Wird es brenzlig, schlägt der Hund Alarm

Daniela Wüthrich ist Diabetikerin. Seit bald drei Jahren lässt sie sich von ihrer Hündin alarmieren, wenn der Blutzuckerspiegel Kapriolen schlägt. Auf den Grosspudel sei mehr Verlass als auf die Technik, sagt sie.

Hündin Fleur gibt keine Ruhe, wenn sie erschnüffelt, dass der Blutzuckerspiegel seiner Meisterin Daniela Wüthrich zu stark sinkt. Denn eine leckere Belohnung ist ihr sicher.

Hündin Fleur gibt keine Ruhe, wenn sie erschnüffelt, dass der Blutzuckerspiegel seiner Meisterin Daniela Wüthrich zu stark sinkt. Denn eine leckere Belohnung ist ihr sicher. Bild: Olaf Nörrenberg

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Wer das Haus der Familie Wüthrich betritt, wird sofort von mehreren Katzen und Hunden umringt. Tiere spielen im Leben der Utzenstorfer Familie eine wichtige Rolle. Zu ihrer Hündin Fleur hat Daniela Wüthrich aber eine spezielle Beziehung. Der zweijährige Grosspudel ist ausgebildeter Diabetikerwarnhund.

Bei der 45-jährigen vierfachen Mutter wurde vor zehn Jahren die Blutzuckerkrankheit Diabetes Typ 1 diagnostiziert. Für Daniela Wüthrich bedeutet das, «dass ich ohne künstliches Insulin nicht mehr leben kann». Im ersten Moment sei für sie damals eine Welt zusammengebrochen, sagt sie. Sie sei alleinerziehende Mutter gewesen und habe ihr Leben zuerst neu organisieren müssen. Diabetes bedeutet für die Betroffenen meist, dass sie einige Lebensgewohnheiten anpassen müssen.

«Man kann nicht mehr einfach essen, was man will. Denn viele Lebensmittel haben einen Einfluss auf den Blutzuckerwert im Körper.» Heute fühle sie sich zwar nicht eingeschränkt, sie halte sich aber strikt an eine geregelte Ernährung mit drei Mahlzeiten pro Tag. «Gerade jetzt über die Festtage ist das nicht immer so einfach.» Ihre Krankheit habe aber auch etwas Positives bewirkt, betont Daniela Wüthrich: «Ich musste lernen, mehr an mich selbst zu denken. Ich brauche mehr Zeit, um mich zu er­holen.»

Erlebnis mit der Katze

Und dann erzählt die Tierfreundin von ihrer ersten Katze, die vor vielen Jahren an Diabetes erkrankt sei. «Ich musste ihr regelmässig Insulin spritzen.» Doch nach einiger Zeit habe sie sich schweren Herzens entschieden, die Katze einzuschläfern, weil der Aufwand zu gross geworden sei. «Heute, nachdem ich selbst von Diabetes betroffen bin, würde ich das bestimmt nicht mehr tun.»

Der Umgang mit Tieren ist für Daniela Wüthrich ein wichtiger Teil ihres Lebens. Ihr heutiger Mann führt einen Landwirtschaftsbetrieb mit Kühen. Auch Geissen und Schildkröten gehören zum Familienhof. «Ich bin schon mit einem Hund aufgewachsen, und für mich war immer klar, dass ich später selbst einen Hund halten möchte», sagt sie. Ein Leben ohne Tiere könne sie sich gar nicht vorstellen. Heute gehören nebst den Tieren auf dem Hof zwei Hunde und sechs Katzen zum Haushalt.

Akzeptanz fehlt oft

Als sich Daniela Wüthrich vor bald drei Jahren eine neue Hündin anschaffte, fasste sie den Entschluss, diese im begleiteten Selbststudium zum Diabetikerwarnhund auszubilden. Zusammen mit Fleur absolvierte sie deshalb im Assistenzhundezentrum von Sandra Lindemann in Gunzwil im Kanton Luzern die entsprechende Ausbildung, die fünf Wochenenden dauerte. Danach legte die Hundehalterin mit Fleur eine Prüfung ab und er­langte einen Diabetikerhunde­ausweis.

Trotz dieses Ausweises stösst Daniela Wüthrich in der Öffentlichkeit aber oft auf Widerstände. Sie nehme den Hund halt überall hin mit – ausser in Lebensmittelgeschäfte. «Es gibt dort so viele verschiedene Gerüche. Ich möchte Fleur damit nicht unnötig stressen.» In vielen Geschäften werde sie schräg angeschaut, wenn sie sie mit Fleur betrete. «Im Gegensatz zu Blindenhunden fehlt bei uns oft die Akzeptanz. Dabei bin ich ebenfalls auf meine Hündin angewiesen», sagt Daniela Wüthrich. Sie müsse sich deshalb oft rechtfertigen. Das ärgert die passionierte Hundehalterin.

Auch als sie den Arbeitgeber wechselte und in einem Büro mit mehreren Personen arbeitete, waren am Anfang viele skeptisch. Doch Fleur ist im Büro angeleint und liegt immer auf demselben Platz. Heute arbeitet Daniela Wüthrich Teilzeit auf der Gemeindeverwaltung in Wangenried. «Wir sind dort zwei Angestellte. Meine jetzige Chefin, mit der ich bereits früher zusammengearbeitet habe, sowie der Gemeinderat haben mit Fleur überhaupt kein Problem.»

Wegen Hundetaxe gekämpft

Für Fleur muss Daniela Wüthrich mittlerweile auch keine Hundetaxe mehr bezahlen. «Ich musste aber dafür kämpfen, von der Hundesteuer befreit zu werden.» Sie wünscht sich deshalb für die Zukunft, dass Diabetikerwarnhunde mehr Akzeptanz erhalten. «Es sollte für uns die gleichen Vergünstigungen geben, wie sie auch für Blindenhunde gelten.» Nicht das Geld stehe dabei im Vordergrund. «Es geht mir viel mehr um die Anerkennung der Leistung meiner Hündin.»

Hartnäckiger Begleiter

Fleur gebe ihr im täglichen Umgang mit der Diabeteskrankheit Sicherheit, sagt die Diabetikerin. Sie reagiere sofort, wenn sich der Blutzuckerspiegel verändere. Die Hündin sei dabei sehr hartnäckig. «Man kann sie ja nicht einfach auf Knopfdruck abstellen.» Das ist für Daniela Wüthrich der einzige Wermutstropfen: «Durch Fleur nehme ich die Krankheit viel bewusster wahr, was nicht immer leicht ist.» Die Utzenstorferin ist letztlich jedoch überzeugt: «Kann man keine Beziehung zum Tier aufbauen und sieht es nur als Hilfsgerät, ist das Trainieren eines Diabetikerwarnhundes kaum möglich.» (Berner Zeitung)

(Erstellt: 04.01.2016, 08:17 Uhr)

Eine Nase für den Blutzuckerspiegel

Für Diabetiker gibt es heute ­allerlei technische Hilfsmittel, die den Umgang mit der Krankheit erleichtern. Auch Daniela Wüthrich nutzt beispielsweise eine Pumpe, die ihr regelmässig Insulin zuführt, sowie ein kontinuierliches Blutzuckermess­gerät. Dennoch sagt sie: «Auf meine Hündin kann ich mich mehr verlassen als auf die ­Technik.»

Fleur zeigt ihrer Halterin mit Bellen an, wenn der Blutzuckerspiegel zu rasch ansteigt oder sinkt, aber auch, wenn dieser zu lange in einem hohen Bereich weilt. Dann kann Daniela Wüthrich reagieren und ihren Zuckerhaushalt korrigieren.

Zudem ist die Hündin so trainiert, dass sie mittels eines Handys im Notfall Alarm schlagen könnte.
Auch für den Fall, dass Wüth­richs Blutzuckerwert in der Nacht stark ansteigt oder abfällt, wurde vorgesorgt: Fleur kann dann mit ihrer Pfote eine Klingel bedienen, die ihre Halterin aufweckt.

Diabetikerwarnhunde erkennen den Zuckerspiegel aufgrund des Geruchs. Trainiert werden die Hunde laut Daniela Wüthrich über ihren Spiel- und Arbeitstrieb.

Im Spiel lernen die Hunde den zu tiefen Blutzuckergeruch als etwas Interessantes kennen. Erkennt Fleur die Situation richtig, wird sie denn auch mit kleinen Häppchen belohnt.

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