«Wenn der Vater Vollzeit arbeitet, hat die Mutter schon verloren»

Sabine R. ist Mathematikerin und Mutter zweier Kinder. Nach zehn Jahren Doppelbelastung gibt sie ihren Job auf. Sie kann nicht mehr.

Und doch bleibt alles an ihr hängen: Eine arbeitende Frau mit Baby.

Und doch bleibt alles an ihr hängen: Eine arbeitende Frau mit Baby. Bild: Keystone

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Manchmal, wenn sie von schwangeren Kolleginnen um Rat gefragt wird, weiss sie nicht, was sie antworten soll. Dass sie selbst damals naiv war? So naiv, dass sie tatsächlich daran glaubte, Beruf und Familie liessen sich problemlos unter einen Hut bringen, weil sich Mann und Frau alles fair aufteilen würden? Dass sie heute, nach zehn Jahren Doppelbelastung und Krampfen bis zum Umfallen, nicht mehr kann, dass sie den Job gekündigt hat? Und dass sie, im Wissen darum, was auf sie zukommt, heute auf Kinder verzichten würde, weil der Preis zu hoch war, sie auf der Strecke geblieben ist?

Sie weiss nicht, ob sie das alles sagen soll. Sie will nicht bitter klingen. Also sagt sie: «Macht euch keine Illusionen. Für Mütter gelten andere Regeln als für Väter.» Die jungen Frauen lachen dann, winken ab und sagen, dass sie selbstverständlich mit ihrem Partner abgemacht hätten, sich alles fair zu teilen. Viel Glück, denkt sie und lächelt wehmütig.

Steinzeitliche Schweiz

Sabine R.* ist 45. Sie ist Doktorin der Mathematik, hat zwei Kinder und einen Mann, der ebenfalls Doktor der Mathematik ist, sie arbeitete stets 80 Prozent, er Vollzeit. Sie vereinbarten damals auch, alles hälftig zu teilen, das war Voraussetzung, dass sie sich überhaupt auf das Projekt Familie einliess; ihr Mann wollte unbedingt Kinder, sie nicht zwingend. Da man sich auf Augenhöhe begegnete – beide hatten dieselbe Ausbildung, beide starteten mehr oder weniger gleichzeitig ins Berufsleben –, gab es keinen Grund, weshalb sie mehr Hausarbeit übernehmen sollte als er oder weshalb seine Karriere wichtiger sein sollte als ihre.

Sabine R. sitzt im Restaurant Terrasse, eine hübsche Frau mit einem fein geschnittenen Gesicht und klaren, braunen Augen; man ertappt sich verschämt beim Gedanken, dass man sich eine Mathematikerin anders vorgestellt hat, man weiss nicht recht, wie, vielleicht nicht so weiblich und so zart.

Geräteschuhe und Augenarzttermine

Sie rührt in ihrem Chai Latte und erzählt. Davon, dass sie vor kurzem ihren Job gekündigt hat, weil sie im vergangenen Jahr eine Erschöpfungsdepression erlitt, weil sie einfach nicht mehr konnte, weil sie die zehn Jahre Doppelbelastung an den Rand des Zusammenbruchs getrieben hatten. Sie weiss nicht, ob sie das aushält, so daheim als Hausfrau, es war für sie immer unvorstellbar gewesen, nicht in ihrem geliebten Beruf zu arbeiten. Ohne Larmoyanz, nüchtern und analytisch beschreibt sie, wie es so weit kommen konnte, dass sie sich aus dem Berufsleben zurückzieht, wie frustriert sie ist, wie enttäuscht. Sie sei nicht mehr wütend, sagt sie, es sei schlimmer, sie habe vollkommen resigniert. Die Situation für berufstätige Mütter sei hierzulande auch 2013 immer noch steinzeitlich, sagt sie, und das mache Frauen wie ihr das Leben mitunter zur Hölle. Deshalb möchte sie ihre Geschichte erzählen.

Lange trieb sie die Frage um, wann alles begonnen hatte. Wo sie den ersten, entscheidenden Fehler begangen hatte, der dann alles in die falschen Bahnen lenkte, dahin, dass sie sich mit einem Mal in der klassischen Rollenverteilung wiederfand. Dass sie nebst ihrem 80-Prozent-Pensum ganz automatisch für den Kauf der neuen Geräteschuhe für die Kinder zuständig war, für den Termin beim Augenarzt, für die Organisation der Betreuung, für überhaupt alles, was zu den familiären Pflichten zählt.

Ausgerechnet sie, die als Frau in einer Männerdomäne nie Diskriminierung erfahren hatte, musste irgendwann feststellen, dass die Geschlechter mitnichten als gleichwertig wahrgenommen werden: «Gleichberechtigung war für mich selbstverständlich, ich kannte es nicht anders. Sobald ich Mutter wurde, verstand ich, dass dem nicht so ist. Mit einem Mal spielte meine Biologie eine Rolle. Mit einem Mal stand fest, dass ich für gewisse Aufgaben zuständig sein sollte, und nicht mein Mann. Es wurde von mir ganz allgemein mehr Verzicht, mehr Verständnis, mehr Grosszügigkeit und mehr Anpassung gefordert, nicht nur von meinem Mann, sondern auch von meinem Umfeld.» So war das nicht geplant gewesen.

Permanent am Limit

Ihr entscheidender Fehler, sagt sie heute, sei gewesen, dass sie ihrem Mann ein 100-Prozent-Pensum zugebilligt habe – wer Vollzeit arbeite, fühle sich weniger verantwortlich, die kleinen, lästigen Pflichten des Alltags blieben an demjenigen hängen, der weniger arbeitet, auch wenn das «weniger» in ihrem Fall 80 Prozent betrug. Wenn sie ihn an ihren Pakt erinnerte, daran, dass man sich alles teilen wollte, wenn sie ihn bat, endlich sein Pensum zu reduzieren und seinen Anteil zu übernehmen, fand er immer Gründe, weshalb das jetzt gerade nicht möglich sei, und irgendwann erklärte der Mathematiker der Teilzeit arbeitenden Mathematikerin gar, in seinem Beruf sei Teilzeitarbeit unmöglich. Da verstand sie, dass seine Interessen immer vorgehen würden, weil sie sich nicht früh genug durchgesetzt hatte.

Sie beobachtet deshalb mit Unbehagen, dass sich Frauen immer häufiger länger als die vier Monate in den Mutterschaftsurlaub verabschieden, und verwirft die Hände: «Die Frauen unterschätzen, wie sehr in diesen Monaten die Rollenverteilung definiert wird, aus der sie danach kaum mehr rausfinden. Wer Vollzeit arbeitet, kann sich aus gewissen Dingen raushalten, die Machtverhältnisse sind ganz klar verteilt.»

Die klassische Frauenfalle

Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass so vieles an ihr hängen blieb, dass ihr das Unmengen Kraft abverlangte neben ihrem anspruchsvollen Job. Sie bestand auf ihrem Recht, bettelte, forderte, tobte, weinte. Weil sie die ganze Streiterei ermüdete, sie sich dadurch in der Rolle der zänkischen Frau wiederfand, die so gar nichts mit ihr gemein hatte, gab sie immer öfter nach. Und so schlich sie sich ein, die Gewohnheit, dass sie immer mehr der kleinen, zeitraubenden Aufgaben übernahm, und weil sie irgendwann auch alles besser, schneller und effizienter erledigte, hätte es den Alltag unnötig verkompliziert, wenn sie ihrem Mann jedes Mal hätte erklären müssen, wo er dies finde und wie jenes zu machen sei. Sie sagt: «Das war verheerend. Ich tappte in die klassische Frauenfalle. Wir Frauen scheinen das grössere Verantwortungsbewusstsein zu haben – und das rächt sich.»

Sie kann sich an ein Podiumsgespräch erinnern, damals, an der ETH, als geladene Professorinnen darüber sprachen, wie sie Familie und Beruf unter einen Hut brächten. Die Frauen waren sich einig, dass es zwar schwierig, aber letztlich nur eine Frage der Organisation sei. Sie sass als Studentin im Publikum und war beeindruckt. Bis sich eine zuhörende Ärztin zu Wort meldete und energisch widersprach: Sie glaube den Frauen da vorne auf der Bühne kein Wort – ihre Patientinnen schilderten ihr die Situation wesentlich weniger rosig, sie sprächen von Erschöpfung und davon, in jeder Hinsicht zu kurz zu kommen.

Sabine R. sagt, sie wisse heute, dass die Ärztin recht gehabt habe: Den Begriff Doppelbelastung verwende man bezeichnenderweise nur im Zusammenhang mit berufstätigen Müttern – nicht im Zusammenhang mit berufstätigen Vätern. Und es macht sie wütend, dass berufstätige Mütter so tun, als ob alles so überhaupt kein Problem wäre. «Keine steht hin und sagt: Es fordert mir das Letzte ab, weil die Gesellschaft immer noch mehr verlangt von einer Mutter als von einem Vater. Wer sich keine Nanny leisten kann – was für Mittelklassfamilien unmöglich ist –, ist permanent am Limit, trotz Krippe oder Hort.»

Das kann sie nicht schönreden

Sabine R. ist mit denselben Voraussetzungen in das gemeinsame Projekt Familie gestartet wie ihr Mann. Die Bilanz, die sie nach zehn Jahren zieht, ist aus ihrer Sicht ernüchternd: Sie ist nicht nur erschöpft, sondern empfindet sich auch als gescheitert, beruflich sei sie trotz ihres Engagements nirgends, Karriere gemacht habe ihr Mann, und zwar auf ihre Kosten. Fühlt sie sich betrogen? Sie antwortet ohne zu zögern: Ja. Es sei ein hässliches Gefühl.

Bleibt dennoch die Frage: Was sollen junge, ambitionierte Frauen denn jetzt tun? Sie denkt lange nach. Und sagt dann: «Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, ich weiss es nicht. Ich weiss nur eines: Frauen, die beruflich weiterkommen wollen, die sich also nicht mit einem 50-Prozent-Job zu begnügen gedenken und die davon ausgehen, dass ihr Mann mitzieht, sollten sich niemals darauf einlassen, dass er Vollzeit arbeitet. Wenn sie das tun, haben sie schon verloren. Und so sehr es mich schmerzt, das zu sagen: Solange für Mütter nicht dieselben Massstäbe gelten wie für Väter, würde ich einer Frau, die ihren Beruf liebt und keinen innigen Kinderwunsch verspürt, auf jeden Fall davon abraten, eine Familie zu gründen.»

Der Preis, den sie dafür bezahlt habe, sei hoch gewesen. Zu hoch, als dass sie das Ganze schönreden könnte.

* Name der Redaktion bekannt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.03.2013, 10:22 Uhr)

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