für zwei Wochen ins ach so ferne Asien zieht. Reine Unterstellung, zu behaupten, sie reisten auch nicht deswegen dorthin, sondern eher der Lust am Ausgefallenen wegen. Tatsächlich, sagt Ruedi Bless, Geschäftsführer des Reisebüros Globetrotter, seien die meisten Nord­korea-Touristen geschichtlich oder militärisch interessiert. Dass mit der ­lokalen Bevölkerung, mal abgesehen von den zugeteilten «Begleitern», privater Kontakt unmöglich ist, nehmen sie in Kauf.

«Wunsch nach Aufhebung des Wirtschaftsembargos»

Gerade Mitte April, so Bless, sei eine Gruppe Schweizer nach Nordkorea aufgebrochen, just als die Korea-Krise wieder einmal hochkochte. Unbeeindruckt vom Kriegsgeheul. So wie ausländische Dip­lo­­maten das Land nicht verliessen, als ihnen dies das Regime in Pyongyang in dramatischen Worten «empfahl». So wie die Südkoreaner inzwischen ihrem gewohnten Alltag nachleben, wenn von ennet der Grenze schlimmste Drohungen herüberschallen.

Genau dies, sagt Felix Abt, sei mit ein Grund, warum die Drohungen aus Nordkorea immer schriller würden: «Hinter einem Schwall ungeschickter Worte verbirgt sich der Wunsch, einen Friedensvertrag mit den USA abzu­schliessen, als Nuklearmacht zu Zwecken der Selbstverteidigung anerkannt zu werden, und auch der Wunsch nach Aufhebung des Wirtschaftsembargos.»

Geblieben, als alle gingen

Der Aargauer Unternehmer Abt (58) liess sich als einer der Ersten ausländischen Geschäftsleute überhaupt in Nordkorea nieder. Von 2002 bis 2009 lebte und arbeitete er in diesem Staat, in den ihn die ABB in der Hoffnung auf Aufträge im Zusammenhang mit dem chronisch unterentwickelten Energiesektor entsandt hatte. Abt blieb, auch nach den Raketen- und Atomtests 2006 und der Verschärfung internationaler Sanktionen, er blieb, sagt er, obwohl «ABB, die damals in den USA etwa einen Drittel ihres Geschäftsumsatzes verdiente, wie andere Grossfirmen auch kalte Füsse bekam und sich aus Nord­korea verabschiedete».

Fortan betätigte er sich als Handelsvertreter multinationaler KMU, leitete die erste ausländisch finanzierte Arznei­mittelfirma (PyongSu Phar­­ma) und baute in Pyongyang, unterstützt mit Schweizer Entwicklungsgeldern, eine Schule zur Weiterbildung von Unternehmern auf. Sie wurde 2011 geschlossen, nachdem private Sponsoren wegen der Raketentests ausgestiegen waren und die Schweiz ihre Entwicklungs­arbeit in Nordkorea abgebrochen hatte.Ausserdem gründete er die European Business Associa­tion, eine Art Handelskammer, der er noch immer angehört. 2009 zog Abt, mit einer Viet­namesin verheiratet, nach Hanoi.

Lustige Gespräche mit feilschenden Marktfrauen

Über seine sieben Jahre in Nord­korea hat Abt das Buch «A Capitalist in North Korea» geschrieben. Wurde der Autor von den Nordkoreanern ein Kapitalist gescholten? Oder ist da Koketterie im Spiel? Von der BaZ am Telefon gefragt, spricht Abt von «grossen philosophischen Meinungsunterschieden», die anfänglich bestanden hätten zwischen dem Geschäftsmann aus einer kapitalistischen Marktwirtschaft sowie seinen Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten aus einer staatlichen Planwirtschaft. Nachdem er aber, vom nordkoreanischen Fernsehen interviewt, statt über Politik über sein Interesse an Geschäften gesprochen habe, sei er in der öffentlichen Wahrnehmung zum «guten» Kapitalisten geworden, dem man auf der Strasse zuwinkte, mit dem man gern in Kontakt trat.

Schliesslich auch privat. Anders als Touristen oder Journalisten habe er sich in Pyongyang ohne Begleiter bewegen können, erzählt Abt der BaZ. So habe er etwa mit feilschenden Marktfrauen lustige Gespräche geführt; zu spontanen Kontakten sei es auch immer wieder in Restaurants, am Strand, mit Handwerkern, Mitarbeitern und der Kindergärtnerin seiner Tochter gekommen.

Überalterte Gesellschaft

In Abts englisch geschriebenem Buch spielen kulturelle Missverständnisse trotzdem eine wichtige Rolle. ­Anhand anschaulicher Beispiele erklärt der Autor aber, wie die Nordkoreaner in alltäglichen Fragen denken und warum sie entsprechend handeln.

So lesen wir über Abts Versuch, aus einem erkannten Mangel an modernen Verhütungsmitteln ein Geschäft mit dem Kondom-Import zu machen. Die Regierung verweigerte die Erlaubnis, «weil sie mehr Babys brauchte, nicht weniger», wie es in der Begründung ­geheissen habe. Anders als die meisten Entwicklungsländer leidet auch Nordkorea an einer überalterten Gesellschaft. Mit Überraschung musste der gewiefte Unternehmer dann allerdings zur Kenntnis nehmen, dass ihm der ­Import von Viagra ebenso untersagt wurde. «Frau Thak, eine Apothekerin, erklärte mir den Grund», schreibt Abt in seinem Buch: «Der grössere sexuelle Hunger der Männer würde nicht zu mehr Kindern, sondern nur zu mehr ­Abtreibungen führen.»

Es hagelt Kritik

Weiter lesen wir, dass Nordkoreaner durchaus auch Witze machen über ihre Lebensumstände. Etwa den: «Wie merkt eine nordkoreanische Frau, dass ihr Mann sie betrügt? – Wenn er sich über Wassermangel zu beklagen beginnt, weil er plötzlich zweimal die ­Woche duschen möchte.» Und, ja, Abt kommt auch auf die ständig verschärften internationalen Sanktionen zu sprechen, die auch in Nordkorea vor allem die Bevölkerung träfen. Beispielsweise habe er zunehmend Mühe gehabt, chemische Stoffe und anderes Material zur Herstellung von Medikamenten zu importieren. Die Machtelite allerdings liess sich im Ausland behandeln.

Weil er in seinem Buch – wie in Gastbeiträgen in internationalen Me­dien oder als eifriger Twitterer – gegen Klischees anschreibt, die selbst Zeitungen wie die «Washington Post» und das «Wall Street Journal» über Nordkorea verbreiten, wird Abt in Kommentarspalten erbost kritisiert. Um seine Geschäfte nicht zu gefährden, heisst es da, verschliesse er die Augen vor der Tatsache, dass Nordkorea ein einziges grosses Gefängnis sei, in dem der Einzelne nichts dürfe, von der Aussenwelt isoliert würde und unter prekärsten Bedingungen lebe. Abt kontert: «Ich habe kein schlechtes Gewissen.» Immerhin habe er jahrelang in Nord­korea gelebt und dafür gesorgt, dass erstmals nach Standards der Weltgesundheits­organisation produzierte Arzneimittel angeboten würden. «Was soll daran falsch sein?»

Das andere Nordkorea

Abt kann solche Kritik erklären: «Die Medien müssen sich verkaufen. Das lässt sich eben am besten mit Zerrbildern machen.» Er zitiert den Korea-Korrespondenten des britischen «Economist», der kürzlich twitterte, die Leser würden alles über Nordkorea glauben, «je verrückter, des­to besser», das bringe mehr Auflage. «Das Opfer dieser Praxis», sagt Abt, «heisst Fairness.»

«A Capitalist in North Korea» ist vorerst nur bei Amazon Kindle als ­E-Book erhältlich – weil keiner der von Abt kontaktierten Verlage das Manuskript publizieren wollte. «Alle haben eine noch deftigere Horrorstory erwartet, als die, die sie bisher druckten», machte Abt die Erfahrung. Eine Abrechnung mit dem System aber mochte er nicht schreiben.

Die «fünf M»

Dass es «sehr schwierig» sein könne, «ein anderes Nordkorea» in die Medien zu bringen, sagt auch Katharina Zell­weger. «Wir wollen lieber Negatives hören.» Die Schweizerin lebt seit Herbst 2011 in den USA, an der Stanford Universität in Kalifornien hat sie einen Lehrauftrag zu Nordkorea. Davor leitete sie in Pyongyang fünf Jahre das Büro der Schweizer Entwicklungszusammen­arbeit.

Es sei längst nicht alles «schön und gut», sagt Zellweger am Telefon, aber seit ihren ersten Kontakten mit Nordkorea 1995 habe das Land einen «enormen Wechsel» erlebt. So seien die Nordkoreaner heute Ausländern gegenüber offener, in der Stadt sei man längst nicht mehr der «Fremdling» wie noch in den Neunziger­jahren. Auch sprächen ­inzwischen viele gut Englisch. Und die Ernährungslage sei zwar «nicht gut», doch Hungersnot herrsche keine mehr.

«Change agents»

Wie Geschäftsmann Abt beobachtet auch Zellweger eine stetige Entwicklung der Gesellschaft. Die Korea-Expertin spricht dabei von den «fünf M»: Sie stehen für markets (immer mehr Märkte und folglich auch privater Handel), money (Geld), mobiles (Mobiltelefone, ohne die auch in Nordkorea keine ­Geschäfte mehr gemacht würden), ­motorcars (Autos), middle class (in der Hauptstadt Pyongyang gebe es heute eine aktive Mittelschicht).

Wer nach legalen Spielregeln Geschäfte mache, sagt Zellweger, leiste auch einen Beitrag zur Öffnung und Entwicklung des Landes. Felix Abt nennt Leute, die sich wie er in dem kom­­munistischen Staat engagierten, «change agents», Agenten für den Wandel. Sie hälfen Nordkorea, Anschluss an die Weltgemeinschaft zu finden. «Für den Status quo ist nur, wer Nordkorea weiterhin ­isolieren will», sagt er. Nordkorea fasziniert. Vielleicht sollten wir künftig auch bei den unauf­geregteren Tönen besser hinhören. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.05.2013, 12:51 Uhr

Felix Abt: «A Capitalist in North Korea: My Seven Years in the Hermit Kingdom». (Bild: PD)

Bei Nordkorea verstummen alle

Der Frage nach Geschäften mit dem isolierten Staat wird gern ausgewichen
Wer wissen möchte, welche Schweizer Unternehmen mit Nord­korea Geschäfte machen, wird herumgereicht wie eine heisse Kartoffel. Das Aussen­departement in Bern verweist ans Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), von wo man an die Osec verwiesen wird.

Sie betreibt im Auftrag des Bundes Import- und Exportförderung. Der Link auf der Osec-Homepage zu «wichtigen Informationen für Schweizer Unternehmen im Verkehr mit Nordkorea» wurde zuletzt am 6. 6. 2011 aktualisiert. Nach Auskunft der Pressestelle wird der nordkoreanische Markt von der Schweiz aus nicht aktiv bearbeitet, es gäbe «keine Anfragen für Geschäfte».

Man wird an die Schweizer Botschaft in Peking verwiesen, oder genauer an deren Swiss Business Hub, mit dem eine Firma Kontakt aufnehmen müsse, wolle sie mit Nordkorea ins ­Geschäft kommen. Von dort meldet sich schliesslich wieder eine Stimme des Aussendepartements: Der Swiss Business Hub, so lautet die Auskunft nun, sei «nicht zuständig für Nordkorea».

Der Schweizer Botschaft seien im Übrigen keine konkreten Handelsaktivitäten von Schweizer Firmen in Nordkorea bekannt. Immerhin wird die Statistik der Eidgenössischen Zollverwaltung zitiert, wonach Schweizer Unternehmen 2012 Waren im Wert von 2,39 Millionen Franken nach Nordkorea mit seinen 24 Millionen Einwohnern exportierten und Waren im Wert von 0,91 Millionen Franken von dort importierten.

Fragen wir also direkt bei der Wirtschaft nach Kontakten zu Nordkorea nach. Auch Economiesuisse kann nicht weiterhelfen; einzelne angefragte Unternehmen bleiben ganz stumm.

Richtig Freude an der Anfrage hat dafür das Liestaler Ingenieurunternehmen Holinger AG. Uwe Sollfrank lacht jedenfalls laut los beim Anruf. Zwar gab es auch für Holinger nie einen «Markt» Nordkorea, doch die Erfahrungen, die Sollfrank 2004 und 2005 beim Bau der ersten Kläranlage von Pjöngjang machte, seien «einmalig» gewesen. Nicht nur weil die Zusammenarbeit mit den Nordkoreanern «sehr, sehr schwierig und sehr kompliziert» war. «Alles mussten wir ihnen sagen», zum Beispiel auch, wie der Beton zu sein habe. «Mit viel Verspätung», sagt Sollfrank, habe die Kläranlage aber schliesslich in Betrieb genommen werden können.

Gebaut wurde sie mit nicht mehr benötigten Teilen der Abwasserreinigungs­anlage Birs 2 in Birsfelden. Es war die nordkoreanische Botschaft, die seinerzeit mit der Frage an die Regierung des Kantons Basel-Landschaft gelangte, ob die nicht mehr benötigten Pumpen, Zentrifugen und Armaturen nicht günstig zu kaufen seien.

Die weltweit tätige Holinger AG verstand das in Zusammen­arbeit mit Liestal und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit in Bern (Deza) realisierte Projekt als Entwicklungshilfe – zwischen einem der reichsten Länder der Welt und einem sehr rückständigen. Uwe Sollfrank: «Die Anlage, die bei uns 30 Jahre lang im Einsatz stand und deshalb komplett erneuert werden musste, tut es in Nordkorea noch lange.»

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