Wieso Rauchen verboten wird
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Ja, es stimmt. Durch unzählige Studien bewiesen. Rauchen ist ungesund. Das bestreitet heute niemand mehr. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass das Rauchen hinhalten muss für etwas, was gar nicht so sehr mit dem Rauchen, sondern vielmehr mit veränderten Werten in der Gesellschaft zu tun hat.
Wer sagt, was sich gehört?
Es herrscht eine Stellvertreterdebatte, eine Debatte der gesellschaftlichen Regeln, Normen und Ideale. Oder, wie es der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Christoph Maria Merki formuliert: «Die Raucherdebatte ist ein Brennglas, in dem sich die Gesellschaft spiegelt» (siehe Interview). Er spricht damit Fragen des Zusammenlebens an, Fragen der öffentlichen Massregelung. Denn diese Rolle übernahmen in den vorhergehenden Jahrhunderten andere Autoritäten. Die Kirche, die ein enthaltsames Leben propagierte. Die Eltern, die standesbewusst lebten.
Doch Mitte des letzten Jahrhunderts verloren diese Autoritäten an Einfluss, wurde die Freiheit des Individuums zum höchsten Gut. Es wurde konsumorientiert gelebt, inklusive Rauchen. Und jetzt übernimmt die Gesellschaft, vertreten durch den Staat, die frei gewordene Rolle; jetzt will die Gesellschaft das Individuum vor schädlichen Einflüssen schützen.
1660: Schweres Vergehen
Das Rauchen. Von Kolumbus Ende des 15.Jahrhunderts aus Amerika nach Europa gebracht, verbreitete sich der Tabak, begünstigt durch den Dreissigjährigen Krieg im 17.Jahrhundert, schnell auf dem alten Kontinent. Das wurde nicht überall gerne gesehen. Der Stand Bern erklärte das Rauchen 1660 zum schweren Vergehen. Trotzdem wurde die Tabakpflanze in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts bereits in Berner Oberländer Bauerngärten angepflanzt. Das sei zur «Deckung des Eigenbedarfs» geschehen, schreibt Volkskundler Thomas Hengartner in «Tabakkonsum und Rauchen». Einmal erwischt, wurden die Bauern auch verurteilt – ein solcher Fall ist beispielsweise in den Chorgerichtsakten von Saanen aus dem Jahr 1687 ersichtlich. Die Strafverfolgung war allerdings schwierig. Deshalb sei man nach kurzer Zeit auch vom Rauchverbot abgekommen. Aus einem simplen Grund: «Das Rauchen liess sich nicht bis in die Privathaushalte verfolgen», sagt Merki.
Somit begann der Siegeszug des Genussmittels. Ein Genussmittel, das bald einmal für die Unterschicht erschwinglich war, denn Tabak musste nicht mehr nur teuer importiert werden, sondern wurde auch hier zu Lande angebaut, namentlich in der Region Payerne. Obwohl es damals schon gesundheitliche Bedenken gab, waren von Tabak verursachte Krankheiten wie Lungenkrebs nicht medizinisch nachzuweisen – ganz einfach weil die Menschen starben, bevor der Lungenkrebs festgestellt wurde.
Rauchen im TV
Noch viel später, 1965, durfte Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt in einer Fernsehsendung als Gast bei Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki genüsslich eine Zigarre rauchen und dabei den Aschenbecher in Brand setzen, im Flugzeug konnten Rauchersitze gebucht werden, und Züge ohne Raucherabteile konnten sich Reisende fast nicht vorstellen. Passé.
Öffentliche Räume werden immer häufiger zu rauchfreien Räumen. Italien, das 2005 Rauchen in Restaurants verbot, war ein Vorreiter. In der Schweiz war es im Frühling 2007 das Tessin, das als erster Kanton Restaurants und Bars zur rauchfreien Zone machte. Seither folgten St.Gallen, Neuenburg, Graubünden und zuletzt Solothurn.
Ob allerdings der Tabakkonsum durch diese Verbote zurückgeht, ist umstritten. So ist die Raucherquote in der Schweiz seit 2001 von 33 Prozent auf 27 Prozent gesunken. Erfasst wurde in dieser Statistik, die im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit seit 2001 jährlich durchgeführt wird, die Altersgruppe der 14- bis 65-Jährigen. Noch Mitte des letzten Jahrhunderts waren es laut Christoph Maria Merki hingegen bis zu 85 Prozent der deutschen Männer, die Tabak konsumierten. Die Zahlen dürften damals für die Schweiz ähnlich gewesen sein. Seither ging der Tabakkonsum laufend zurück – auch ohne restriktive Massnahmen.
Minderheit der Raucher
Deshalb sind die nun eingeführten Verbote laut dem Historiker Merki auch nicht in erster Linie dazu da, das Rauchen einzudämmen, sondern sie entstehen, weil im Gegensatz zu früher nicht mehr eine Mehrheit der Bevölkerung den Glimmstängeln zugeneigt ist. Rauchverbote sind also eine Folge des Rückgangs des Tabakkonsums, und nicht umgekehrt.
Raucher werden aus Restaurants und Co. verbannt. Logisch, denn Rauchen ist kein Normalverhalten mehr. Die Mehrheit der Bevölkerung hat den Zigaretten abgeschworen. Das Rauchen wurde nicht durch staatliche Vorschriften, die folgten später, sondern durch eine gesundheitsbewusstere Gesellschaft zunehmend aus dem Alltagsleben vertrieben. Marina Bolzli> (Berner Zeitung)
Erstellt: 28.06.2009, 14:40 Uhr

































































































































