Wenn der Tisch reden könnte, hätte er viel zu erzählen
Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 10.02.2010
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Die Marke Tossa
1994 gründeten Beat Hübscher und Sonja Loosli das Label Tossa. Das Herzstück der Kollektion sind Tische, Betten und Sideboards aus Massivholz, die nicht rustikal, sondern modern und puristisch wirken. Die Werkstatt ist in Steg im Zürcher Tösstal beheimatet, produziert wird in kleinen Serien. Das Unternehmen beschäftigt heute 11 Mitarbeiter und 3 Lehrlinge. Viele Entwürfe stammen von Hübscher/Loosli selber, einige von externen Designern, z. B. Jörg Boner und Beat Karrer. In den letzten Jahren hat sich Tossa trotz oberem Preissegment gut im Markt etabliert – rund 50 Einrichtungshäuser (Schweiz, Deutschland, Österreich) führen die Möbel in ihrem Sortiment.
Ein Tisch ist sowohl die Plattform gemeinsamer, fröhlicher Tafelrunden wie auch verschwiegene Grundlage einsamer, ernster Gedanken und vielsagender Rotweinränder. Tische nehmen gutmütig Geschichten auf – und erzählen selber welche. Mesa hätte viel zu erzählen, wenn er reden würde. «Er ist unser bestes Stück, ohne ihn könnten wir nicht sein», finden Sonja Loosli und Beat Hübscher unisono, «er ist das Zentrum unseres Wohnens.» Aber nicht nur. Er ist auch die Wegmarke einer Erfolgsgeschichte.
Als Aussteiger ins Tösstal
1997, drei Jahre nach der Firmengründung von Tossa, brachte das Unternehmerpaar den Holztisch mit den Aussenbeinen auf den Markt, traf damit millimetergenau den Zeitgeschmack und wurde bei einem Publikum bekannt, das an klarem Design interessiert war. Heute sind Mesa und sein Bruder Ultimo Bestseller. Das Spezielle an Tossa-Möbeln ist, dass sie einen holzig anheimeln, aber deutlich sind in ihrer Strenge und je nach Umgebung völlig unterschiedlich wirken. Darum gefallen sie modebewussten jungen Leuten, aber auch einem älteren, gutbürgerlichen Publikum.
Zurzeit schweigt Mesa, denn er wird aufgefrischt in der Werkstatt nebenan, parat gemacht für eine 2-Zimmer-Loftwohnung in der Überbauung des ehemaligen Haldengut-Areals in Winterthur, der neuen Bleibe von Sonja Loosli und Beat Hübscher. Im Herbst ist Umzug. 30 Jahre lang gehörte das rührige Ehepaar zu Steg wie der Stuhl zum Tisch. «Wir kamen als eine Art Aussteiger ins Tösstal», sagt Beat Hübscher. Das war Ende der 70er-Jahre. Vom Schreinern hatten sie nicht viel Ahnung, sie waren kaufmännische Angestellte und holten sich das nötige Knowhow in einer genossenschaftlichen Drechslerei in Steg. An der Töss wollten sie etwas Eigenes auf die Beine stellen. Was in der Branche für Aufsehen und Skepsis sorgte – Hilfe, Autodidakten! Können die das?
Zeit für eine Veränderung
Sie konnten und mieteten die stillgelegte ehemalige Weberei am Fluss für die Fertigung der Kollektion. Das dazugehörige quadratische Meisterhaus mit dem spitzen Ziegeldach und den grünen Fensterläden machten sie zum Wohnhaus. Hier haben sie nun 15 Jahre lang gelebt, ihre beiden Kinder grossgezogen und fanden es «eine sehr gute Zeit». Aber nun ist Schluss – Zeit für Veränderung. Das Haus ist bereits verkauft, und das Paar bewohnt bis zum Umzug die kleine Wohnung im Dachgeschoss, das es einst für den Sohn ausgebaut hatte.
Warum verlässt man ein solches Bijou? Noch dazu, wenn der Arbeitsweg zur Werkstatt gerade mal 10 Meter beträgt. «Mit 57 Jahren haben wir uns die Frage gestellt, wie es weitergehen soll. Wie wollen wir später leben, im Alter?», sagt Sonja Loosli. Nun könnte man einwenden, dass 57 noch kein Alter ist. Das Haus hat einen Lift – folglich könnte man hier auch mit zweiter Hüfte und dritten Zähnen lange leben. «Wir hatten Lust auf etwas Neues, das zieht sich auch durch unsere berufliche Arbeit», fügt Beat Hübscher bei. Ausserdem wohnten viele Freunde und Bekannte in Winterthur, und die Nähe zu Zürichs kulturellem Angebot sei gerade im Alter, wenn man es etwas geruhsamer nehme, von grossem Wert.
Duftmarken des Werdegangs
Geruhsam? In der Werkstatt rasseln die Fräsen, und die Schmirgelscheiben sausen mit voller Kraft über edle Nussbaumhölzer. Das soll auch so bleiben, am Produktionsstandort wird nicht gerüttelt. Nur gewohnt wird andernorts, auf einer wesentlich kleineren Fläche. Was nimmt man also mit? Wovon kann man sich trennen? Was will man auf keinen Fall weggeben, auch wenn es überhaupt nicht ins neue Umfeld passt? Fragen, vor denen alle stehen, die nach langer Zeit zügeln. Aussortieren ist immer auch ein Aufarbeiten der eigenen Lebensgeschichte.
Bei Kreativen wie Loosli/Hübscher ist das Thema insofern speziell, als sie mit ihren eigenen Möbeln leben – Prototypen, Sonderanfertigungen, Möbel aus der eigenen Kollektion. Ein Konglomerat von Duftmarken des eigenen Werdegangs. Schriftsteller könnten sich aus ihren geschriebenen Büchern einen Altar bauen und davor Tee trinken, aber besonders gemütlich wäre das nicht. Loosli/Hübscher hingegen können am eigenen Tisch speisen. Das ist auf eine Weise praktisch, aber möglicherweise auch frustrierend. Ärgert man sich nicht, wenn man stets mit dem konfrontiert ist, was man selber «verbrochen» hat? «Ich habe zu all unseren Dingen ein positives Verhältnis», sagt Beat Hübscher. Der Prototyp einer Kommode ist für ihn, auch wenn sie nicht vollkommen ist, das Beweisstück dafür, dass sich das Pröbeln, das Feilen bis zur Produktionsreife gelohnt hat.
Wohin mit den vielen Bildern?
Etliche Möbel hat das Paar der Tochter vermacht – sie lebt gemäss Vater «sehr Tossa-mässig». Zum Glück. Einiges ist im Werkstattlager eingestellt, und was unbedingt mit muss, steht nun in der kleinen Dachwohnung. Die ist gerade jetzt, während des Provisoriums, besonders charmant, denn Sonja Loosli und Beat Hübscher sind keine Stilpuristen. Im Gegenteil, sie plädieren für den Mix. Ihre engsten Vertrauten sind ein tomatenroter Corbusier-Sessel, eine gradlinige Couch mit bunten Kissen, der Tisch aus eigener Kollektion mit mehreren pastellfarbigen Alias-Stühlen, ein dunkles, wohnliches Holzregal für Bücher und noch mehr – und unter all dem ein roter, hochfloriger Teppich von Ruckstuhl, der aussieht wie eine Korallenbank. Dazu einige Schubkasten-Schränkchen aus gehobeltem Sperrholz – freundliche Sonderlinge aus alten Zeiten.
Nicht viel eigentlich, aber mehr soll es auch nicht sein in der neuen Wohnung. Nur die Bilder von befreundeten Künstlern werden Schwierigkeiten machen. Nicht weil sie nicht passend wären, sondern weil es so viele sind. Die stark farbige «Street Parade» des verstorbenen Malers Philipp Trautmann bekommt wieder einen Ehrenplatz. Aber wohin mit all den anderen Originalen? Beat Hübscher meint: «Dann machen wir halt eine Wechselausstellung.» Der Wechsel gehört in Steg ja zum Programm.
Schwebende Tischplatte
Und so ist auch die Zeit für all die Tische mit den vier Aussenfüssen allmählich abgelaufen, an denen Zeitgeistler heute so gerne dinieren. Designer Jörg Boner hat für Tossa unlängst Volata kreiert – einen Esstisch, der seine Beine endlich wieder diskret unter den Tisch stellt. Damit die Tischplatte umso mehr zu schweben scheint. Sonja Loosli meint dazu: «Aber es wird wieder Jahre brauchen, bis die Leute dafür bereit sind.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.02.2010, 04:00 Uhr

































































































































