Interview

«Wer gerne trinkt, muss auch den Kater lieben»

Der Kunsthistoriker Peter Richter feiert in seinem neuen Buch die Freude am Trinken. Er sieht sie ernsthaft in Gefahr.

«Mit Mass und manchmal auch ohne Mass»: Peter Richter an seinem Arbeitsort Berlin.

«Mit Mass und manchmal auch ohne Mass»: Peter Richter an seinem Arbeitsort Berlin. Bild: Edgar Herbst (13 Photo)

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Ihr Landsmann Günter Amendt, kürzlich von einem bekifften Raser totgefahren, sagte es so: Man muss nüchtern über den Rausch verhandeln.
So wie man sich betrunken über die Nüchternheit Gedanken machen muss. Normalerweise kennt man das umgekehrt, nämlich wie Plato es beschreibt: das Symposion als Kampftrinken von Philosophen, die ihre Gedanken nüchtern fassen und trunken nachprüfen.

Warum feiern alle Völker Räusche?
Weil der Rausch ein Urbedürfnis des Menschen ist, das geht durch alle Zeiten und Kulturen. Weil aber die Welt eurozentrisch ausgerichtet ist, hat sich unser legales Rauschmittel durchgesetzt und alle anderen illegal gemacht: ein Imperialismus des Alkohols.

Aus den Jägern wurden dem Evolutionsbiologen Josef Reichholf zufolge Bauern, als sie die Wirkung von Wein und Bier entdeckten.
Um Brot zu backen, muss der Bauer säen, warten, ernten, das ist doch unverlockend als Perspektive, das Jagen geht viel schneller. Der Mensch sei sesshaft geworden, schreibt Reichholf, weil ihm das Erlebnis von vergorenen Ackerfrüchten so gefiel, dass er es wiederholen wollte. Bei den Sumerern waren Bier und Brot noch eine Einheit. Der Rausch machte die Menschen sesshaft.

Warum trinken Menschen Alkohol?
Um die Wirkung kennen zu lernen. Um mitzuhalten, weil auch die anderen trinken. Um betrunken zu werden. Um das Gefühl von Gemeinschaft zu erleben. Um den Geschmack erlesener Weine zu geniessen. Um im Alter die Einsamkeit zu bekämpfen.

Jede Droge sagt etwas über die Gesellschaft aus, die diese konsumiert. Was besagt Alkohol?
Alkohol ist ein chemischer Grundstoff und noch kein Getränk. Es gibt protestantische Bierkulturen im Norden, katholische Weinkulturen im Süden und dazwischen die Schweiz und Deutschland, die beides sind. In Deutschland haben sie das Oktoberfest mit grossen und den Karneval mit kleinen Biergläsern – also polizeilich kontrollierte und erstaunlich friedliche, da amtlich bewilligte Totalgelage. Lateinische Länder wie Spanien oder Frankreich neigen zum Pegeltrinken, nordische Länder zum Exzess, in Ländern wie Grossbritannien hängen Selbstkontrolle und Komatrinken miteinander zusammen. Für die Leber kommt es aufs selbe heraus.

Viele Drogen galten erst als Heilmittel, sogar Morphium.
Oder das Bier im England des 18. Jahrhunderts: als gemässigte Alternative zum Gin. Heute gilt Bier als Treibstoff des Rauschtrinkens.

Wann wird das Medikament zur Droge?
Diese Frage beschäftigt uns seit der Antike. Auch in der Bibel finden sich Lobpreisungen und Verteufelungen – die einen aus dem Rausch, die anderen aus dem Kater heraus geschrieben. Beides wird bis heute gegeneinander abgewogen. Wobei die Geschichte zeigt, dass die Menschen früher viel betrunkener waren als heute.

Nicht immer freiwillig.
Ja, auf See trank man Bier, sogar die puritanischen Pilgerväter, denn das Wasser verdarb zu schnell.

Beim Alkohol wird zwischen Genuss und Sucht unterschieden. Warum wirken Geniesser so bieder?
Weil sie so tun, als seien sie am Rausch nicht interessiert. Ihre Botschaft lautet: Trinke so lange, als du nichts davon hast. Mich erinnert das an Bill Clinton: Ich habe nie inhaliert! Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau!

Täuscht der Eindruck, oder ist die pädagogische Genussverordnung, italienischer sein zu wollen als Italien, ein deutsches Phänomen?
Es ist vor allem ein grosser Selbstbetrug, der aus dem deutschen Selbsthass entsteht. Da versuchen alte Männer, Franzose oder Italiener zu spielen, weil sie das für kultivierter halten. Dabei überkompensieren sie. Aber: In Frankreich wird man vom Essen satt, in Deutschland besteht die sogenannte Haute Cuisine aus einem nahezu leeren Teller. Und wenn jetzt die französische Jugend anfängt, sich mit Bier zu betrinken, muss man immer befürchten, dass die Wolfgang Siebecks dieser Welt wie eine Genusswehrmacht einmarschieren, um sie davon abzuhalten.

Womit noch nichts über die Weinkenner gesagt ist.
Das grosse Beeindruckungstheater, das grosse Am-Korken-Gerieche, das Jahrgänge-Abfragen, ich weiss. Aber: Weinkenner haben auch ein grosses Wissen akkumuliert, und das Schreiben über Wein finde ich toll. Es stellt einen der letzten Versuche dar, einem ästhetischen Empfinden mit der Sprache auf die Spur zu kommen. Das ist im besten Fall höhere Poesie – die ich als Kunsthistoriker in der Beschreibung der bildenden Kunst immer mehr vermisse.

Sie sehen das Trinken in Gefahr.
Anders als es die Gesundheitspolitiker behaupten: Der Alkoholkonsum geht insgesamt zurück, die Regelwut der EU nimmt zu. Heute Tabak, morgen Alkohol. Nach dem Rauchen und mit dem Essen wird jetzt das Trinken zur Dauergefahr erklärt. Immer mehr Studien warnen immer drohender. Dabei gehören Gefahr und Gefährdung zu dem, was das Leben lebenswert macht.

Genügt denn das?
Selbstverständlich kann Alkohol Verheerungen anrichten, Familien zerstören, Unfälle produzieren, Unschuldige töten. Alkoholismus ist eine Sucht. Nur gerät die Gesellschaft jetzt von einem Extrem ins andere. Vom Trinkzwang in die normative Nüchternheit. Ich frage mich, ob diese Mentalität nicht das Gegenteil ihrer Absicht erreicht.

Trinkende Männer gelten als jovial, trinkende Frauen als vulgär. Wieso eigentlich?
Das ist eine der grossen Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern. Frauen vertragen körperlich meist weniger Alkohol als Männer. Und man gesteht Frauen weniger zu, sich gehen zu lassen. Betrunkene Männer sind kulturell eingeführt – was ihren Anblick nicht schöner macht.

Dazu kommt der Hang von Männern zur Kumpanei.
Männerbünde wurden immer schon mit Alkohol besiegelt, das gilt auch für die Diplomatie: ein Gemeinschaftserlebnis, bei dem Konflikte weggetrunken werden. Mit Alkohol werden Feindschaften begraben, Freundschaften besiegelt, Feste in Fahrt gebracht und Burschenschaften bestätigt.

Warum gilt Trinkfestigkeit als Ausdruck von Männlichkeit?
Das ist ein simples Machtspiel, das schon die Germanen kannten: Schaut her, ich vertrag viel mehr als ihr, bevor ich umfalle. Also ist es vor allem ein Machtspiel mit sich selbst, nämlich ein Ankämpfen gegen den eigenen Kontrollverlust. Es kann am Ende also nur verloren werden – mit nachlassender Wirkung bei steigender Dosis. Das nennt man dann auch Suchtkrankheit. Und wer betrunken ist, aber nüchtern tut – der denkt auch, er könnte noch Auto fahren.

Das ist Ihnen ja auch passiert.
Ja. Mit dem schönen Nebeneffekt, dass ich die medizinisch-psychologische Untersuchung durchlaufen musste, im Volk «Idiotentest» genannt. Dort habe ich viele interessante Menschen kennen gelernt, die wissen, dass der Alkohol einem nicht nur sagt, dass man noch fahren soll, sondern, dass man besser fährt denn je. Deshalb schreibe ich ja auch nicht das Hohelied des Saufens.

Sondern?
Ich empfehle das Trinken als Sport im Sinne von Surfen. Als Reiten auf einer riskanten Welle. Alkohol ist ein Freund und auch ein gefährlicher Gegner. Schon deshalb soll man nicht alleine trinken.

Ihr bester Rat?
Nie im Suff ein Mail oder ein SMS abschicken. Kontrollverlust und Kommunikation in Echtzeit sind eine fatale Kombination. Man kann sich nämlich nicht darauf verlassen, dass der Empfänger genauso betrunken ist wie man selber. Wenn also die Flasche auf ist, bleibt der Computer aus. Oder zumindest offline. Viele grosse Schriftsteller und auch Journalisten brauchten Alkohol zum Schreiben. Aber sie haben das Resultat nicht am selben Abend veröffentlicht.

Sie feiern das Trinken, Sie loben aber auch den Kater.
Ja, der muss sein. Die Zeit, die sich beim Rausch zusammenzog, dehnt sich am anderen Morgen wieder aus. Der Rausch vergeht wie im Flug, der Kater scheint ewig zu dauern. Ein Rausch ohne Kater wäre das Paradies, und das gibt es ja nicht auf Erden. Ich finde: Wer gerne trinkt, muss auch den Kater lieben. Ich behaupte sogar: Man kann das lernen. Das subtilste Motiv für das Trinken wäre demnach die Erzeugung des Katers. Um den Sonntagmorgen nach der Samstagnacht bewusst zu erleben. Als Zustand, bei dem man ohne Entschuldigung lange im Bett bleiben kann. Dann gutbürgerlich essen geht und abends den «Tatort» schaut. Ich bin überzeugt, dass die erschlagend hohe Einschaltquote dieser TV-Serie nur damit zu erklären ist, dass so viele Zuschauer Restalkohol im Kopf haben.

Menschen meiden die Wiederholung schlechter Erfahrungen. Den Kater nehmen sie aber in Kauf, warum?
Die Griechen haben sich Dionysos, den Weingott, absolut treffend ausgemalt. Ihnen war bewusst, es mit einer extrem eifersüchtigen Gottheit zu tun zu haben. Dionysos schafft es einerseits, sich immer wieder einzuschmeicheln und alle schlechten Erfahrungen vergessen zu machen. Aber er ist nicht nur ein fröhlicher, inspirierender und erotischer, sondern auch ein rasender Gott. Er packt und martert und fesselt alle mit seinen Reben, die sich ihm zu entziehen versuchen. Die Seinen macht er stark, den Abtrünnigen raubt er die Kräfte. Das sind starke, poetische Bilder für Symptome, die uns heute in den Suchtkliniken begegnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2011, 07:13 Uhr

Peter Richter

Lob der Promille

Der 37-jährige Schriftsteller und Kulturjournalist («Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung») schreibt an gegen den Druck der Präventionspolitiker. Sein Buch «Über das Trinken» (Goldmann, München) durchsetzt eine amüsante Kulturgeschichte des Alkohols mit Kapiteln zur Politik und Literatur, zum Saufen und Trinken. Dazwischen berichtet Richter von eigenen Erfahrungen – leidvollen und anderen. Er verklärt und verdammt nicht, schreibt geistreich und gescheit. Wenn auch, dies der einzige Einwand, allzu süffig. (jmb)

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