Wenn zu Hause die Hölle ist
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 21.03.2011 5 Kommentare
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Mädchenhaus Zürich
Zufluchtsort seit 16 Jahren
Das Mädchenhaus bietet von Gewalt in der Familie betroffenen Mädchen vorübergehend (in der Regel maximal drei Monate) Schutz. Im Durchschnitt sind sie 16 bis 17 Jahre alt, der häufigste Grund für einen Aufenthalt ist körperliche Misshandlung. Die Aufnahme erfolgt nach einem eingehenden Gespräch und der Zusicherung, über den Ort des Mädchenhauses Stillschweigen zu bewahren. Danach werden die Eltern informiert, dass sich ihre Tochter in einer sozialen Institution befindet; wenn sie mit der vorübergehenden Platzierung nicht einverstanden sind und sich nicht kooperativ zeigen, kann ihnen die Obhut entzogen werden. Gleichzeitig werden gegebenenfalls die Behörden eingeschaltet, und es wird nach einer möglichst guten Lösung für die Betroffene gesucht.
Das Mädchenhaus ist schweizweit die einzige Institution seiner Art, deshalb suchen Gewaltopfer aus der ganzen Schweiz hier Unterschlupf; mehrheitlich stammen sie jedoch aus dem Kanton Zürich. Das Haus verfügt über sieben Plätze und ist zwischen 75 und 83 Prozent ausgelastet, wie Co-Leiterin Karin Aeberhard sagt. 2009 beherbergte sie 54 junge Frauen, telefonisch oder ambulant wurden 300 Beratungen durchgeführt. Die Institution ist als Verein organisiert und lebt daneben von Spenden; pro Tag wird der übliche Ansatz von 350 Franken verrechnet, womit aber längst nicht alle Kosten gedeckt sind.(bwe)
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Beratung Tel. 044 341 49 45
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Das Mädchenhaus befindet sich an einem geheimen Ort, nur Frauen haben Zutritt. Aber Journalistinnen dürfen da nicht hin: aus Geheimhaltungsgründen und weil sich die Mädchen, die dort vorübergehend wohnen, in einer Ausnahmesituation befinden und vor allem eines brauchen: Ruhe. Es sind junge Frauen, die geschlagen wurden, mit Gürteln, Kabeln, Stöcken, denen mit Verheiratung gedroht wird, junge Frauen, die sexuell missbraucht oder die wie Leibeigene gehalten wurden.
Das gibt es, auch in der Schweiz; es sind schon schwangere Mädchen in die Institution gezogen, vergewaltigt vom eigenen Vater. «Solche Fälle», sagt Karin Aeberhard, Co-Leiterin des Mädchenhauses, «sind aber Gott sei Dank sehr selten.» Dennoch hat sie in den neun Jahren, in denen sie da arbeitet, schon alles gesehen, jede Form von Gewalt, die man Mädchen antun kann, körperlich, sexuell, psychisch. Immerhin wertet sie es positiv, dass diese Themen mittlerweile einigermassen enttabuisiert seien, man darüber spreche, auch an den Schulen, wo die Telefonnummer des Mädchenhauses sowie der externen Beratungsstelle am schwarzen Brett hängt.
Striemen verbergen
Die Beratungsstelle befindet sich an der Zürcher Quellenstrasse, und da sitzen nun neben der Leiterin Karin Aeberhard Maria* (16) und Ann* (18). Die beiden tragen enge Jeans und Turnschuhe und kichern, wenn sie einander ansehen – zwei scheinbar ganz normale Teenager, die vielleicht gerade die erste Liebe erleben oder sich Gedanken darüber machen, welchen Beruf sie ergreifen wollen. Aber Maria und Ann sind zwei der 54 jungen Frauen, die 2009 im Mädchenhaus Unterschlupf gesucht haben; ihre Geschichten sind der traurige Durchschnitt dessen, was Karin Aeberhard täglich zu hören bekommt. Und wenn sie vom Erlebten berichten, klingen sie mit einem Mal nicht mehr wie Teenager, sondern sehr abgeklärt, sehr erwachsen und sehr stark. Das Datum ihres Eintritts wissen sie auswendig.
Maria wurde als Achtjährige von ihrer Tante adoptiert. Sie kam alleine in die Schweiz, ihre taubstumme Mutter und die vier Geschwister blieben in El Salvador zurück. Von Anfang an musste sie der Tante zur Hand gehen, nicht nur im Haushalt, sondern auch bei deren Arbeit als Putzfrau. Musste mit in die Büros, Böden schrubben, Fenster putzen – nebst der Schule, in der die Achtjährige anfangs kein Wort verstand. Wecken musste sie sich bereits damals alleine, das Frühstück zubereiten ebenfalls. Und immer, wenn der Tante etwas nicht passte, wobei der Auslöser eine Kleinigkeit oder einfach bloss schlechte Laune sein konnte, musste Maria niederknien und wurde mit dem Gürtel geschlagen. Auf den Rücken. Anfangs dreimal die Woche, später wurden die Abstände etwas grösser.
Alles verboten, alles kontrolliert
Danach konnte sie in der Schule nur so sitzen, dass die Lehne ihren Körper nicht berührte. Wenn sie sich fürs Turnen umzog, dann als Letzte der Klasse, niemand sollte die Striemen sehen, niemand Fragen stellen. Die Angst vor der Tante war gross, lähmend. Nur dem Schulsozialarbeiter vertraute sie sich irgendwann an, und der riet ihr, Kontakt zum Mädchenhaus aufzunehmen. Drei Jahre lang trug Maria die Telefonnummer wie einen kleinen Trost in der Tasche mit sich herum, den Schritt wagte sie aber nicht, die Furcht vor den Konsequenzen war riesig. Und dennoch: «Ich wusste immer, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt.» Man glaubt dieser jungen, energischen Frau mit dem offenen Gesicht und den wachen Augen hinter den Brillengläsern aufs Wort. Als sie 16 war und sich die Schikanen der Tante häuften, die junge Frau um Erlaubnis fragen musste, bevor sie sich etwas aus dem Kühlschrank nahm, war sie nicht mehr länger bereit, das bösartige Spiel mitzuspielen.
Bei Ann war es ein gewöhnlicher Mittwochabend, der alles verändern sollte. Sie stammt aus einer asiatischen Familie, die in die Schweiz floh, als Ann sieben war. Dass sie im Unterschied zu ihren drei Brüdern im Haushalt helfen musste, war eine Selbstverständlichkeit, sie sagt mit einer wegwerfenden Handbewegung: «Das war nicht mal das Schlimmste.» Schlimmer, als die Brüder bedienen zu müssen, die die Ansicht vertraten, das sei nun mal ihre Aufgabe als Frau, wog, dass ihr daneben beinahe alles verboten war: ausgehen, tanzen, Kino. Sie wurde kontrolliert und musste über jede Bewegung Rechenschaft ablegen; einen Freund zu haben, war ihr nicht erlaubt, den zukünftigen Gatten würden ohnehin die Eltern für sie aussuchen; hin und wieder drohten sie ihr damit, sie zu verheiraten. Selbst die Schule war dem Vater nicht geheuer, weil Ann eine Klasse besuchte, in der die Mädchen in der Minderheit waren; sie sollte deswegen das Gymnasium abbrechen. Es kostete sie eine Menge Überzeugungsarbeit, den Vater davon abzubringen.
Fremd in der eigenen Familie
Aber dann, an jenem Mittwoch, als sie später nach Hause kam als verabredet, nämlich erst um 20.30 Uhr, beschied ihr der Vater, dass sie nun nicht mehr länger zur Schule gehen dürfe, sondern fortan für den Haushalt zuständig sei. Da wusste Ann, dass sie gehen musste. Sie plante ihre Flucht akribisch: Drei Tage lang packte sie heimlich Kleider in die Schultasche, deren Volumen zu Hause nicht unbemerkt blieb – sie begründete es mit zusätzlichem Sportunterricht. Ann, klein und zart und sanft, hatte keine Angst mehr: «Wenn man sich in der eigenen Familie wie eine Fremde fühlt, wenn man da, wo man zu Hause ist, nicht sein will, weil man keine Freiheit hat, dann ist die Angst vor der Einsamkeit oder vor dem, was danach passieren wird, mit einem Mal unwichtig.»
Maria und Ann verbrachten knapp drei Monate am geheimen Ort, zum ersten Mal, sagen sie, habe ihnen da jemand zugehört. Beide gingen weiterhin zur Schule, wobei Ann auf dem Areal stets von Klassenkameraden begleitet wurde, weil einmal Verwandte von ihr auf dem Pausenplatz gesichtet worden waren. Wenn die beiden heute von «zu Hause» reden, dann ist das im Falle von Maria eine betreute, bei Ann eine gewöhnliche WG. Ihre Tante hat Maria nie wieder gesehen, und das ist ihr recht so; Kontakt pflegt sie nur noch zum Stiefvater, der stets lieb zu ihr gewesen sei – wenn auch zu feige, um seiner Frau Einhalt zu gebieten. Marias Mutter in El Salvador weiss bis heute nichts von dem, was vorgefallen ist. Im Herbst möchte die 16-Jährige eine Lehre als Kleinkindererzieherin oder Krankenschwester anfangen. Ihr grösstes Problem ist zurzeit ihre Beiständin, die sich, wie sie findet, nicht genug um sie kümmere: «Der bin ich egal.» Sie zuckt mit den Schultern.
Parallelgesellschaft
Ann kehrt zweimal wöchentlich nach Hause zurück – um ihren Eltern zuliebe den Schein zu wahren. Sie würden das Gesicht verlieren, wüssten ihre Landsleute, dass die Tochter nicht mehr daheim wohnt. Über deren Aufenthalt im Mädchenhaus wurde nie gesprochen. Ann ihrerseits verschweigt, dass sie inzwischen einen Schweizer Freund hat. Sie lacht hell und schüttelt sich: «Ich will nie einen Mann aus meinem Heimatland. Die sind alle gleich. Erst geben sie sich tolerant, aber nach spätestens sechs Monaten geht es los mit den Verboten und den Vorschriften, wie man sich zu kleiden hat.» Sie erwähnt den viel zitierten Begriff der Parallelgesellschaft und auch, dass in ihrem Kulturkreis arrangierte Ehen nach wie vor üblich seien. Ihre Brüder werden Frauen heiraten, die die Eltern für sie aussuchen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.03.2011, 20:56 Uhr
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5 Kommentare
Gut, gibt es das Mädchenhaus. Ich habe mich eben gefragt, ob es auch solche Einrichtungen für Buben gibt. Diese sind ebenfalls von Gewalt, Misshandlungen etc betroffen und sollten auch einen Zufluchtsort haben.
Beim googeln haben ich nun allerdings keine entsprechende Einrichtung gefunden.
Antworten
Bevor Familien aus solchen Ländern das Gastrecht bekommen, müssten sie Unterschreiben sich unserer Gesellschaft anzupassen. Ausserdem müssen sich anschliessend kontrollieren lassen (ohne zu motzen), ob sie sich auch wirklich an die Gepflogenheiten unseres Landes halten! Falls dem nicht so sein sollte, gilt es unverzüglich die Heimreise anzutreten! Antworten
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