Leben

Nina Merli
Reporterin


«Wer sich Kokain leisten kann, kauft kein Meth»

Aktualisiert am 25.01.2013 40 Kommentare

Weltweit nimmt der Konsum der synthetischen Leistungsdroge Crystal Meth rasant zu. Nur in der Schweiz setzt sie sich nicht durch. Man kauft weiterhin lieber Kokain und Cannabis.

1/5 Schneller körperlicher Zerfall: US-Behörden warnen mit Bildern vor den Folgen von Crystal Meth.

   

Drogen in der Partyszene

Benutzer der Streetwork-Drug-Checking-Angebote gaben 2012 auf die Frage «Welche Drogen hast du letzten Monat konsumiert?» an:

Alkohol (94,2%), Cannabis (70%), Extasy (49%), Kokain (40%) und Amphetamin (43%). Crystal Meth wurde nur von 2,9% der Befragten angegeben.
Mehr Infos: www.saferparty.ch

(Quelle: Streetwork)

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In den USA hat Crystal Meth schon längst Kokain und Heroin überholt und gilt nach Cannabis als Droge Nummer zwei. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen gehört Crystal Meth beziehungsweise Methamphetamin mit Cannabis und Kokain zu den am häufigsten konsumierten Drogen. Laut jüngsten Medienberichten soll in Deutschland der Konsum 2012 gegenüber dem Vorjahr um das Zehnfache gestiegen sein.

Nicht so in der Schweiz. Zwar stellt der «UN-Weltdrogenbericht 2012» auch hierzulande ein Wachstum des Meth­amphetamin-Marktes fest. Doch Boris B. Quednow, Pharmakopsychologe an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, sieht derzeit keine Gefahr für eine «Meth-Epidemie in der Schweiz». So tauche Crystal Meth in den Drogeninterviews nur selten auf, und regelmässige Einnahmen oder eine Meth-Abhängigkeit sind in «unseren Studien mit verschiedenen Arten von Drogenkonsumenten noch nicht vorgekommen».

Laut Quednow scheint «Meth in der Schweiz noch nicht richtig angekommen zu sein», nicht zuletzt weil die Versorgung mit klassischen Stimulanzien wie Kokain und Amphetamin am Markt gewährleistet sei. Ausserdem sei Crystal Meth auch «eher eine Droge für sozioökonomisch schwächere Schichten und wer sich Kokain leisten kann, kauft kein Meth».

Alexander Bücheli von der Zürcher Jugendberatungsstelle Streetwork nennt einen weiteren Grund, weshalb die Droge in der Schweiz kein Thema ist: die Wirkung. «Crystal Meth ist zu intensiv, zu lang, zu heftig für einen Freizeitdrogenkonsum», so Bücheli, der seit rund elf Jahren bei Streetwork arbeitet.

Auch bei der Stadtpolizei Zürich ist in letzter Zeit keine Zunahme von Crystal Meth festgestellt worden. Zwar gab es laut Polizeisprecher Marco Cortesi schon Fälle, «wo in Küchenlabors geringe Mengen Methamphetamin hergestellt wurden». Doch seien diese zurzeit klar als Einzelfälle einzuordnen. «Küchen- oder Untergrundlabore, wie sie in Deutschland, Belgien und Holland schon mehrfach angetroffen worden sind, sind in der Schweiz noch ausstehend», so Cortesi. Es kämen zwar «immer wieder» Sicherstellungen von Crystal Meth in reiner oder kristalliner Form vor, doch handle es sich vorwiegend um kleine Mengen, die «statistisch nicht auffallen».

Prominente Konsumenten

Methamphetamin, wie Crystal Meth chemisch bezeichnet wird, wirkt tatsächlich stärker als andere Amphetamine. «Crystal Meth wird sehr schnell vom Gehirn aufgenommen und führt hier zu einer massiven Ausschüttung der Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Noradrenalin», erklärt Quednow. Wie alle Stimulanzien erzeuge Meth dadurch eine starke Euphorie und eine Erhöhung des Selbstwertgefühls zusätzlich verbunden mit einer starken körperlichen und geistigen Antriebssteigerung. So erstaunt es nicht, dass die Droge auch als Leistungsdroge bezeichnet wird. Ab 1938 wurde Methamphetamin unter der Marke Pervitin in den Handel gebracht und wurde im Zweiten Weltkrieg millionenfach verwendet: Es diente unter anderem zur Dämpfung des Angstgefühls sowie zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und wurde Bomberpiloten vor deren lebensgefährlichen Fliegereinsätzen verabreicht.

Auch im Sport soll Crystal Meth zur Leistungssteigerung eingesetzt werden. So berichtete etwa Andre Agassi in seiner Autobiografie, dass er während seiner schlimmsten sportlichen Krise 1997 regelmässig Crystal Meth zum Aufputschen konsumiert hätte. Und vergangenen Herbst gestand Black-Eyed-Peas-Sängerin Fergie in einem TV-Interview mit Oprah Winfrey, dass sie über ein Jahr lang von Crystal Meth abhängig gewesen sei. Diese Zeit sei eines der düstersten Kapitel ihres Lebens gewesen.

Persönlichkeitsveränderung, Depression, Wahnvorstellungen

Die Liste der durch die Droge ausgelösten Nebenwirkungen ist lang. «Nach dem Ende des Rausches kommt es postakut meist zu einem Crash», sagt Quednow. Dies äussere sich durch depressive Symptome, Antriebsminderung und körperliches Unwohlsein. Bei langfristiger Einnahme wurde von Persönlichkeitsveränderungen, Depressionen, Angsterkrankungen, anhaltenden Wahnvorstellungen und auch «erhöhter Suizidalität und einer gesteigerten Gewaltneigung berichtet». Doch auch die körperlichen Auswirkungen von Crystal Meth sind sehr stark, ein Grund mehr, weshalb die Droge von Experten immer wieder als eine der gefährlichsten Drogen auf dem Markt bezeichnet wird. «Durch die starke Hemmung des Schlafbedürfnisses und des Hungergefühls kommt es relativ schnell zu diversen körperlichen Verfallserscheinungen und einer Schwächung des Immunsystems», sagt Quednow. Ausserdem könne es bei längerer Einnahme das Herz und die Nieren nachhaltig schädigen. Doch die grösste Gefahr, die von dieser Droge ausgeht, ist das relativ hohe Abhängigkeitspotential und «die damit verbundenen gesundheitlichen, psychischen und sozialen Folgen». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.01.2013, 17:59 Uhr

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40 Kommentare

Christian Weber

25.01.2013, 18:25 Uhr
Melden 683 Empfehlung 28

Einen sachlicheren Artikel über eine Droge habe ich in einer Tageszeitung noch nie gelesen. Keine Angstmacherei, keine Verteufelung, keine subventionierte Studie zitiert und trotzdem keine Verherrlichung. Einfach nur Fakten. So sieht wirksame Prävention aus. Gratuliere! Antworten


Gunnar Leinemann

25.01.2013, 19:11 Uhr
Melden 314 Empfehlung 234

Juhu, uns geht es so gut, dass sich alle Koks leisten können! Schimpfen wir also das nächste Mal bitte nicht auf die nigerianischen Dealer..denn die besorgen uns das Zeug schliesslich.
Ich finde übrigens auch, dass man Cannabis nicht im gleichen Atemzug mit harten Drogen nennen sollte. Wenn, dann gehört die Alltagsdroge Alkohol auch genannt. Bitte nachdenken, Schreiberlinge, ihr bildet Meinungen!
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