Hintergrund

Vorsicht! Ein Kurzhaarschnitt kann ihre Karriere gefährden

Radikale Schnitte wirken suspekt – in Hollywood jedenfalls sieht man nichts als Frauen mit langer Mähne. Warum bloss?

«Die einzigen Menschen, die meinen Kurzhaarschnitt lieben, sind meine Freundinnen und schwule Männer»: Michelle Williams in einer Modestrecke der britischen «Elle».

«Die einzigen Menschen, die meinen Kurzhaarschnitt lieben, sind meine Freundinnen und schwule Männer»: Michelle Williams in einer Modestrecke der britischen «Elle».

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Sie verkörpert die Fleisch gewordene Definition des Sexappeals: Marilyn Monroe. Und das zum Niederknien. Wer Schauspielerin Michelle Williams auf dem Cover der aktuellen US-«Vogue» sieht, kann kaum glauben, was sie im Interview in der aktuellen «Elle» verrät: «Die einzigen Menschen, die meinen Kurzhaarschnitt lieben, sind meine Freundinnen und schwule Männer.»

Obwohl sie sich die blonde Mähne bereits vor einem halben Jahrzehnt abschneiden liess, jammern Tochter und befreundete Männer noch immer, sie solle sich doch die Haare bitte wieder wachsen lassen. «Ich fühle mich total wohl in kurzen Haaren und habe sie für den einen Hetero-Mann abgeschnitten, der den Pixie geliebt hat: Für Heath Ledger. In Erinnerung an ihn werde ich ihn auch weiter tragen.»

Schnipp, schnapp, Haar ab!

Warum tragen die meisten Frauen – vom sechsjährigen Mädchen bis zur vierzigjährigen Frau – ihr Haar brav schulterlang? Warum bloss ist langes Haar noch immer der Inbegriff der Weiblichkeit? Weshalb folgen wir immer noch diesem absurden Schönheitsideal (Lesen Sie dazu auch: «Die perfekte Vagina (gibt es nicht)»)

Offenbar markieren Frauen mit kurzem Haupthaar einen Widerspruch zum traditionellen Frauenbild. Klar, schon Shakespeare hat die Haarpracht seiner blonden Ladys besungen, sie mit Samt und Seide verglichen und mit «gewirktem Gold». Ethnologen vermuten im langen Haupthaar denn auch einen körperlichen Schmuck, gleichsam eine Nebenerscheinung der natürlichen Zuchtwahl, sobald das andere Körperhaar entwicklungsgeschichtlich verloren gegangen war. Als andere Erklärungsmöglichkeit zieht man die sexuelle Selektion heran, da langes, glänzendes Haar ein sichtbares Merkmal für ein gesundes Individuum sei.

In der freudschen Psychoanalyse repräsentiert langes Haar das Über-Ich; das Haareschneiden wurde zur modifizierten Kastration. Bis in die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts war der Kurzhaarschnitt eine Form der Züchtigung und Bestrafung von Frauen. Ehebrecherinnen etwa wurde, bevor man sie steinigte, das Haar abgeschnitten. Auch Jeanne d‘ Arc wurde ein Kurzhaarschnitt verpasst, bevor sie auf den Scheiterhaufen kam. Kein Wunder, avancierte der Bubikopf, der erste modische Kurzhaarschnitt überhaupt, in den Zwanzigerjahren zum signifikantesten Merkmal und Symbol der «Neuen Frau». Er stand für Emanzipation, Selbstbestimmung, Fortschrittlichkeit, Modernität und Urbanität. Während der Kriegsjahre erstmals in den USA aufgetaucht, erreichte er Anfang der Zwanzigerjahre Europa, unter anderem durch den Einfluss der französischen Modeschöpferin Coco Chanel. Der Bubikopf erhitzte in seiner Anfangszeit in einem heute nur noch schwer vorstellbaren Ausmass die Gemüter: Als Ausdruck und Symbol einer drohenden Vermännlichung der Frau.

Kurz und bündig

Solche Wogen vermochte der Pixie der Sechziger, der vorab durch Jean Seberg im Film «A bout de souffle» berühmt und vom ersten Supermodel Twiggy verbreitet wurde, nicht mehr zu werfen. Und als in den Achtzigerjahren die Frauen sich zum letzten Mal en masse die Haare stutzten, liess das die Gesellschaft kalt. Aber offenbar eben auch die Männer.

Eines nämlich haben alle Kurzhaar-Modephasen der Geschichte gemein: Sie waren, was sie propagierten – kurz.

Und das hat sich bis heute gehalten: Nicht eine einzige Lady mit kurzen Haaren schaffte es auf die «Maxims Hot girls List 2011». Weibliches Haar folgt auch im postemanzipativen neuen Jahrtausend einem strengen Regelwerk: Auf dem Körper wird das kleinste Härchen bis in den Intimbereich ausgemerzt, auf dem Kopf wird das Haar gehegt und gepflegt.

In Hollywood kann ein Kurzhaarschnitt sogar die Karriere gefährden: Demi Moore schnitt sich zwar für den Film «Ghost» die Haare ab, liess sie aber, kaum war der Dreh vorbei, wieder auf Schulterlänge wachsen. Der weiteren Karriere zuliebe. Gwyneth Paltrows Kurzhaarauftritt im Film «Sliding Doors» blieb ein kurzes Augenzwinkern in ihrer Karriere als blonde Langhaarprinzessin. (Lesen Sie auch: «Vogelkacke und Plazenta: Hollywoods merkwürdigste Schönmacher»)

Die Angst vor der Rebellion

Denn schneidet sich ein Promi das Haar, wird das in der Presse noch immer als Akt der Rebellion gelesen: Eine Kurzhaarige, das ist vielleicht eine Sinead O’Connor, die das päpstliche Bild zerreisst, oder eine Emma Watson, die gegen die Festschreibung als Harry Potter-Mädchen ankämpft. Sie kann so weidwund schön sein wie Winona Ryder in «Reality Bites», so heiss wie Halle Berry als Bond-Girl den Fluten entsteigen oder so sexy um sich schlagen wie Keira Knightley in «Domino» – die Frisur impliziert noch immer einen männlichen Subtext.

Seltsam. Denn nichts bringt ein schönes Gesicht so sehr zur Geltung wie eine perfekt geschnittene Kurzhaarfrisur. Vielleicht hat das platinblonde Haar der Monroe ihre Schultern deshalb nie berührt?

Was ist Ihre Meinung: Sind kurze Haare weniger sexy und weiblich? Diskutieren Sie hier mit!

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann lesen Sie auch: «Stylecodes: Wie Sie Ihre Beförderung mit Sicherheit verhindern» auf Clack.ch – Ihrem Online-Magazin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.11.2011, 21:29 Uhr

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Eines der wenigen Bond-Girls mit kurzem Haar: Halle Berry in «Die another Day» (2002).

Die Ikone des Pixies: Jean Seberg.

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