Wer zu spät kommt, dem fehlt es an Stil
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 02.03.2010 47 Kommentare
Bettina Weber, Redaktorin Kultur und Gesellschaft.
Verspätungen
Die wichtigste Frau der Mode ist nie zu spät. Anna Wintour, Chefredaktorin der US-«Vogue», sitzt jeweils pünktlich auf ihrem Platz in der ersten Reihe und wartet mit unbeweglicher Miene auf den Beginn der Fashion-Show. Der verzögert sich in der Regel um mindestens eine halbe Stunde, hauptsächlich deswegen, weil die vom Designer extra zu diesem Zweck eingeflogene Prominenz zu spät kommt. Meist handelt es sich dabei um Schauspielerinnen und Popstars von Weltformat, oft aber auch um Starlets der mittleren bis unteren Chargen. Beiden gemeinsam ist, dass sie zu spät kommen, weil sie sich für wichtig halten. Beziehungsweise: Sie denken, dass ihr Zuspätkommen ihre Wichtigkeit unterstreichen würde. Sie speziell mache. Extraordinär. Man ist schliesslich jemand und kann sich da nicht um solche Nebensächlichkeiten wie Pünktlichkeit kümmern.
Dieses Denken ist salonfähig geworden. Und Unpünktlichkeit zu einer Art Tugend. Es gilt als chic, überall mit Verspätung zu erscheinen, denn pünktlich sind ja nur die Biedermänner, die Buchhalter und Kleinkrämer. Der hippe Mensch hingegen, der ist da toleranter. Der sagt geradeheraus, ich bin immer zu spät, und hält das für total bohémien und sich selbst für wahnsinnig locker und lässig. Dies ist nun aber ein schwerer Irrtum. Zu spät zu kommen, zeugt nicht von Wichtigkeit. Und schon gar nicht von Coolness oder von Weltgewandtheit. Sondern bloss von fehlendem Stil. Von fehlender Höflichkeit. Von fehlendem Respekt. Und von einer schlechten Erziehung. Solche Menschen halten sich beim Gähnen die Hand nicht vor den Mund. Und sind eben gerade das, was sie so gar nicht sein wollen: provinziell.
Banale Entschuldigungen
Das Handy hat die Situation drastisch verschlimmert. Nichts ist mehr verbindlich, sondern alles fliessend, ewig provisorisch, auch eine genaue Zeitangabe wird so zur Manövriermasse, zu einem Zirka. Und so piept dann zur verabredeten Zeit verlässlich das Handy mit dem gewohnten SMS «13 min!», wobei mich besonders die Zahlenangabe irritiert, denn wie kann jemand, der ganz offenbar Mühe hat mit dem Lesen der Uhr, seine Ankunft auf dreizehn Minuten genau angeben?
Wobei es ja die leichteren Fälle unter den notorisch Verspäteten sind, die sich per SMS dafür entschuldigen. Weitaus schlimmer sind Fall 2 und Fall 3: Fall 2 erscheint gestikulierend und schildert wortreich, weshalb es zur halbstündigen Verspätung gekommen ist. Meist ist die Geschichte sehr banal (das Tram ist mir vor der Nase abgefahren) oder sehr bizarr (mir fiel ein Bundesordner auf den Kopf). Fall 3 hingegen erscheint und tut, wie wenn nichts wäre. Fall 3 hat es nicht nötig, sich zu entschuldigen, und nicht einmal, sein Zuspätkommen mit einer amüsanten Anekdote wiedergutzumachen. Fall 3 ist überzeugt, dass allein seine Präsenz das Gegenüber vor Ergriffenheit erstarren und ihm seine Nachlässigkeit verzeihen lässt.
Bei Fall 3 handelt es sich interessanterweise oft um Frauen. Das scheint daran zu liegen, dass Frauen noch immer denken, es mache sich irgendwie gut, einen Mann warten zu lassen, weil sich dessen Begehren dann quasi ins Unermessliche steigere. Abgesehen davon, dass ich das als Mann für durchschaubares KleinmädchenDenken und die Frau damit für komplett uninteressant halten würde: Geschlechtsgenossinnen aus dieser Haltung heraus warten zu lassen, funktioniert erst recht nicht. Die «plangen» da mitnichten glühend vor Verlangen, sondern bekommen irgendwann einfach schlechte Laune.
An den Modeschauen ist es so, dass die Show irgendwann doch beginnt, selbst wenn die Prominenz noch nicht vollzählig eingetrudelt ist. Das musste Janet Jackson vor ein paar Jahren bei einer Dior-Show erfahren, als sie mitsamt Entourage derart zu spät kam, dass ihr der Zutritt verwehrt wurde. Es war ziemlich uncool, wie sie dann dastand und nicht hineindurfte und die Wirkung des vermeintlich grossen Auftritts einfach so verpuffte, weil ihr stattdessen vor aller Augen demonstriert wurde, wie kolossal unwichtig sie letzten Endes ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.03.2010, 12:29 Uhr
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47 Kommentare
Pünklichkeit ist die Tugend der Könige, tja, leider gibt es keine Könige mehr. Die Welt tickt heute anders. In der heutigen egomanen Zeit, wenn verwundert das noch? Ich habe gelernt, dass man nur eines muss auf dieser Welt, Sterben! Alles andere ist freiwillig oder nicht? Konsequenzen inkl.. Flexibilität ist das Zauberwort, steht in jedem Stelleninserat. Nichts muss, alles darf. Geschnallt.? Antworten
Excellent. Trifft die Sache auf den Punkt und beschreibt genau das Problem: Menschen kommen zu spaet, weil sie denken sie seien wichtiger als derjenige, den sie treffen sollen. Damit legen sie eine extreme Form von Unhoeflichkeit an den Tag und sollten ueberhaupt nicht mehr ernst genommen werden. Hoeflichkeit ist die Tugend der Koenige, das ist absolut korrekt. Antworten
Wer zu spät kommt, verschwendet die Zeit aller gleich 2x: 1. muss alles nochmal erklärt werden und 2. müssen sich alle seine Ausrede anhören. Meine Regel, die ich auch meinen Kunden empfehle: Pünktlichkeit ist ein Grundregel der Zusammenarbeit. Wer zu spät kommt, zahlt *wortlos* 2.- in eine Kasse. Ende Jahr bestimmt die Gruppe, welchem gemeinnützigen Zweck (*nicht* Gruppen-Apéro) das Geld zukommt. Antworten
Man kann seine Bekannten auch etwas erziehen. Ich bin immer sehr pünktlich, warte aber selten mehr als 10 Minuten auf jemanden. Danach gehe ich nach Hause oder alleine ins Kino oder die Sitzung ist abgesagt. Nachdem das einmal passiert ist, klappt es in der Regel in der Zukunft sehr gut. Antworten
Monsieur Stassel wollte ja sowieso nur provozieren mit seiner Aussage. Auf sogenannte wichtige Personen wartet man nicht lächerliche 30 Minuten, da sind mehrere Stunden üblich. Zum Glück habe ich dieses Problemchen nicht mehr, denn ich meide den Umgang mit dieser Art von Robotern konsequent. Antworten
im militär gilt : 1.) die massgebenden uhren werden abgeglichen. 2.) wer erst zur zeit erscheint, ist zu spät. 3.) wer zu früh am treffpunkt wartet, verrät und gefährdet den standort...! 4.) gibt es noch fragen zum befohlenen oder beauftragten "verhalten am ziel"...? Antworten
In der Tat ein gelungener Beitrag, der doch so vieles auf den Punkt bringt. @Eric Stassel: Sie schreiben "Erlaubt ist schliesslich, womit man letztendlich durch kommt " ... nun, hoffentlich kommen Sie mal bis zu mir durch, dann werden sie sehen wo mann nicht weiter-, geschweige denn durchkommt! Dieses Muster kann übrigens auch bei Teenies beobachtet werden, allerdings mit Änderungspotenzial Antworten
Und hier gibt es noch Leute die Stil falsch schreiben. Styl? Was ist das, denglisch für Stil oder egerman für Style? :P Pünktlichkeit verursacht im Endeffekt nur viel Stress und viele Unfälle da alle ja "etwas zu spät dran waren" und deshalb mit 150+kmh durch den Kindergarten gefahren sind. Übrigens - geplant Unpünktlich sein, also genau eine halbe Stunde oder so, ist spiessig hoch 3. Antworten
Wui Hr. Stassel. Wo haben Sie denn solchen Mist aufgeschnappt? Wäre ich Ihr Vorgesetzter, könnten Sie gleich weiter zur HR marschieren und dort ein höfflich formuliertes Abgangszeugnis abholen. Danke das war's. Goodbye, felice notte und was sonst noch heisst, das es nicht bleibt (Gottfried Benn, übrigens). Antworten
Pünktlichkeit ist eine schweizer Tugend. Also typisch schweizerisch und als solche ein Pfeiler des schweizer Erfolges. Nur sind die Schweizer auch nicht perfekt. Würde ihnen doch ein gesundes Mass an Lockerheit gut tun. Es sind ja meistens die gleichen Leute, die immer zu spät kommen. Darauf kann man sich also gut einstellen. Mit einer gesunden Einstellung werden Probleme oft zu Nichtigkeiten. Antworten
die einen haben uhren, aber keine zeit....... - andere haben zeit, aber keine uhren ....! auf der erde sind gesundheit, intelligenz und reichtum ebenso ungerecht verteilt, wie zeit und raum...! wohl dem, der manchmal etws später, aber nie zu spät kommt. (werden die letzten die ersten sein..? etwa das verlorene schaf, oder so...?) vgl. gedicht " mis müeti " von josef reinhart, 1875 - 1957. Antworten
Pünktlichkeit hat nur mit Anstand und Respekt zu tun. Ich würde da gar nicht zuviel hinein interpretieren von wegen Coolness und Bünzlitum etc.. Ich kenne keine Leute die absichtlich zu spät kommen. Bei vielen ist einfach die Vorbereitung oder Zeitmanagement schlecht. Ich für meinen Teil zeige meinen Unmut gegenüber unpünktlichen Leuten. Es is den Leuten extrem peinlich meistens. Antworten
Herr Bisig: Ihre Prophezeiung hat sich schon von Jahren erfüllt - längst habe ich keine Vorgesetzten mehr. In meinem Kundenkreis wünscht man exklusive Kompetenz, nicht gewöhnliche Höflichkeit, Schauen Sie, wer mehr Erfolg hat, geniesst auch mehr Rechte, dies wird an jedem Elite-Internat gelehrt. Mag es ihrer Vorstellung von Moral auch zuwider laufen, es ist die Richtung, in die sich die Welt dreht Antworten
Herr Stassel, haben Sie mal zwei Minuten für mich? Sie sind ja schliesslich ein sehr wichtiger Zeitgenosse. Wurden Sie es nun dank "Best-steller" - und sind das Personen, die einen besser stellen als man ist? Oder meinten Sie am Ende "Bestseller", wie es sie bei Welbild gibt? Oder sind Sie gar ein Spassvogel, dem es nur darum ging, den hervorragenden Artikel von Frau Weber zu bestätigen? Antworten
Herr Stassel - Egomanie und Selbstüberschätzung ist auch eine Philosophie..... oder verkaufen sie etwas, das es sonst nicht gibt?...Das die "Kunden" aus Prinzip warten sollen zeigt die "Geringschätzung" der Kundschaft. Bei mir wären sie draussen. Diese Bestsellers, die ihnen scheinbar so viel bedeuten können sie getrost in den Ofen schieben, alles BlaBla. Antworten
sensationeller beitrag - endlich jemand der sich traut! ja; ich bin der meinung es zeugt von wenig respekt wenn ich jemanden warten lasse! ich bin weniger wichtig, andere prioritäten haben vorgang - fühle mich entwertet. krass ist es, wenn sie an seminare der dienstleistungsbranche (finanzen, recht...) gehen. spät kommen und früh gehen gehört zum guten ton. es ärgert mich! amatus Antworten
na ihr termingestressten!! es gibt momente, da hat man punktlich zu sein, und es gibt momente, da darf man auch einfach dazukommen. sich über zu spät kommen ärgern, aber in blogs schreiben... vituelle welt... zzz ich trage schon lange keine uhr mehr, weil ich nicht im minutentakt den gesellschaftlichen zwängen erliegen will. marihuana sollten übrigens viel mehr rauchen! würde den meisten gut tun!! Antworten
@ Eric Stassel: Schön für sie, wenn das funktioniert. Ist nur nicht sehr nachhaltig. Sobald sie mal von jemandem etwas wollen kommt dann wohl die Retourkutsche. Schlechte Kinderstube und Arroganz rächt sich früher oder später. ;-) Lassen sie mich raten: sie lassen sicher auch gerne mal Abfall fallen, stehen im Tram nie für alte Leute auf, gehen notorisch bei Rot über die Strasse usw. :-) Antworten
Herr Stassel: Schön, dass Sie immer pünktlich 30 Minuten zu spät sind - offenbar rechnen Ihre Terminpartner bereits damit, und somit sind Sie ja "pünktlich" (in meinen Augen eher unverschämt). Anscheinend müssen Sie nie Termine mit Ihren Vorgesetzten einhalten - bei Ihrer Mentalität hätten Sie bald keine mehr. Antworten
Wer glaubt, alle Welt warte auf ihn/sie, da er/sie ja sooo wichtig ist, muss sich nicht wundern, wenn er/sie eines schönen Tages eines besseren belehrt werden. Wie heisst es so schön: Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige und die Pflicht der Bürger... und ein Zeichen des Respekts - gegenüber dem Veranstalter wie auch den übrigen Zuschauern/Gästen... Antworten
Ein wunderbarer Beitrag, da stimme ich Peter Schmid zu. Pünktlichkeit ist mir angeboren, eher bin ich zu früh, als zu spät. Ich halte Unpünktlichkeit für unhöflich, und permanente Zuspätkommer strapazieren meine Nerven. Trotzdem - es gibt Personen, die, ohne cool sein zu wollen, ihr Zeitmanagement einfach nicht in den Griff bekommen. Die können gar nicht anders. Antworten
Also ich mache seit Jahren dasselbe; komme punktlich 30 Minuten zu spät, und sage statt mich zu entschuldigen "ich habe 10 Minuten für Sie!" Dazu raten übrigens auch Beststeller. Erlaubt ist schliesslich, womit man letztendlich durch kommt und zumeist wollen die anderen was von mir - nicht umgekehrt. Das soll keine Aussage über meinen Anstand sein, denn ich könnte den Knigge rückwärts zitieren. Antworten
Unpünkltichkeit nervt einfach nur. Es ist unhöflich und respektlos. Und wenn jemand sagt Frauen seien unpünklich und werden nie fertig. Am meisten in meinem Leben habe ich auf Männer gewartet, die ihr Timemanagement einfach nicht in den Griff bekommen haben. Das ist es nämlich, Unfähigkeit sich zu managen. Antworten
In der Regel sind die Leute am meisten uncool, welche dauernd versuchen cool zu sein. Je mehr fixiert auf Coolness, je provinzieller. Das ist zu diesem Thema eine gute Faustregel. Und Spätsein ist in der Tat uncool, aber nicht besonders provinziell, ausser sie passiert absichtlich. Antworten
Gut geschriebener Beitrag, der's auf den Punkt bringt. Die Aussage, dass wegen des Handys inzwischen nichts mehr verbindlich sei, alles fliessend, ewig provisorisch, und dass auch eine genaue Zeitangabe zur Manövriermasse werde, zeigt: Das Handy ist - in dieser Hinsicht - quasi das Marihuana der Jetzt-Zeit. Salonfähig und sogar geeignet für Nichtraucher, nur mit weiter reichenden Auswirkungen... Antworten






Elvira Gugger
Wie kann man sich nur seitenlang über so was Nebensächliches wie Unpünktlichkeit enervieren. Es gibt Menschen auf dieser Welt, die vor Hunger sterben. Und wer findet's unhöflich? Antworten