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Wie die Schweiz das Ferienmachen lernte
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Ferien, in denen Sie alles vergessen? Nicht doch. Ferien sind weder Privatsache noch reines Vergnügen und ein Selbstzweck schon gar nicht. Niemand weiss das besser als der Arbeitgeber, der ja auch der Feriengeber ist.
«Absolut zu verpönen wäre die Benutzung eines Urlaubes zum Besuche eidgenössischer oder kantonaler Feste oder anderer mehrtägiger Feierlichkeiten, die den jungen Menschen Tag und Nacht in Atem halten und von denen er an Leib und Gemüt und Geldbeutel geschädigt zurückkehrt.» So schrieb das «Zentralblatt» des Schweizerischen Kaufmännischen Vereins am 14. Juli 1906. Die Basler Chemiefirma Geigy versuchte entsprechend, die Freizeit ihrer Arbeiter zu steuern: In den Dreissigerjahren finanzierte sie ihnen eine Ferienreise – allerdings nur, wenn Eltern und Kinder getrennt Urlaub machten.
Oberstes Ziel war die ungeschmälerte Erholung der Produktivkräfte. Darauf pochte auch jener Patron, von dem das eidgenössische Fabrikinspektorat 1934 berichtete: Er gewährt seinen dreihundert Arbeiterinnen gar keine Ferien, weil sie dann doch nur Hausarbeit machen und «keine Zeit zum Ausruhen haben». Stattdessen offeriert er ihnen kostenlos zwei Wochen im firmeneigenen Bergheim, «wo sie sich unter liebevoller Pflege sehr gut erholen».
«Um sich nur zu amüsieren»
Es ist schwer zu glauben, aber es gab einmal ein Leben ohne Ferien. Und wo sie eingeführt wurden, da unterlagen sie allerhand Geboten und Verboten. Der Kaufmännische Verein veröffentlichte im Sommer jeweils seine «Winke für den Feriengänger», die von der richtigen Kleidung bis zur richtigen Lektüre reichten.
Eine ähnliche Sorge trieb die Gewerkschaften um: 1909 verdammten sie in ihrer «Rundschau» die «Begehrlichkeit, in die Bäder und Sommerfrische zu reisen, um sich nur zu amüsieren». Legitim waren Ferien, weil sie die Leute leistungsfähig hielten. Die Arbeitgeber, überzeugt von bürgerlichen Sozialreformern, waren denn auch die Ersten, die sich dafür einsetzten. Die verbreitete Vorstellung, die Arbeiterbewegung habe das Recht auf Ferien gegen die Macht des Kapitals erkämpft und damit einem natürlichen Bedürfnis zu seinem Recht verholfen, ist falsch. Dieses Bedürfnis musste den Arbeitern erst einmal beigebracht werden.
«Vielfach treffen wir Arbeiter, die die Ferien nicht zur Kräftigung der Gesundheit benützen wollen, sondern weiterarbeiten und den doppelten Lohn beziehen», rapportierte 1924 einer der Fabrikinspektoren, die sich als Stimme des sozialen Fortschritts verstanden und die Ferien propagierten. Er konnte immerhin vermelden: «Die Arbeiterschaft zeigt ein wachsendes Interesse daran.»
Woher die Ferien kommen und wie sie sich in der Schweiz entwickelt haben, hat die Basler Historikerin Beatrice Schumacher untersucht. Auf ein urmenschliches Verlangen nach Ferien ist sie dabei nicht gestossen. Vielmehr auf einen Wandel im Denken, der ein solches Verlangen erst schuf. Es brauchte eine lange Debatte, um die Ferien als «legitimes Bedürfnis und gesellschaftspolitisch sinnvolle Massnahme» zu etablieren, sagt Beatrice Schumacher.
Ein Experte am Strand
Braucht es Ferien? Und wenn ja: wozu? Das sind – aus heutiger Sicht – unbegreifliche Fragen. Das war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert anders: Die Schweiz begann damals erst, die Ferien als Notwendigkeit des modernen Lebens zu betrachten.
Im Juli 1895 fuhr ein Basler Bürger mit seiner Familie ans Meer, nach Villerssur-Mer in der Normandie; er wollte «das auf die Länge drückende & nervös machende Arbeitsjoch für einige Zeit abschütteln». Fünf Wochen verbrachte er am Meer und protokollierte jeden Tag in einem kleinen schwarzen Notizbuch.
Adolf Haegler hiess der Mann, ein Arzt und Sozialreformer, der eine Art Selbstversuch anstellte: Er liess den Aufenthalt am Meer auf sich wirken und beobachtete sich dabei. Dazu gehörte sein Unwohlsein in aufgekrempelten Hosen am Strand. Sein Unbehagen angesichts der nassen Füsse, die er sich trotz spezieller «Wasserschuhe» holte. Sein Interesse an Meeresgetier, Naturerscheinungen und ausgedehnten Spaziergängen. Sein Unverständnis über den «Müssiggang» der Touristen, aber auch der Einheimischen: «Die Franzosen sitzen am Meere, bis sie halb versteinert sind – das gehört auch zur Degeneration der Nation.» Er zog gemässigte Tätigkeit dem Nichtstun vor; das hielt er für erholsamer, und darum zog er sich immer wieder in seine Pension zurück, um Korrespondenz zu erledigen und an einem Vortrag zu schreiben: «Ich kann unmöglich stundenlang dort draussen sitzen, ohne etwas Bestimmtes zu tun.»
Für das Grossbürgertum waren Sommerferien in jener Zeit längst ein gewohntes Ritual; auch Haegler verreiste nicht zum ersten Mal. Doch seit einigen Jahren gab es unter Experten eine wachsende Diskussion darüber, wozu Auszeiten von der Arbeit gut sind. Und einer dieser Experten war Adolf Haegler.
Er hatte sich einen Namen gemacht als Vorkämpfer des arbeitsfreien Sonntags und des Segens, den er bringt, sofern man ihn in «stiller Sammlung» verlebt. In diesem Zusammenhang führte er den Begriff «Ermüdung» in der Medizin ein, untersuchte die Belastung von Muskeln und Nerven, stellte Stoffwechselexperimente an und zeichnete Diagramme mit dem «Niveau der menschlichen Kraft»: eine Linie, die sich mit jedem Wochentag weiter abwärts neigte, um mit der Sonntagsruhe wieder auf ihre ursprüngliche Höhe zu gelangen – dazu eine zweite Linie, die «bei Mangel des Sonntags» ins Bodenlose fiel.
Sonntagsruhe als «Kraftstation»
Haegler war als medizinischer Experte in Sachen Erholung auf der Höhe seiner Zeit, und seine Forschungen wiesen der Diskussion über die Ferien den Weg, die sich in der Schweiz ab etwa 1870 entwickelte. Bisher hatten der Schlaf und die Sonntagsruhe als «Kraftstationen» gegolten, wie man es damals nannte – jetzt kamen die Ferien zu jenen Ruhepausen hinzu, die der Mensch periodisch braucht, um seine Kraft zu erhalten.
Das war der «Begründungszusammenhang», so Beatrice Schumacher, der sich bis zur Jahrhundertwende etablierte: Da wurde ein Wissen konsensfähig, das Ferien nicht mehr als Privileg verstand, sondern als «dringendes Bedürfnis» der ganzen Bevölkerung, wie Haegler betonte. Es ging hier um ein politisches Projekt, wissenschaftlich begründet und bewiesen mit dem Ruf der menschlichen Natur. Gerade darum konnte sich die Idee laut Schumacher durchsetzen, über alle Parteien und sozialen Schichten hinweg.
Theoretisch jedenfalls, die Realität sah vorerst anders aus. In den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts waren die kaufmännischen Angestellten und die Beamten zwar die ersten Lohnabhängigen, für die eine jährliche Ferienpause zur Regel wurde; je nach Dienstzeit und Alter waren es 12 bis 18 Tage. Doch als sich der Bundesrat 1894 über die Verhältnisse in der Verwaltung erkundigte, hielt das Departement des Innern fest, «dass die Gewährung des Urlaubes von den Beamten und Angestellten nicht als ein Recht beansprucht werden darf». Und noch 1910 erklärte die Bundeskanzlei: «Der faule und widerhaarige Beamte oder Angestellte verdient keinen Urlaub.»
Ferien galten als Wohltätigkeit oder als Bonus, oft wurde der Militärdienst von den freien Tagen abgezogen. Dieses Regime galt – noch länger als für die Beamten – für die Angestellten der Privatwirtschaft: Bis 1918 gab es hier kaum Ferienregelungen. «Urlaub erteilt der Director», hiess es im Jahr 1900 bei der Schweizerischen Rückversicherungsanstalt.
Zeitkrankheit «Nervosität»
Während die Mehrheit der Angestellten 1910 schon ferienberechtigt war, waren es bei den Fabrikarbeitern erst acht Prozent. Das hing damit zusammen, dass die Fachleute geistige Arbeit für anstrengender hielten: «Nervosität» war die damals gängige Zeitkrankheit. Beschleunigung, Aufregung, Überreizung – das moderne Leben zehrte weniger an den Muskeln als an den Nerven, und darum dachte auch ein Adolf Haegler vor allem an die «geistig überangestrengten Menschen».
Hinzu kam, dass längerfristige Anstellungen in den Fabriken später zur Regel wurden als in den Büros – und ohne regelmässige Arbeitszeiten waren keine bezahlten Ferienwochen zu haben. Erst als sich auch der Arbeitsmarkt in der Industrie modernisierte und die Arbeiter sichere Jobs erhielten, hatten die lauter werdenden Forderungen nach Ferien Erfolg. Die ersten namhaften «Arbeiterferien» gab es nach dem Ersten Weltkrieg – und bis zum Zweiten wurden sie, auch wenn es noch kaum mehr als zwei Wochen waren, selbstverständlich. Wie selbstverständlich, belegt der Aufruf, den der Bundesrat 1940 lancierte, pünktlich zur Sommersaison. Die meisten Soldaten waren eben entlassen worden – nun wurde die Bevölkerung mobilisiert: «Macht Ferien! Schafft Arbeit!»
«Umso freudiger» in den Alltag
Die Kampagne diente der Schweizer Hotellerie, der im Krieg die ausländischen Gäste fehlten. Zugleich erinnerte sie daran, dass die schönsten Tage im Jahr nicht etwa im Widerstand gegen die Arbeit erfunden wurden aus dem Willen heraus, nicht das ganze menschliche Dasein der Wirtschaft zu überlassen: Die Ferien waren im Gegenteil Ergänzung und Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln. Die Schweizer, so der Bundesrat, «sollen sich vornehmen, so viel körperliche und seelische Kräfte als möglich zu sammeln, um nachher umso freudiger wieder an ihre Arbeit gehen zu können».
So festigte die arbeitsfreie Zeit die Arbeitsgesellschaft. Davon ist in der Reklame heute zwar nicht mehr die Rede: In dem Moment, da er am Strand mit den Schuhen auch den Alltag abstreift, betritt der Mensch eine Welt, die nur ihm und seinen Wünschen gehört.
Aber immer, wenn die Ferien zum öffentlichen Thema werden, geht es um Volkswirtschaft und «Volksgesundheit» – um denselben Nutzen, mit dem sie schon bei ihrer Erfindung begründet wurden. Das selbst bei jenen, die mehr davon wollen – zuletzt im März bei der Abstimmung über sechs Wochen Ferien. Von einer «Investition» sprach der Gewerkschaftsdachverband Travailsuisse, als er seine Initiative vorstellte: «Damit wir die langfristige Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer sicherstellen können.» Dolce far niente? Auch hier nichts davon. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.07.2012, 16:41 Uhr
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