Wenn die Religion ins Spiel kommt

Um mit Kopftuch Basketball spielen zu können, geht Sura al-Shawk vor Gericht. Die 19-jährige Gymnasiastin flüchtete vor 10 Jahren mit ihrer Familie aus dem Irak in die Schweiz. Dann begann eine Bilderbuch-Integration.

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Basketball ist ein trickreiches Spiel. Man täuscht dem Gegner vor, links an ihm vorbeizurennen und dribbelt sich schliesslich auf der rechten Seite durch. Oder man tut so, als würde man den Ball in den Korb werfen und spielt ihn im letzten Augenblick einem Mitspieler zu.

Sura al-Shawk hatte solche Finten schon verinnerlicht, als sie als Kind noch in Bagdad lebte. Im wirklichen Leben verzichtet sie darauf. Sie hätte den Ausgang der Abstimmung über die Anti-Minarett-Initiative vom Sonntag abwarten können, ehe sie das Amtsgericht in Luzern anrief. Dort will sie durchsetzen, mit Kopftuch Basketball spielen zu dürfen. Hätte sie den Sonntag verstreichen lassen, wäre ihr Wunsch weniger politisch aufgeladen worden. Doch die 19-Jährige sagt: «Auf diese Idee bin ich gar nicht gekommen. Das eine hat ja mit dem andern nichts zu tun.»

Plötzlich ein Problem

Sura al-Shawk hat schon mit Kopftuch Basketball gespielt, als Gerichte, Juristen und Medien noch gar nicht davon wussten. Und sich weder ihre Mitspielerinnen im STV Luzern noch ihre Gegnerinnen oder die Zuschauer daran störten. Erst im Sommer dieses Jahres verbot ihr der Basketballverband das Tragen des Kopftuchs: Weil Sport politisch und religiös neutral sein müsse. Und weil von ihrem Kopftuch eine Verletzungsgefahr ausgehe. Für ihren Trainer Danijel Brankovic ist der Entscheid unverständlich: Das Kopftuch beeinträchtige das Spiel in keiner Weise.

Sura al-Shawk akzeptierte die Anordnung trotzdem und spielt seither gar nicht mehr. «Das Kopftuch ist Teil meiner Identität. Wenn ich es ablegen würde, ginge ein Teil meiner Persönlichkeit verloren», sagt sie. Hätte sie passiven Widerstand geleistet und weiterhin mit Kopftuch gespielt, hätte ihre Mannschaft forfait verloren. Als Vorstandsmitglied wollte sie sich allerdings nicht auf eine Zerreissprobe mit dem Verein einlassen. Bis zum Gerichtsentscheid wird sie lediglich trainieren, und an den Spieltagen verkauft sie Getränke, Sandwiches und Kuchen am Kiosk. Montags betreut sie jeweils Junioren im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren. «Weder sie noch ihre Eltern haben mich jemals auf das Kopftuch angesprochen.»

Mit 9 sprach sie kein Deutsch

Sura al-Shawk erzählt ihren Fall ohne Groll. Wer wie sie einen Teil der Kindheit im Bagdad der späten Saddam-Jahre erlebt hat, lässt sich durch Basketballreglemente in der Schweiz nicht beeindrucken. Im Jahr 2000 flüchtete sie im Alter von neun Jahren zusammen mit ihren Eltern und den drei Brüdern in die Schweiz. Ihr Vater, ein gelernter Chemiker und Fabrikant, sei dem Regime ein Dorn im Auge gewesen. Saddam habe schon ihren Grossonkel von einem Tag auf den andern verschwinden lassen, ihr Vater fürchtete ein ähnliches Schicksal. Den genauen Grund weiss Sura al-Shawk nicht. Vielleicht, weil ihre Familie aus Schiiten besteht, unter Saddam jedoch die Sunniten an der Macht waren.

Als Sura al-Shawk in die Schweiz kam, sprach sie kein einziges Wort Deutsch. Lediglich das lateinische Alphabet beherrschte sie einigermassen: Ihr Vater hatte es ihr in der Woche vor der Flucht beigebracht. Heute staunt sie selber, dass sie ein Jahr vor der Matura steht. «Ich bin ein fauler Mensch.» Dass sie so schnell so gut Luzerner Dialekt sprach, verdankt sie der Lehrerin ihrer Integrationsklasse. Sie habe ihr nicht nur geholfen, die Sprache zu lernen, sondern auch die wichtigsten Dinge über die Schweiz und das Leben hierzulande vermittelt.

Beten ist wie Kaffee trinken

Inwiefern unterscheidet sich der Alltag in der Schweiz von dem in einer islamisch geprägten Gesellschaft? «Die Religion ist weniger stark präsent», sagt Sura al-Shawk. Wie um Missverständnissen vorbeugen zu wollen, fügt sie an: Das Kopftuch oder das tägliche Gebet seien nicht Ausdruck von Rückständigkeit, sondern ebenso in den Alltag integriert wie im Westen das Kaffeetrinken am Morgen. Ihr Vater bete täglich, deshalb sei er aber kein besonders religiöser Mensch. Manchmal vergesse er das Gebet schlichtweg. Und sie selber ist gelegentlich dazu einfach zu müde: wenn sie vom Training nach Hause kommt. Dann spielt sie stattdessen auf der Playstation.

Der eigentlich religiöse Mensch in der Familie sei ihre Mutter. Sie selber sei irgendwo zwischen ihrem Vater und der Mutter anzusiedeln. Mit einer ähnlichen Hartnäckigkeit, mit der Sura al-Shawk ihr Recht auf das Tragen des Kopftuchs im Basketball durchsetzen will, erkämpfte sich die Mutter ihren Glauben: Als Christin konvertierte sie zum Islam. Weil ihre Eltern das nicht gerne sahen, musste sie eine Zeitlang untertauchen. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit «mit einem Muslim», wie Sura al-Shawk mit einem Lächeln sagt, hätten die Grosseltern ihrer Mutter verziehen. Später feierte man gemeinsam Weihnachten und Ostern.

Kreuze auf dem Oberarm

Die Gymnasiastin will nach der Matura Wirtschaft und internationale Beziehungen studieren. Und sie möchte dereinst das Kopftuch auch am Arbeitsplatz tragen. «Sogar bei der Nasa in Amerika ist das möglich», sagt sie. Und falls es doch nicht geht, weil das Thema mittlerweile politisch dermassen aufgeladen ist? Sura al-Shawk beantwortet die Frage selbstbewusst: «Es gibt genügend Firmen auf der Welt, die eine Frau mit meinen Qualifikationen anstellen, auch mit Kopftuch.» Und dann stellt sie eine Gegenfrage: «Warum dürfen jene Basketball spielen, die sich ein Kreuz auf den Oberarm tätowieren liessen?» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.11.2009, 08:12 Uhr)

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