Welche Therapie darfs denn sein?
Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 06.01.2011 18 Kommentare
Zahl der Therapeuten, die im Erfahrungsmedizinischen Register (EMR) eingetragen sind. (Bild: TA-Grafik)
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Nehmen wir Adrian Bernet. Der Mann ist gelernter Coiffeur und bietet Shiatsu, klassische Massage, Fussreflexzonenmassage, Phytotherapie und Homöopathie an. Früher stylte er Haare, heute heilt er Menschen.
Adrian Bernet ist 45-jährig und steht für einen Trend, nennen wir ihn «rundum versorgter Mensch». Gemeint ist die Tatsache, dass sich immer mehr Leute bei Problemen und Beschwerden Hilfe holen gegen Bezahlung – nicht beim Schulmediziner oder Psychologen, sondern vermehrt beim Kinesiologen, im Yoga oder beim Homöopathen. Unsere Grosseltern kannten kaum eines dieser Angebote, wir hingegen, die heute 30- bis 60-Jährigen, buchen nebst dem obligaten Zahnarzt- gleich den Osteopathie- oder Schröpftermin. Die Nachfrage nach solcherart Hilfsverfahren nimmt zu, das Angebot mindestens so.
Etwas «Sinnvolles», etwas mit Menschen
Adrian Bernet kennt beide Seiten. Nach seiner Coiffeur-Ausbildung hat er 13 Jahre lang professionell Haare geschnitten; er liebte seinen Job – und konnte ihn plötzlich nicht mehr ausüben. Ekzeme an den Händen. «Das kam, tack, von einem Tag auf den anderen» – und zwar so intensiv, dass er bereits Ausschläge bekam, wenn er nur schon sein Geschäft betrat: «Die Dämpfe der Haarmittel haben mich förmlich aus meinem Beruf herausgeweht.» Er war 33, eben zum zweiten Mal Vater geworden, und in der Krise. «Meine Existenz drohte zusammenzufallen. Ich war ziemlich im Off.»
Hilfe fand er bei einem Akupunkteur, einem Naturheilpraktiker und einer Dermatologin. Wer wegen Berufskrankheit nicht mehr arbeiten könne, erhalte von der Invalidenversicherung (IV) eine Zweitausbildung bezahlt, gab diese ihm – zusammen mit Medikamenten – mit auf den Weg. Adrian Bernet beschäftigte sich ein Jahr mit der Umschulung. Es sollte etwas «Sinnvolles» sein, etwas mit Menschen.
Der Männeranteil nimmt zu
An der Schule für angewandte Naturheilkunde in Witikon machte er eine vierjährige Ausbildung, parallel dazu Abschlüsse als Shiatsu-Therapeut und danach die fünfjährige Ausbildung für Homöopathie. Seit drei Jahren arbeitet er nun in einer Gemeinschaftspraxis in Zürich als Naturheilpraktiker und Homöopath. Während sich die meisten der weit über 17'000 Therapeuten in der Schweiz auf eine spezifische Behandlungsart fokussieren, bietet er gleich fünf Methoden an.
Dieser Mix ist ungewöhnlich. Er betreibe keine Methode à fond, könnte ihm unterstellt werden. Adrian Bernet wischt den Vorwurf mit einem Lächeln weg. Ihm ist klar, dass die Debatte über die Seriosität nicht schulmedizinischer Therapien ideologisch und politisch aufgeladen ist. «Ich arbeite bewusst nicht dogmatisch. Es gibt verschiedene Wege, man muss nur herausfinden, zu welcher Behandlungsform jemand bereit ist.» Mit «Wischiwaschi» habe dies nichts zu tun; es gebe bei bestimmten Krankheitsbildern klar indizierte Therapien, welche den Schmerz lindern oder helfen, die Beschwerden auszuhalten. Immer breitere Kreise schätzen dies offenbar: Zu Bernets Klientel gehören der Freak, der Journalist und der «Businessman», der Aidspatient, die Frau mit chronischer Blasenentzündung und das ADHS-Kind. Der Männeranteil steigt stetig.
Was zahlt die Versicherung?
Ganz generell nehmen Nachfrage und Angebot im Bereich der naturheilkundlichen, alternativen, komplementären Therapie zu. Dieser Trend zeigt sich anhand des Erfahrungsmedizinischen Registers (EMR). Das Qualitätslabel prüft Therapeuten und setzt sie auf eine Liste, die von rund 40 Krankenversicherern anerkannt wird – sprich: deren Kosten die Zusatzversicherung (teilweise) übernimmt. In diesem Register sind derzeit etwa 17 200 meist nicht ärztliche Alternativ- und Komplementärtherapeuten und 125 Methoden aufgeführt. Seit zehn Jahren kommen jährlich 1200 neue dazu – plus die Nicht-EMR-Registrierten (die sich nie bewarben oder abgelehnt wurden) sowie FMH-Ärzte, die nebenbei alternativ- und komplementärmedizinische Behandlungen anbieten, sich dies jedoch nicht bescheinigen lassen.
Möchte man den Boom monetär ausdrücken, wirds kompliziert. Da viele Ärzte ihre Alternativ- und Komplementärangebote via Grundversicherung abrechnen und ein Teil der Klienten die Leistungen aus der eigenen Tasche bezahlt, sagen die Zusatzversicherungsbilanzen der Kassen nicht die ganze Wahrheit. Tendenziell allerdings nehmen die Kosten pro Kopf in den Alternativversicherungen zu: bei der CSS in den letzten sieben Jahren zum Beispiel um 57 Prozent. Die Frage, welche Leistungen zu welchem Anteil vom Versicherer übernommen werden, ist derzeit hochbrisant: Demnächst soll Bundesrat Burkhalter entscheiden, ob die Ärzte Komplementärmedizin künftig (wie bereits 2000 bis 2005) wieder von der Grundversicherung bezahlen lassen können.
Für jedes Bobo einen Guru?
Feststeht: Das Angebot ist unübersichtlich und immens, die Abgrenzung zwischen Lifestyle-/Wellnessbereich (sich eine wohlige Massage gönnen) und Therapie (gegen Rückenschmerzen in die Massage) fliessend. Nicht zuletzt deswegen wird dieser prosperierende Markt in gewissen Kreisen belächelt. Für jedes Bobo einen Guru, wird gemeckert und zynisch bemerkt, dass unsere Vorfahren das Leben auch ohne Cranio-sacral- oder Moxatherapie gemeistert hätten. Kritiker bemängeln den fehlenden Wirksamkeits- und Zweckmässigkeitsnachweis, reden von Scharlatanerie, Ersatzreligion oder «Voodoo im Quadrat» (Immunologieprofessor Beda Stadler).
Wer auf dieser Ebene argumentiert, verdrängt die Fragen, die hinter der gesellschaftspolitischen Entwicklung stecken. Wie ist es zu erklären, dass über die Hälfte der Schweizer freiwillig eine Zusatzversicherung für Komplementärmedizin abschliesst (schweizerische Gesundheitsbefragung 2007)? Vor allem: Warum nimmt das Bedürfnis nach solchen Hilfsangeboten zu?
Zeitalter des Hilfeholens
Grundsätzlich bewegen wir uns in einem Zeitalter des Hilfeholens. Wer Information braucht, googelt sich durchs Netz oder sucht in der Ratgeberflut. Ähnlich läufts bei körperlichem oder psychischem Unwohlsein: Man bittet nicht mehr die Grossmutter oder gegebenenfalls den Pfarrer um einen Tipp, man fragt den Experten. Nach dem Hype der Psychotherapie und -analyse verlagert sich die Suche nun auch in Richtung manueller und naturheilkundlicher Behandlungen.
Zudem hat sich die Definition des Sich-gesund-Fühlens verschoben: Wir sind nicht mehr «krank», sondern fühlen uns «nicht gesund». Diffuses Unbehagen motiviert zum Ausprobieren unterschiedlicher Therapien. Das muss nicht bedeuten, dass wir wehleidig oder esoterisch sind, es kann ebenso Ausdruck sein von besserem Gesundheitsbewusstsein, klarerer Selbsteinschätzung und offenem Geist.
Der Placebo-Effekt
Gleichzeitig wächst das Bedürfnis, ernst genommen zu werden. Forschungsergebnisse zeigen, dass bereits ein wohlwollendes Gespräch oder eine angenehme Stimmung Beschwerden lindern können. Oder, wie es kürzlich in einem «Zeit»-Artikel zum Thema «Warum hilft die Homöopathie so vielen Menschen» hiess: Die Biochemie im Patientenhirn verändert sich bereits im Sprechzimmer. Die Überzeugung, geheilt zu werden, führt zur Ausschüttung neurobiologischer Botenstoffe, «eine Art neuronaler Selffullfilling Prophecy».
Hinzu kommt der Placebo-Effekt, den auch Schulmediziner nicht bestreiten: Jüngst haben deutsche Medizinprofessoren gefordert, mehr Placebotherapien anzubieten. Der Placeboeffekt spielt in allen Therapieformen eine wichtige Rolle – nicht nur in der Komplementär- und Alternativmedizin.
Psychosoziale Beschwerden nehmen zu
Über all dem, so bezeugen FMH-Mediziner, steht die Tatsache, dass psychosoziale Beschwerden zunehmen und sich teilweise physisch äussern – etwa mit Schwindel, chronischen Schmerzen oder Müdigkeit. Dies hängt direkt und indirekt mit der wirtschaftlichen Lage (Stichwort Arbeitsplatzverlustangst) und dem viel zitierten Leistungsdruck zusammen.
Nun kann man dies als Luxusprobleme oder Hypochondrie auf gehobenem Niveau abtun. Naturheilpraktiker Adrian Bernet widerspricht nicht, sondern meint: «Und wenn jemand ein wehleidiger Mensch ist – warum sollte ich ihn nicht als solchen annehmen? Aus subjektiver Sicht fehlt ihm tatsächlich etwas. Es wäre überheblich, das nicht ernst zu nehmen.» Eine langjährige Yoga-Lehrerin urteilt ähnlich. Die meisten Leute kämen aus einem konkreten Grund – Rückenschmerzen toppen die Hitliste –, einige jedoch suchten nach Inhalt. «Sie sind ausgebrannt und hoffen, im Yoga neue Energie zu tanken.»
Individuelle Suche nach dem Wohlergehen
Letztlich kommen sich insofern Wellness- und Therapieangebote tatsächlich näher: Wir möchten uns Gutes tun, sei es präventiv, aus psychosozialen Motiven, wegen leichter oder gar ernsthafter Beschwerden.
Die Suche nach dem besseren Wohlergehen gestaltet sich freilich immer individueller, die Angebote dafür wachsen – auch und gerade im naturheilkundlichen und alternativ-/komplementärmedizinischen Bereich. Und das ist gut so. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.01.2011, 12:12 Uhr
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18 Kommentare
@Markus Müller: Es freut mich für Sie, dass Sie so leistungsfähig und gesund sind, dass Sie auf Bergwanderungen können. Ich kann dies wegen starker chronischer Schmerzen nicht mehr. Und ich bin froh neben der Schulmedizin, noch auf komplementäre Methoden zugreifen zu können. Es ist arrogant, die hilfreichen Heilmethoden nur den Reichen zu ermöglichen, weil die Versicherung nicht zahlt. Antworten
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