Wer Syphilis, HPV oder Chlamydien hat, merkt lange nichts

Die Zunahmeraten bei Geschlechtskrankheiten sind in der Schweiz hoch – wegen häufigeren Gelegenheitssex und Pornografisierung der Jugend.

Geschlechtskrankheiten sind auch in der Schweiz auf dem Vormarsch: Ein junger Mann hängt Plakate einer Kampagne gegen Geschlechtskrankheiten auf.

Geschlechtskrankheiten sind auch in der Schweiz auf dem Vormarsch: Ein junger Mann hängt Plakate einer Kampagne gegen Geschlechtskrankheiten auf. Bild: Keystone

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Die meisten tun nicht weh. Sie jucken nicht. Und doch machen sie ernsthaft krank. Geschlechtskrankheiten sind – entgegen ihrem Ruf – sehr diskret. Wer Syphilis, HPV oder Chlamydien hat, wird lange nichts merken. Weniger diskret sind die Zahlen: Seit 2008 haben sich die Fälle von Syphilis in der Schweiz fast verdoppelt, vor allem bei homosexuellen Männern. Auch die Tripperdiagnosen haben sich verdoppelt, hier sind mehr heterosexuelle Männer betroffen. Chlamydien stiegen um 40 Prozent, vor allem bei jungen Frauen. Kurz gesagt: Geschlechtskrankheiten sind – ausser HIV – klar auf dem Vormarsch, auch wenn sie erst wenige betreffen.

Schwindende Todesangst

Für das Jahr 2013 rechnet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit rund 600 neuen Syphilisfällen, etwa 1700 Tripper- und 8500 Chlamydienansteckungen. Allerdings beruhen diese Zahlen auf gemeldeten Fällen von Labortests. Hansjakob Furrer, Infektiologe am Berner Inselspital, schätzt die Dunkelziffer «auf bis zu 50 Prozent». Einerseits «lässt nicht jeder Patient einen Test machen, weil diese teils sehr teuer sind», begründet Furrer. Eine Trippererkrankung sei bei Männern so offensichtlich, dass sie der Arzt auch ohne Test erkenne. «Die Betroffenen entscheiden sich dann lediglich für die Behandlung, um Kosten zu sparen.» Andererseits verlaufen viele Geschlechtskrankheiten fast ohne Symptome und werden deshalb oft nur zufällig diagnostiziert.

Haben wir überhaupt ein ernsthaftes Problem? «Bei Schwulen ist die Situation momentan durchaus ernst», stellt Furrer fest. Weniger bei der Durchschnittsbevölkerung. Als alarmierend beurteilt der Chefarzt ad interim hingegen die seit Jahren zunehmende Antibiotikaresistenz bei Tripper. «Dadurch besteht die Gefahr, dass eine relativ harmlose Infektion wie Tripper zu einer schwer heilbaren oder gar unheilbaren Krankheit wird.»

Wer nach Gründen für die aktuelle Ausbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten sucht, merkt schnell: Es gibt mehrere Paralleltrends, deren genaue Auswirkungen erst erforscht werden müssen. Für Furrer hängt die Zunahme vor allem mit der «schwindenden Todesangst vor Aids» zusammen. «Im Vergleich zu früher haben junge Schwule wahrscheinlich noch nie einen Aidskranken gesehen, weil die Medizin bei HIV grosse Fortschritte gemacht hat. Ausserdem sind die meisten anderen Geschlechtskrankheiten mit Antibiotika schnell und gut heilbar, deshalb delegieren die Leute die Verantwortung an die Medizin», ist Furrer überzeugt.

Dass Sex seine tödliche Schattenseite verloren hat, stellt auch Roger Staub fest, stellvertretender Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten beim BAG: «Das durch Aidsangst teilweise unterdrückte Sexualverhalten hat sich wieder normalisiert.» Homosexuelle wie Heterosexuelle gönnen sich wieder vermehrt Sex mit Gelegenheitspartnern und schützen sich dabei weniger gewissenhaft als während des Aidsschocks in den Achtziger- und Neunzigerjahren, wie Befragungen zeigen.

Sex unter Alkoholeinfluss

Dabei schützen sich Jüngere in Risikosituationen tendenziell besser als Ältere. Interessant ist, dass bei den über 45-Jährigen der Gebrauch von Kondomen deutlich abnimmt. «Die meisten haben eine lange Beziehung hinter sich, in der sie keine Präservative benutzt haben. Sich wieder daran zu gewöhnen, fällt vielen schwer, insbesondere auch, weil sie Kondome als Lustkiller empfinden», erklärt Staub. Ein weiteres Problem: Schweizern fehlt es an Bewusstsein, dass man sich beim Geschlechtsverkehr nicht nur mit dem HIV-Virus anstecken kann. Syphilis oder Tripper halten viele für Bohemienkrankheiten des 19.Jahrhunderts. Über Chlamydien, die zu Unfruchtbarkeit führen können, oder HPV, das Gebärmutterhalskrebs verursachen kann, wissen die meisten kaum Bescheid. «Vor allem unter Jugendlichen herrscht viel Unwissen», sagt Jenny Lütjens, Ärztin in der Familienplanungsstelle der Berner Frauenklinik. «Geschlechtskrankheiten bleiben trotz der Sexualisierung der Gesellschaft ein Tabu.» Durch die Pornografisierung der Jugendlichen werden zudem höhere Erwartungen an die Sexualität geweckt. Die Bereitschaft, etwas Spezielles wie Oral- oder Analsex auszuprobieren, wird dadurch gefördert. Nicht zu unterschätzen ist dabei der steigende Alkoholkonsum. Gemäss einer Befragung des BAG von 2011 hatte jeder zwölfte Jugendliche im letzten Wochenendausgang Geschlechtsverkehr, 84 Prozent von ihnen unter Alkoholeinfluss. Da fallen schon mal die Hemmungen, im Ausgang ungeschützt eine schnelle Nummer zu schieben oder den Schwarm auf der Toilette oral zu befriedigen. «Auch beim Oralverkehr ist es wichtig, Safer Sex zu praktizieren. Geschlechtskrankheiten können in den Mund-Rachen-Raum übertragen werden und dort Probleme verursachen», sagt Lütjens. Ob Chlamydieninfektionen und HPV-Erkrankungen bei jungen Frauen deshalb jährlich steigen oder ob dieser Trend damit zu tun hat, dass sensibilisierte Ärzte bei den sexuell aktiven Gruppen mehr Tests durchführen und dadurch mehr Diagnosen stellen, ist jedoch unklar.

Mehr Sex dank Internet

Roger Staub vom BAG geht davon aus, dass die steigenden Diagnosezahlen bis zu einem gewissen Grad eine indirekte Folge der BAG-Aufklärungskampagne darstellen. «Dank unseren TV-Spots gegen Geschlechtskrankheiten sind die Menschen auf das Thema aufmerksam geworden und gehen nun vielleicht eher zum Arzt als früher.» Wenn sich mehr Menschen untersuchen und testen lassen, werden auch mehr Infektionen diagnostiziert.

Gleichzeitig schätzt er das Ziel des BAG, die Fälle von sexuell übertragbaren Krankheiten bis 2017 zu halbieren, nüchtern ein: «Wenn wir das schaffen wollen, müssen wir uns alle anstrengen.» Mit «uns» meint Staub nicht das BAG, sondern die moderne Gesellschaft. «Wir sind heute weit mobiler als vor 30 Jahren, und das Internet bietet enorm viele neue Möglichkeiten.» Wer Sex ohne Pariser will, wird im Internet schnell fündig. Hetero- wie Homosexuellen stehen zig Dating- und Seitensprungagenturen zur Auswahl. Für Schwule gibt es eine App, mit der sie innert Sekunden Sexualpartner in ihrer Nähe finden.

Mehr Sex dank Potenzpillen

Im Internet mischt zunehmend auch eine Gruppe mit, die im sexuellen Zusammenhang gern vergessen geht: die Senioren. Sie sind fit, haben Zeit und Geld – und dank Potenzpillen auch öfter die Möglichkeit, sexuell aktiv zu sein, sei dies im Ausland oder in heimischen Gemächern. Man lässt sich heute mit 50 eher scheiden als früher, und für verwitwete Frauen ist das Sexleben mit 65 noch längst nicht vorbei. Obwohl Senioren nach wie vor nicht zu der am stärksten von Geschlechtskrankheiten betroffenen Gruppe gehören, nehmen die Fälle von Tripper und Chlamydien deutlich zu. Über die Gründe lässt sich spekulieren: Die meisten sind den Gebrauch von Kondomen überhaupt nicht gewohnt. Und da die Schwangerschaftsverhütung wegfällt, verzichten viele zugunsten einer Erektion lieber auf ein Kondom.

«No sex is safe sex»

Wie also will man die Zahlen der Infizierten bis 2017 halbieren? Roger Staub vom BAG ist überzeugt, dass ein Kulturwandel nötig ist. «Geschlechtskrankheiten müssen enttabuisiert und vor allem richtig behandelt werden.» Tripper und Co. liessen sich nur dann erfolgreich eindämmen, wenn alle Sexualpartner der betroffenen Person mit entsprechenden Medikamenten behandelt werden. Dass moralische Bedenken dagegen sprechen, ist Staub bewusst. Handlungspotenzial sieht er vor allem bei den Ärzten: «Die freiwillige Partnerinformation wird heute noch viel zu selten vorgeschlagen.» Die Hürde für Patienten, entsprechende Abklärungen zu machen, würde ebenfalls sinken, «wenn die Tests von der Franchise ausgenommen wären».

Die Illusion, Geschlechtskrankheiten künftig auszurotten, hegt Staub indes nicht. «Zu einem glücklichen Leben gehört Sexualität dazu und zu einem erfüllten Sexualleben ein gewisses Risiko.» Die Aufgabe des BAG sei es, der Bevölkerung klarzumachen, wie man sich am wenigsten gefährde. «Ich sage immer: Only no sex is safe sex. Für alle anderen gilt: sich zu schützen, sich gegen HPV impfen zu lassen und zum Arzt zu gehen.»

lucie.machac@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2014, 10:05 Uhr

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Geschlechtskrankheiten

Tripper (Gonorrhö): Tripper wird durch Bakterien beim Geschlechtsverkehr (vaginal, oral, anal) übertragen. Bei Männern kommt es zu einem eitrigen Ausfluss aus dem Penis, der mit einer schmerzhaften Entzündung der Harnröhre verbunden ist. Bei Frauen sind die Symptome weniger stark. Im Extremfall kann Tripper zu Unfruchtbarkeit führen. Die Infektion wird mit Antibiotika behandelt. Allerdings werden einige Tripperbakterienstämme zunehmend gegen Antibiotika resistent.

Syphilis: Der Erreger ist ein Bakterium, das durch sexuelle Handlungen (vaginal, oral, anal) über die Schleimhäute übertragen wird. Die ersten Symptome, schmerzlose Geschwüre im Genitalbereich oder in der Mundhöhle, bleiben von den Betroffenen meist unbemerkt. In der zweiten Phase treten Hautausschläge auf. Danach verschwinden die Beschwerden. In der letzten Phase greift Syphilis Herz und Gefässe, Hirn und Nervensystem an. Die ersten Stadien sind mit Antibiotika gut heilbar.

Chlamydien: Dieses Bakterium gehört zu den häufigsten Erregern sexuell übertragbarer Krankheiten. Man kann sich beim Vaginal-, Oral- und Analsex anstecken. Die Infektion verläuft sehr oft ohne Symptome und bleibt deshalb unentdeckt. Wenn Symptome auftreten, dann sind es Schmerzen beim Wasserlassen und ein gelblicher Ausfluss aus dem Penis oder der Vagina. Bei Frauen und Männern können Chlamydien zu Unfruchtbarkeit führen. Die Infektion wird mit Antibiotika behandelt und ist gut heilbar.

HPV (Humane Papillomaviren): Rund 70 bis 80 Prozent der Erwachsenen stecken sich im Verlauf des Lebens mit HPV an, das durch Geschlechtsverkehr (vaginal, oral, anal) übertragen wird. Die Krankheit verläuft oft ohne Symptome und bleibt deshalb häufig unerkannt. HPV kann Genitalwarzen verursachen und im Extremfall zu Gebärmutterhalskrebs führen. Ausserdem kann es bei der Geburt von der Mutter auf das Kind übertragen werden. Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt jungen Frauen, sich vor dem ersten Geschlechtsverkehr gegen HPV impfen zu lassen. 39 Prozent der jungen Frauen sind heute gegen HPV geimpft.

Informationen

Das BAG rät: Präservative und das Einhalten von Safer-Sex-Regeln verringern das Risiko, sich mit Geschlechtskrankheiten anzustecken. Wer mehrere Sexpartner hat, sollte sich einmal jährlich auf sexuell übertragbare Infektionen untersuchen lassen.

Informationen und Adressen von Beratungsstellen: www.check-your-lovelife.ch

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