Wenn schon der Spaziergang zum Spielplatz eine Mutprobe ist

Ausländische Familien leben oft sehr zurückgezogen. Aus dieser Isolation helfen ihnen Frauen, die selbst einen schwierigen Start in der Schweiz hatten. Und sie inspirieren die Mütter zur spielerischen Erziehung.

Mütter helfen Müttern: Albana Skenderi (Mitte) lässt sich von Dije Sefa inspirieren, wie sie mit ihren Kindern Albjesa (links) und Aldin mit Handpuppen spielen kann.

Mütter helfen Müttern: Albana Skenderi (Mitte) lässt sich von Dije Sefa inspirieren, wie sie mit ihren Kindern Albjesa (links) und Aldin mit Handpuppen spielen kann. Bild: Sabina Bobst

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Albana Skenderi, Mutter von drei Kindern, lernt neue Spiele kennen. Sie sitzt mit der dreijährigen Albjesa und dem zweijährigen Aldin auf dem Boden und schaut zu, wie Dije Sefa ihnen Bauklötze reicht, sie ermuntert, diese nach Formen und Farben aufzutürmen und durch die richtige Öffnung wieder in der Kiste zu versorgen. Skenderi macht es Sefa nach, sagt den Kindern auf Albanisch, welche Formen und Farben die Klötze haben. Immer wieder schaut sie fragend zu Sefa, die ihr zunickt.

Dije Sefa ist ebenfalls Albanerin. Als sie mit 20 Jahren nach Zürich kam, hatte sie keinen Beruf gelernt. Heute ist sie ausgebildete Pflegeassistentin, Übersetzerin, Kulturvermittlerin und neu auch Hausbesucherin. Im Rahmen des Pilotprojekts Schrittweise besucht sie belastete Familien zu Hause und gibt ihnen Tipps, wie sie ihre Kinder in ihrer Entwicklung am besten unterstützen können.

Mit den Kindern sprechen lernen

In einer ersten Phase kommt sie jede Woche mit Spielsachen vorbei und zeigt den Eltern, was sie damit machen können. Oder sie ermuntert sie, mit Alltagsgegenständen zu spielen. Mit den Kindern Wäsche nach Farben sortieren, mit PET-Flaschen kegeln, gemeinsam Früchte für einen Fruchtsalat schneiden.

In einer zweiten Phase wird Dije Sefa Vater und Mutter Skenderi dafür sensibilisieren, viel mit den Kindern zu sprechen. Die Dinge im Haushalt und im Quartier zu benennen. Auf die Interessen der Kinder einzugehen und sie möglichst viel ausprobieren zu lassen. Zu den Hausbesuchen kommen alle zwei Wochen Gruppentreffen mit den anderen Familien im Programm. Dort lernen sich Eltern und Kinder kennen, können Probleme zur Sprache bringen und erfahren, warum beispielsweise Spiel und Sprache so wichtig sind für ihre Kinder.

Zu Spielplatz und Sprachkurs

Arben Skenderi lebt seit 11 Jahren in Zürich. Er ist Bäcker und arbeitet immer nachts. Seine Frau lernte er an einer Hochzeit in Kosovo kennen. Sie war noch keine 20 Jahre alt, als sie heirateten. Beide stammen aus ländlichen Gegenden und sind in Grossfamilien aufgewachsen. In Zürich leben sie zu fünft in einer kleinen Dreizimmerwohnung. Anfangs getraute sich Albana Skenderi in Zürich kaum aus dem Haus, weil sie kein Deutsch spricht. Seit sie mit der Hilfe von Dije Sefa regelmässig an die Gruppentreffen und auf den Spielplatz geht, will sie auch unbedingt Deutsch lernen und besucht jetzt einen Sprachkurs.

«Die meisten Familien, die wir fürs Programm Schrittweise gewinnen konnten, leben sehr zurückgezogen», sagt Leiterin Natali Velert. Manche Frauen seien erst nicht bei den Gruppentreffen erschienen, weil sie die nächste Busstation nicht kannten oder kein Geld fürs Busbillett hatten. «Es braucht viel Fingerspitzengefühl, diese Schwellen zu erkennen und den Frauen helfen, sie zu überwinden.» Sprach- und Kulturkenntnisse der Hausbesucherinnen seien dabei äusserst hilfreich. Dije Sefa ist eine Nachbarin der Familie Skenderi. Als sie ihnen vom Projekt erzählte, wollten sie gleich teilnehmen. «Wir möchten das Beste für unsere Kinder», sagt Arben Skenderi.

Ein weiteres Ziel von Schrittweise ist es, die Eltern zu überzeugen, ihre Kinder in eine Spielgruppe oder Krippe zu schicken. Dort lernen sie Deutsch und gewöhnen sich an einen strukturierten Tagesablauf – beides zentrale Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start im Kindergarten. Die älteste Tochter der Familie Skenderi besucht bereits eine Krippe, sobald sie in den Chindsgi wechselt, kann die dreijährige Albjesa in ihre Fussstapfen treten. Arben Skenderi ist froh, bei Schrittweise mitzumachen: «Die Kinder sind offener geworden, sie spielen draussen mit anderen Kindern, und auch meine Frau hat Kontakt zu anderen Familien gefunden.» Früher hätten seine Kinder Angst vor Fremden gehabt. «Heute sagen sie unterwegs zu allen ‹Grüezi› und ‹Hoi›.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.09.2011, 21:19 Uhr)

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Risikofamilien erkennen und beraten

Es gibt zum Beispiel in der Stadt Zürich viele Angebote für Kinder im Vorschulalter. Im Rahmen ihres Legislaturschwerpunkts Frühförderung bemüht sich die Stadt nun, dass insbesondere Kinder aus sozial benachteiligten Familien diese Angebote nutzen. Das Pilotprojekt Schrittweise (Artikel links) ist ein Ansatz, um an benachteiligte Familien zu gelangen und ihnen eine Brücke zu den bestehenden Angeboten zu bauen. Das Pilotprojekt Frühförderung im Sozialzentrum Dorflinde verfolgt dasselbe Ziel. Mit beiden Projekten sammelt die Stadt in der Pilotphase Erfahrungen und erprobt deren Wirksamkeit.

Ausgangspunkt für die Frühförderung im Sozialzentrum Dorflinde sind die Kontakte, die dort zu Familien mit Kleinkindern bestehen; über die Experten der Quartierteams (Sozialhilfe, Jugend- und Familienhilfe, Schulsozialarbeit) und die Mütter- und Väterberatung. 65 Prozent aller Eltern suchen die Mütter-Väter-Beratung auf; im vergangenen Jahr wurden 1350 Kinder im Sozialraum Zürich-Nord neu erfasst. 460 Kinder unter 4 Jahren werden in den Quartierteams betreut.

Wenn mindestens drei ungünstige Voraussetzungen gegeben sind (wie tiefes Einkommen, prekäre Arbeitsverhältnisse, geringe Bildung, Unvertrautheit mit Gesundheits- und Bildungssystem, geringe Deutschkenntnisse, belastete Familienverhältnisse oder psychische Probleme), werden die Experten des Teams Frühförderung aktiv. Sie suchen das Gespräch mit der Familie zusammen mit einer ihr vertrauten Ansprechperson und vereinbaren einen Hausbesuch. «Vor Ort lässt sich im Gespräch mit den Eltern am besten abschätzen, welche Unterstützung sie als Familie brauchen», sagt Projektleiterin Kathrin Kuster. Ihre Maxime: «In der Lebensrealität der Familie ihre Kompetenzen stärken.»

Es geht also nicht darum, jede Familie in eine Bibliothek oder Ludothek zu bringen. Vielmehr sollen die Eltern unterstützt werden, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erkennen, darauf zu reagieren und ihnen auch Grenzen zu setzen. Ein besonderes Augenmerk gilt einem regelmässigen Tagesablauf, gemeinsamen Mahlzeiten, rausgehen, sich bewegen, Spielplätze und Gemeinschaftszentren zu erkunden. Auch die Sprache will gepflegt sein: «Sind Kinder stark in ihrer Muttersprache, lernen sie auch einfacher eine Zweitsprache», sagt Kuster.

Aktuell begleitet das Team Frühförderung 122 Familien in Zürich-Nord. Ziel ist, dass die Kinder ein bis zwei Jahre vor Eintritt in den Kindergarten an zwei bis drei Tagen die Woche eine Spielgruppe oder eine Krippe besuchen. Die Fachleute helfen den Familien, dies zu organisieren, und begleiten sie, bis sich die Kinder in der Krippe oder Spielgruppe eingelebt haben.

Eltern werden zu Hause gestärkt

Das Programm Schrittweise wurde in Holland vor mehreren Jahren entwickelt und hat sich in Deutschland bereits etabliert. Im November startet Bern bereits mit dem fünften Durchgang von Schrittweise. In der Stadt Zürich läuft das Programm im Rahmen des Legislaturschwerpunkts Frühförderung bis Ende 2012 als Pilotprojekt. In einem ersten Durchgang nahmen 14 Familien am Programm teil, bei 13 Familien haben die Kinder im Anschluss ans Programm eine Spielgruppe oder Krippe besucht. Die Bilanz der Eltern ist positiv: «Unser Kind ist ruhiger, konzentrierter, spielt länger. Uns gehts als Familie besser.» Aktuell werden 14 Familien und 15 Kinder betreut. Das Heks (Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz) führt das Programm im Auftrag des Sozialdepartements durch. (mom)

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