Wissenschaftlicher Boulevard

Die Schweizer Online- und Gratismedien seien schlecht, findet eine Studie. Dasselbe gilt für diese wissenschaftliche Arbeit.

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Das Jahrbuch 2011 «Qualität der Medien – Schweiz, Suisse, Svizzera» ist erschienen (TA von gestern). Die erste Ausgabe der Studie hatte vor einem Jahr vielen Journalisten die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Auch dieses Jahr werden sich nicht wenige Medienschaffende über den unerfreulichen Befund der Studie empören. Er lautet: Die Boulevardisierung durch Onlineportale und Gratisblätter zerstört die Qualität der Medien.

Der Forschungsbereich für Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich überbringt uns aber nicht nur diese Botschaft, sondern schafft auch gleich eine neue wissenschaftliche Disziplin: die Empörungswissenschaft. Erfunden hat sie der Fög-Leiter Kurt Imhof. Die Methoden dieses Wissenschaftszweigs sind aufs Engste mit denen des Boulevards verbunden und heissen: Emotionalisierung, Verzerrung, Desinformation oder Unterschlagung von Information, Fahrlässigkeit.

Fehler über Fehler

Beginnen wir bei der Desinformation und Fahrlässigkeit. Die Nutzung von Newssites sei 2010 rückläufig, heisst es in der Studie. Das ist falsch. Tagesanzeiger.ch ist 2009 und 2010 um je 20 Prozent gewachsen. Dasselbe gilt für fast alle Schweizer Newssites. Dass die Internet-Nutzungszahlen von Net-Metrix, die für die Fög-Studie herangezogen wurden, seit dem 1. Januar 2010 auf einer neuen Messmethode basieren und die Zahlen deshalb nicht mehr vergleichbar sind, ist Imhofs 20-köpfigem Forscherteam entgangen. Auf Anfrage versicherte man dem TA, ein Korrigendum sei bereits nachgeliefert worden. Erhalten haben wir bis heute nichts. Weder per Mail noch über Agenturen, auch nicht per Briefpost. Das ist Unterschlagung von Information.

Ein anderer Fehler steht in der Legende der Grafik zur sogenannten Abdeckungsquote. Die Forscher verwechseln absolute Zahlen mit Prozenten. «Ein Tippfehler», wie das Fög versichert. Mag sein, aber ein verheerender. Er führt die an sich schon auf falschen Daten basierende Grafik ad absurdum.

Weiter heisst es: «Newssites aus den traditionellen Pressehäusern hinken weit hinter der Nutzung von Onlineportalen her.» Diese Aussage unterschlägt erstens die Tatsache, dass Onlineportale wie Bluewin, anders als Presseerzeugnisse, in der Regel nicht nur in einem Landesteil benutzt werden, sondern gesamtschweizerisch; zweitens ist der Befund schlicht falsch: Die Website des Pendler-Titels 20minuten.ch liegt gemäss Net-Metrix auf Augenhöhe mit dem Swisscom-Portal. Tagesanzeiger.ch erreicht 40 Prozent mehr User als der Maildienstleister GMX in der Schweiz.

Der Informationskonsum sei von Suchmaschinen gesteuert, es könne kaum Publikumsbindung erzielt werden, steht in der Studie weiter. Auch das ist falsch. 80 Prozent der Zugriffe auf Tagesanzeiger.ch sind Direktzugriffe. Die restlichen 20 Prozent benutzen tatsächlich Google, aber zum grössten Teil geben sie dort einen Begriff wie «Tagi» oder «TA online» ein.

Imhof macht Wirbel

Schliesslich ist auch noch zu lesen, dass die Finanzierungsgrundlagen für die Gattung Online schwer zu eruieren seien. Stimmt nicht. Die monatlichen Umsatzzahlen können beim Marktforschungsinstitut Media Focus bezogen werden. Hätten die Forscher sich dafür interessiert, hätten sie ausserdem festgestellt, dass die erzielten Umsätze eben nicht «äusserst gering» sind und dass damit eine 50-köpfige Online-Redaktion nicht nur finanziert, sondern darüber hinaus Gewinn erwirtschaftet werden kann.

Die Fehler, die jedem Sachkundigen auffallen müssen, stellen die Glaubwürdigkeit der gesamten Studie infrage. Den Fög-Forschern einfach Dilettantismus vorzuwerfen, würde zu kurz greifen. Sozologieprofessor Kurt Imhof mobilisiert die aggressiven Methoden des Boulevards für den wissenschaftlichen Betrieb. Er will emotionalisieren, Empörung erzeugen, Wirbel machen. Genau das also, was er den Onlinemedien vorwirft.

Dabei wäre eine Qualitätsanalyse der Medien sehr zu begrüssen. Dann aber bitte mit der nötigen Sorgfalt, basierend auf fehlerfrei recherchiertem Datenmaterial und mit nüchterner Analyse. Was uns von Imhofs Team hier serviert wird, lässt zunächst einmal an der Qualität der Medienkritik zweifeln. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.10.2011, 09:38 Uhr)

Reaktion vom Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft

Das fög - Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft, Universität Zürich hat auf den Kommentar von Tagesanzeiger.ch/Newsnet reagiert: Lesen Sie die Reaktion auf der offiziellen Webseite des Instituts.

Peter Wälty ist Chefredaktor von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Vor zwei Tagen erschienen: Das Jahrbuch Qualität der Medien 2011.

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