Leben
Wenn Frauen zum Muttertier werden
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 31.03.2011 34 Kommentare
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Wenn Philipp E.*, 38, abends nach Hause kommt, steht seine Frau Sandra, 37, in der Küche, Tochter Lisa spielt im Wohnzimmer, Sohn Noah sitzt in seinem Hochstuhl. Philipp E. küsst seine Frau auf den Nacken, und sie sagt: «Hallo, das Essen ist gleich fertig.» Bei Tisch erzählt sie, wie Lisa heute beinahe von der Schaukel gefallen sei und danach einen Regenwurm gerettet habe. Dazwischen füttert sie den Kleinen, redet und lacht mit ihm, während Philipp E. sich mit Lisa unterhält und den Schaden, den Tomatenspaghetti in Kombination mit einer Dreijährigen anrichten können, in Grenzen zu halten versucht.
Dann, irgendwann, sind die Kinder im Bett. Und Philipp E. würde seiner Frau gerne von seinem neuen Mandat erzählen, davon, dass es um einen spektakulären Betrug geht und um eine Menge Geld und dass ihm von der Sitzung mit dem Klienten immer noch der Kopf brummt. Aber er lässt es bleiben, obwohl seine Frau ebenfalls Juristin ist und die Dimensionen seines neusten Falles verstehen würde. Bloss wird sie ihm nicht zuhören. Sie hat das Interesse an seiner Welt verloren. Seine Frau, sagt Philipp E., sei seit der Geburt von Lisa vor drei Jahren zum Muttertier mutiert. Das Magazin «Focus» prägte einst den Begriff «Muttierung» und benannte damit jenes Phänomen, das Philipp E. mit wachsender Besorgnis an seiner Frau beobachtet: das Aufgehen in der Mutterrolle, das einhergeht mit dem totalen Desinteresse an allem, was nicht mit den eigenen Kindern zu tun hat. Die Muttierung ist ein Rückzug in die private kleine Welt der Familie, eine Verabschiedung von der Aussenwelt, der Berufswelt und ja, im weitesten Sinne auch von der Welt der Sexualität.
Sind die Frauen feige?
Die französische Philosophin Elisabeth Badinter beleuchtete letztes Jahr in ihrem Buch «La femme et la mère» kritisch die Tatsache, dass sich vor allem gut ausgebildete Frauen zunehmend aus der Arbeitswelt verabschieden und sich recht eigentlich in die Mutterrolle flüchten würden, weil die Alternative – berufstätige Mutter – zu anstrengend und zu unbefriedigend sei. Sie schrieb, dass dadurch die Mutterschaft in einem Ausmass zelebriert werde, das weder für die Frauen noch für die Kinder gesund sein könne, ganz abgesehen davon, dass die Frauen nicht an ihre längerfristige Zukunft denken würden.
Ähnliches stellt auch Bascha Mika fest, ehemalige Chefredaktorin der «Tageszeitung», die in ihrem aktuellen Buch den Frauen um die Ohren haut, dass mitnichten nur die Männer dafür verantwortlich seien, dass der Anteil von weiblichen Führungskräften nach wie vor erschreckend niedrig sei, sondern dass den Frauen schlicht und einfach der Mut für einen eigenständigen Lebensentwurf fehle. In «Die Feigheit der Frauen» analysiert sie, wie wenig Kampfeslust die Frauen an den Tag legen und wie schnell sie bereit sind, ihre einstigen Ideale zu verraten. Das, sagt Mika, sei nichts anderes als der Weg des geringsten Widerstandes. Frauen könnten nicht immer nur jammern, dass sie benachteiligt seien, sondern müssten auch bereit sein, etwas für den Fortschritt ihres eigenen Geschlechts zu tun – dafür müsse man hin und wieder in der Berufswelt auf die Zähne beissen. Und nicht beim ersten Problem dankbar die Alternative des Mutterseins ergreifen. Beide Bücher haben heftige Kontroversen ausgelöst – unter Frauen. Männer meldeten sich nicht zu Wort und wurden gar nicht erst gefragt, obwohl sie ebenfalls sehr direkt davon betroffen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass sie deshalb schweigen, weil sie die Entwicklung gutheissen. Dass sie erleichtert sind, wenn ihre Frauen an den Herd zurückkehren und die Rollenaufteilung wieder klar ist. Es erspart ihnen nächtelange Diskussionen über die Organisation des Alltags, die Aufteilung der Hausarbeit und der Kinderbetreuung – Paare, bei denen beide Teile berufstätig sind, können ein Lied davon singen. Es mag also Männer geben, die es begrüssen, wenn ihre Frauen «vermausen», wie Mika das nennt. Es gibt aber auch die anderen. Jene Männer, die darüber ganz und gar nicht glücklich sind. Philipp E. ist so ein Mann.
Der Mann, das dritte Kind
Dass sich eine Partnerschaft nach der Geburt von Kindern verändert, war ihm klar. Auch, dass darunter das Sexualleben leidet, eventuell gar die Beziehung an sich, dass die persönlichen Bedürfnisse zu kurz kommen und es häufiger Konflikte gibt. Bloss hatte Philipp E. nicht damit gerechnet, dass seine Frau zum Muttertier werden würde. Dass sie nicht länger eine Partnerin auf Augenhöhe sein würde, sondern nur noch und ausschliesslich Mutter.
Manchmal, sagt er, komme er sich vor wie ihr drittes Kind und nicht wie ihr Mann. Selbst wenn Besuch komme, sei ein Gespräch unter Erwachsenen kaum mehr möglich, die Kinder dominierten entweder mit ihrer Dauerpräsenz oder als Thema. Seine Frau rede in Kindersprache, rutsche auf dem Boden herum, habe immer Sohn oder Tochter auf dem Arm. Philipp E. ist das peinlich. Er schämt sich dann. Er schämt sich für seine Frau und noch mehr für sich selbst. Weil er seine Frau nach wie vor liebt, aber nicht mehr attraktiv findet.Er sagt: «Es geht nicht darum, dass meine Frau auch noch total souverän einen Konzern leiten muss. Sie muss keine Überfrau sein, bei Gott nicht. Ich wünschte mir bloss, dass ein Hauch ihrer alten Interessen und Facetten zurückkehren würde. Damit wieder Gespräche möglich sind wie früher, dass es einen Austausch gibt, der diesen Namen verdient. Dass sie wenigstens in gewissen Momenten ihre Rolle als Mutter ablegen kann – vor allem mir gegenüber.»Wenn er von der verloren gegangenen Attraktivität spricht, dann hat das nicht nur damit zu tun, dass er die Weltsicht seiner Frau als eindimensional empfindet, dass er intellektuell zu kurz kommt. Es geht auch um ihre Weiblichkeit und sehr konkret um ihr Äusseres. Philipp E. windet sich: «Ich bin kein Macho, eben gerade nicht. Sandra muss nicht im Mini und in Stöckelschuhen und mit Make-up herumrennen, um mir zu gefallen. Aber ein bisschen mehr Weiblichkeit fände ich schön.» Bei seiner Frau müsse jetzt alles nur noch praktisch sein. Wieder betont er, dass ihm bewusst sei, dass sich bei Frauen mit der Mutterschaft der Fokus verändere, dass sie weniger Zeit hätten für sich selbst.Aber die ausgelatschten Bequemschuhe, die am Hintern hängenden Hosen, die strähnigen Haare seien Sandras Anziehungskraft doch etwas abträglich. Dass sie keinerlei Ehrgeiz an den Tag legt, immerhin ein bisschen von dem durch die Schwangerschaft zugelegten Gewicht loszuwerden, macht es auch nicht einfacher. «Meine Frau», sagt er, «ist zu einer Art Neutrum geworden. Attraktiv sein zu wollen, kommt ihr nicht mehr in den Sinn. Sie ist ja jetzt Mutter.»
Emanzipierte Männer verlieren
Philipp E. ist das Opfer seiner eigenen Emanzipiertheit. Er will kein Heimchen am Herd, er hat schliesslich auch kein solches geheiratet. Bloss denkt seine Frau vorerst nicht daran, wieder ins Berufsleben einzusteigen, obwohl das so abgemacht war. Sie findet es super mit den Kindern daheim, sagt Sätze wie «Dieses ganze Karrierestreben macht doch krank» und «Die Familie ist das Wichtigste». Ihr Mann will ihr da gar nicht widersprechen, allein das Ausmass ihrer Vehemenz ist ihm unheimlich.
Er gibt Bascha Mika durchaus recht, wenn sie die Frauen feige nennt: «Ich würde schon auch sagen, dass das Muttersein für meine Frau ein willkommener und vor allem auch gesellschaftlich akzeptierter Ausstieg aus dem Berufsleben war. Sie konnte in ihrer Kanzlei nie so richtig Fuss fassen, und als sie sich für zwei, drei andere Stellen bewarb und es nicht klappte, wurde plötzlich das Thema Kinder sehr aktuell.»Sandra sei glücklich, meint Philipp E. Nur er, er ist ratlos. Ein-, zweimal hat er bisher versucht, das Thema anzusprechen, ganz vorsichtig. Seine Frau reagierte beleidigt, unwirsch. Er solle doch froh sein, dass sie die Kinder nicht in die Krippe stecke und sich so gut um sie kümmere, das sei entscheidend für ihr Leben. Ihr Mann hat den Kopf eingezogen, sein schlechtes Gewissen ist riesig, er kommt sich undankbar vor – aber auch unverstanden. Er hat mit Freunden darüber gesprochen; zwei haben zugegeben, dass es ihnen ähnlich geht, sie aber bei ihren Frauen mit ihren Anliegen auf Granit bissen: «Mütter zu kritisieren, ist das Heikelste, was man tun kann, man kann dabei eigentlich nur verlieren.»Und so hofft Philipp E., dass sich die Situation bessern wird, wenn Noah in den Kindergarten geht und seine Frau wieder mehr Zeit hat, sich anderen Dingen zuzuwenden. Dass dann ihr Interesse an der Aussenwelt wieder erwacht. Bis dahin dauert es noch drei Jahre.
* Name geändert (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.03.2011, 19:43 Uhr
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34 Kommentare
Ein sehr guter Artikel, von einer Frau für Frauen geschrieben. Wahrscheinlich wird er aber wieder nur reflexartige Abwehrreaktionen und die üblichen Schuldzuweisungen hervorrufen. Schade eigentlich, dabei sind einige Dinge doch gut beobachtet. Was soll beispielsweise dieses nervige Reden von Müttern in der Kindersprache? Warum gibt es ausser Kindern faktisch keine Themen mehr? Antworten
Und nach 10 Jahren, wenn die Kleinen eingeschult sind und sie anfängt, sich zu Hause zu langweilen, kriegt der gute Philipp zu hören, er sei Schuld an ihrer Misere. Nach weiteren 2 bis 3 Jahren legt sie sich einen Freund zu, reicht sie die Scheidung ein, nimmt die Kinder selbstverständlich mit, weil er sich ja NIE um sie gekümmert hat und er kann zahlen bis er schwarz ist. Antworten

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