Leben

Warum Männer so viel jammern

Von Daniel Zumoberhaus. Aktualisiert am 20.12.2008 17 Kommentare

Jammern sei eine Begleiterscheinung der Wohlstandsgesellschaft, besonders stark ausgeprägt bei Männern. Um glücklich zu sein, müsse man leiden können und sich selbst lieben, sagt Buchautor und Psychologe Markus Fäh.

Propagiert mehr auf Eigenliebe: Markus Fäh.

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Das Buch zum Thema

Schluss mit Jammern... und das Leben kommt von selbst. Markus Fäh. Zytglogge Verlag 2008. Empfohlener Richtpreis 29 Fr.

Herr Fäh, Sie haben das Buch «Schluss mit Jammern . . . und das Leben kommt von selbst» verfasst. Weshalb?
Mein Alltag als Therapeut war Ausgangspunkt dafür. Ich werde ständig mit Jammern konfrontiert, da jeder mit einem Problem zu mir kommt. Es braucht ja ein Leiden, um Hilfe aufzusuchen. Manche meiner Patienten wollen mich instrumentalisieren, quasi als bezahlten Freund auf Lebzeiten, um ihr Gejammer loszuwerden.

Wichtig sei, nicht im Problem, etwa einer Lebens- oder Beziehungskrise, stecken zu bleiben, schreiben Sie.
Viele Menschen sind aber nicht bereit, an ihren Fähigkeiten zu arbeiten, um aus dem Jammertal zu finden. Die Passivität von Hilfesuchenden ist teilweise doch sehr erschreckend.

Jammern ist wegen der weltweiten Finanzkrise aktueller denn je. Kann Jammern aus der Krise helfen?
Unmittelbar schon, denn Jammern hat zwei ganz natürliche Funktionen und durchaus auch etwas Gutes. Wer klagt, kann sich innerlich erleichtern. Und Jammern schafft gleichzeitig eine Verbindung. Das gemeinsame Klönen über die Finanzkrise kann demnach auch befreiend sein. Und ich höre auch Stimmen, die dankbar sind für die Krise, da sich ihr Verhältnis zum Sicherheitswahn verändert hat. Statt Geld werden Beziehungen wichtiger, gute Freundschaften. Der Glaube daran wächst, dass mir schon irgendjemand helfen und mir selbst im Alter eine Suppe reichen wird.

Ist Jammern ein Wohlstandsphänomen oder gar etwas typisch Schweizerisches, weil wir versuchen, das Negative auszuklammern?
Ja, Jammern ist ein Wohlstands- oder anders ausgedrückt Wohlfühlphänomen einer Gesellschaft, in der Leiden à priori schlecht ist. Jammern ist bei einer solchen Lebenshaltung vorprogrammiert.

Fallen wir beim Jammern zurück in eine Art kindliche Position?
Durchaus. Das Lust-/Unlustprinzip prägt unser Handeln. Wir streben von klein auf nach Lustgewinn und versuchen, Unlust zu vermeiden, das ist ein ganz natürlicher Reflex. Doch um langfristiges Glück zu erreichen, braucht es sehr oft eine kurzfristige Leidensfähigkeit.

Der Ansatz, die Lösungen unserer Probleme würden von aussen an uns herangetragen, ist demnach falsch.
Der entscheidende Kick im Leben muss von innen kommen. Viele der Menschen, die sagen, ich kann das nicht, das ist mir zu viel, sind nicht bereit, bis an ihre Grenzen zu gehen. Ehrlicherweise müssten sie sagen, «ich will das nicht auf mich nehmen» und nicht «ich kann das nicht». Das hat sicher mit einer Fehlerziehung in unserer Kultur zu tun. Wir leben wie bereits erwähnt zunehmend in einer Kultur mit einer Wohlfühlmentalität. Als Therapeut beobachte ich oft, dass Partnerschaften nur so lange funktionieren, wie die gegenseitige Befriedigungslieferung für beide günstig ausfällt. Sobald aber Schwierigkeiten auftauchen, heisst es «tschüss und weg».

Warum wird in anderen Kulturkreisen kaum oder nicht gejammert?
Das christlich-jüdisch geprägte Über-Ich, diese Kritikinstanz in uns, bestimmt das Denken und Handeln. Und diese Moralinstanz stellt extrem hohe Anforderungen an uns. Wir leben ja in einer Leistungskultur. Um jammern zu können, braucht es diese innere Instanz, die ständig kritisch hinterfragt. Die Leichtigkeit des Hier und Jetzt wie etwa im Buddhismus kennt dieses permanente Hinterfragen der eigenen Fähigkeiten nicht. Und in Kulturkreisen, in denen das Eltern-Kind-Verhältnis entspannter ist, konnte sich das Jammern weniger etablieren.

Klagen Frauen oder Männer grundsätzlich mehr?
Männer sind die viel grösseren Jammerer, obwohl es das traditionelle Bild des Klageweibes gibt. Die Frau ist zu Hause für den Mann oft nur eine Klagemauer, um Ärger und Frust Luft zu machen, damit er dann nach aussen wieder den Zampano spielen kann.

Sie schreiben auch, es sei zeitgemäss, dass wir neugierig auf andere Menschen zugehen, um sich dem inneren Reichtum zu öffnen und um das Unbekannte zu wagen statt zu klönen. Wie finde ich aber aus dem Nörgeldilemma heraus?
Zuerst muss ich merken, dass ich jammere. Ich muss mir schonungslos den Spiegel vorhalten, oder meine Kollegen reflektieren mein Verhalten. Denn Hardcorejammerer finden ja, dass sie zu Recht klagen und sind sich gar nicht bewusst, wie sie auf ihre Umwelt wirken. Diese Menschen finden, dass sich die Welt gegen sie verschworen hat. Wer aber merkt, dass sein Verhalten nervtötend ist, hat bereits einen wichtigen Schritt getan, um aus dem Jammertal herauszufinden. In einem nächsten Schritt muss ich dann selber untersuchen, was es genau ist, worüber ich jammere und weshalb. Es muss eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person stattfinden. Der dritte Schritt ist, dass ich aus dem Jammern ein Problem mache und daran wachse.

Schaffe ich das allein, oder braucht es dazu professionelle Hilfe?
Nein, allein schafft man das nicht. Jeder von uns ist auf andere Menschen angewiesen. Das Leben an und für sich ist nicht allein zu bewältigen. Es muss aber nicht zwingend ein Therapeut sein, der hilft. Zuerst müssen die natürlichen Ressourcen ausgeschöpft werden.

Sie selber jammern nie?
Ich bessere mich (lacht). Ich bin aber von meiner Familie auch geprägt. Und dezidiert und lustvoll zu jammern, ist ja okay.

Wie soll ich jemandem begegnen, der im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz ständig herumnörgelt?
Ihm direkt ins Gesicht sagen, dass er mit seinem Verhalten nervt. Ist es der eigene Chef, wird es sicher nicht ganz einfach . . .

Weniger zu jammern, wäre doch ein wunderbarer Vorsatz fürs 2009.
Ja. Sich selber mehr lieben statt zu jammern. Eine realistisch optimistische Position einnehmen und sich seiner unermesslichen Fähigkeiten bewusst sein, das lohnt sich. Wir können träumen, kreativ sein, eigene Ideen umsetzen. Wir bekommen so viele Fähigkeiten mit auf den Weg, die wir nur ungenügend oder gar nicht nutzen. Das ist eigentlich d i e existenzielle Sünde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2008, 16:50 Uhr

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17 Kommentare

J. Bachmann

20.12.2008, 20:23 Uhr
Melden

Jo aber, wenn wir nicht mehr jammern können, sind wir ja gar keine richtigen Schweizer mehr. Jammerschade. Antworten


Harley jetzer

20.12.2008, 22:17 Uhr
Melden

Ich lebe in der falschen Welt, um mich herum jammern Frauen viel, viel mehr als Männer! Und das seit meiner Kindheit ! Haben die Feministinnen den Herrn Psychologe bestochen? Antworten




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