Wenn der Chef trinkt

Von Erika Burri. Aktualisiert am 09.02.2010 16 Kommentare

Bündner Polizisten haben mit ihrem Kommandanten Alkohol getrunken – obwohl bekannt war, dass der ein Alkoholproblem hat. Was tun, wenn der Chef trinkt? Auf keinen Fall zuschauen.

Wenn der Chef eine Flasche öffnet, fühlen sich Mitarbeiter nicht selten verpflichtet, mitzutrinken.

Wenn der Chef eine Flasche öffnet, fühlen sich Mitarbeiter nicht selten verpflichtet, mitzutrinken.
Bild: Keystone

Die «SonntagsZeitung» brachte vergangenen Sonntag neue Details zum Bündner Polizeikommandanten und WEF-Sicherheitschef Markus Reinhardt ans Licht. Der 61-Jährige nahm sich am 26. Januar das Leben. Der Chef soll «im Dienst» mit seinen Mitarbeitenden – Polizisten – bei einem Sicherheitsrundgang im Vorfeld des World Economic Forum (WEF) Alkohol getrunken haben. Ausgeschenkt hat den Bündner Röteli ein Davoser Bauer, auf dessen Feld jeweils die VIPs mit dem Helikopter landen.

Das Alkoholproblem des Kommandanten war offenbar kein Geheimnis. Reinhardt gehörte zu den rund fünf Prozent der Bevölkerung, die an Alkoholabhängigkeit leiden. Diese macht sich auch am Arbeitsplatz bemerkbar – oder die Arbeit ist gar Auslöser für ein Alkoholproblem.

Wie die Schweizerische Fachstelle für Alkohol und andere Drogenprobleme (SFA) auf ihrer Website schreibt, trinken Arbeitnehmer und Chefs mit körperlich anstrengenden Berufen tendenziell mehr. Zum Beispiel Bauarbeiter, Landwirte oder Lagerarbeitende. Nicht selten wird da der Durst mit Bier gelöscht – mit fatalen Folgen.

Auch in Berufsfeldern, wo der persönliche Kontakt zu Kunden oder Klienten besonders intensiv ist, wird mehr getrunken: Etwa bei Vertretern, Wirten, Journalisten oder eben Polizisten. Zu dieser Berufsgruppe gehörte auch der Bündner Kommandant.

Wer sagt es dem Chef?

Normalerweise ist es der Vorgesetzte, der Arbeitnehmende zur Seite nimmt, wenn die Leistungen nicht mehr stimmen oder ein Mitarbeiter negativ auffällt. Doch wer sagt dem Chef, dass Alkohol sein Problem ist?

Vorgesetzte prägen nicht selten die Unternehmenskultur. Sie können bestimmen, ob beim Apéro, beim Weihnachtsessen oder eben beim Bauer am Küchentisch nochmals eine Runde bestellt oder eine Flasche geöffnet wird. Laut SFA trinken Mitarbeiter mit dem Chef, weil sie sich dazu verpflichtet fühlen. Der Chef selber trägt dazu bei, dass der Alkoholkonsum sogar «im Dienst», wo Alkohol absolut verboten wäre, verharmlost wird. Oft werden Chefs, die die Mitarbeitenden schätzen, lange gedeckt, manchmal zu lange.

Alkoholsucht: Lange ein Tabuthema

Alkohol am Arbeitsplatz ist ein heikles Thema. «Der missbräuchliche Konsum von Alkohol gehört zu den meist verbreiteten Suchtkrankheiten», sagt Daniel Isenring vom Blauen Kreuz Zürich. Die Arbeitswelt sei ein Abbild der Gesellschaft. Lange war Alkoholabhängigkeit von Arbeitskollegen und Chefs ein Tabuthema. Auch wenn man inzwischen das Problem benennt: Nach wie vor fällt es Mitarbeitern schwer, ihren Chef oder ihre Chefin mit der Sucht zu konfrontieren.

Isenring vom Blauen Kreuz rät, auf jeden Fall eine Beratungsstelle zu konsultieren, bevor man den Vorgesetzten auf dessen Problem anspricht. «Doch ist es wichtig, dass das Problem angesprochen wird», sagt der Suchtexperte.

Nur Zuschauen und den Vorgesetzten decken kann schlimme Folgen haben. «Ich kenne niemanden, dem gekündigt wurde, nur weil er seinen Chef auf seine Sucht angesprochen hat», sagt Isenring.

Ein Alkoholkonzept zeigt den Weg auf

Noch besser, als bei einer Alkoholsucht zu intervenieren, ist, das Problem im Voraus anzupacken. Ein Alkoholkonzept für Firmen ist für Isenring eine nachhaltige Lösung. Ein solches legt fest, wie mit Alkohol am Arbeitsplatz umgegangen wird, wie viel es, wenn überhaupt, verträgt und wie man vorgeht, wenn ein Mitarbeiter oder eben ein Vorgesetzter suchtkrank wird. Darin steht explizit, an wen man sich wenden kann, wenn man eine Alkoholabhängigkeit bei Kollegen vermutet. Auch die rechtlichen Grundlagen werden im Konzept festgehalten: Ein Vorgesetzter darf niemanden dazu zwingen, mit ihm Alkohol zu trinken.

Gebe es in der Firma ein Konzept, hätten Mitarbeitende eher den Mut, die Krankheit eines Vorgesetzten zu thematisieren, sagt Isenring. «In einem Konzept ist der Weg, wie man interveniert, vorgezeichnet.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.02.2010, 11:58 Uhr

16

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

16 Kommentare

Bart Webster

09.02.2010, 14:14 Uhr
Melden

@Roberto Gardin: 1.) Langweiler sind mal definitiv kein Genuss 2.) Ob Alkohol mit Kokain gleichzusetzen ist, wäre eine andere Frage. 3.) Lieber einen coolen Chef/Leader mit Alkoholproblem, als irgend einen enthaltsamen, inkompetenten Bünzli. 4.) Hochs und Tiefs, mit oder ohne "Drogen" gehören zum Leben. Der eine frisst sich tot, der andere trinkt, der seriöse Sportler fällt die Treppe runter... Antworten


lisa tschudin

09.02.2010, 11:13 Uhr
Melden

es ist schon schwierig freunde oder familienmitglieder auf ihre sucht anzusprechen. und oft lebt man einfach damit. einen vorgesetzten zu konfrontieren, halte ich fuer unmoeglich, die reaktion waere wohl eher negativ fuer den mitarbeiter. Antworten



Leben

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz