Leben

Wonach sucht, wer Sex online sucht

Von Bettina Weber. Aktualisiert am 17.08.2011 22 Kommentare

Zwei Neurowissenschaftler haben anhand von Suchbegriffen auf Pornoseiten das Sexualverhalten von Mann und Frau untersucht. Die Ergebnisse überraschen.

Aussergewöhnliche Vorlieben sind seltener, als man denkt: Dreharbeiten zu einem Sexfilm. Bild: Vera Hartmann (Wicked Pictures, 13 Photo)

Aussergewöhnliche Vorlieben sind seltener, als man denkt: Dreharbeiten zu einem Sexfilm. Bild: Vera Hartmann (Wicked Pictures, 13 Photo)

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Ihr Buch, schreiben die beiden Autoren Ogi Ogas und Sai Gaddam, sei so etwas wie der Kinsey-Report des digitalen Zeitalters. Das mag etwas übertrieben sein, zumal die beiden Neurowissenschaftler für ihr Projekt «A Billion Wicked Thoughts» im Unterschied zu Albert Kinsey in den 50er-Jahren nicht mit ihren Probanden gesprochen haben. Aber die Analyse dessen, was Männer und Frauen alleine und im Schutze der Anonymität im Internet suchen, wenn sie Lust auf Sex haben, sagt dennoch viel über die herrschenden Präferenzen aus.

Erst recht, wenn das Datenmaterial derart umfangreich ist: Mit einem Computerprogramm zählten, sortierten und werteten die Forscher 55 Millionen eingegebene Suchbegriffe einschlägiger Seiten aus. «A Billion Wicked Thoughts» ist, obschon gespickt mit Zahlen, ein vergnüglich zu lesendes Sachbuch mit nur einem Nachteil: Es gibt hauptsächlich über männliche Vorlieben Auskunft, und zwar hetero- wie homosexuelle. Frauen suchen deutlich weniger im Netz nach sexueller Befriedigung, was zu bestätigen scheint, was man schon wusste: Die weibliche Erregungskurve verläuft komplizierter, Bilder genügen nicht – der Grund, weshalb die Chemieindustrie sich mit der Entwicklung eines Viagras für Frauen so schwertut. Gaddam formuliert das so: «Frauen sind ein F/A-18-Cockpit, Männer eine Maschine mit einem Ein/Aus-Knopf.»

Und das sind die wichtigsten Forschungserkenntnisse der beiden Neurowissenschaftler:

1. Wir sind alle gleich gestrickt
Bei 80 Prozent aller Suchanfragen wird nach den 20 immer gleichen Begriffen gesucht. Aussergewöhnliche Vorlieben sind also viel seltener, als man denkt. Sexuell gesehen funktionieren die Menschen erstaunlich gleich.

2. Frauen meiden Pornos
Die drei grössten Anbieter von Onlinepornos geben an, ihre Kundschaft bestehe zu 75 Prozent aus Männern, was heisst, dass immerhin ein Viertel weiblich ist. Das Bild sieht aber sofort anders aus, wenn es um kostenpflichtige Seiten geht: Da sind die Kunden zu 98 Prozent männlich. In Zahlen: Die beliebteste Männer-Porno-Seite hat monatlich 16 Millionen Besucher. Die beliebteste Frauen-Porno-Seite 100'000.

3. Frauen mögen keine Penisse
Es gibt zwei kommerzielle Porno-Seiten für Frauen, die profitabel sind. Die eine, Sssh.com, bietet nicht nur Filme an, sondern auch erotische Literatur und ein Chatforum. Die Präferenzen der Frauen lassen sich so zusammenfassen: Sie mögen Darstellerinnen, die ein wenig rundlicher und älter sind. Die Männer müssen gepflegt sein, geschmackvoll angezogen und körperlich gut in Form. Der beliebteste Akt ist der Geschlechtsverkehr, am wenigsten beliebt der für herkömmliche Pornos typische Cum-Shot, in dem der Mann der Frau ins Gesicht ejakuliert. Und: Während es bei den Männern Listen gibt wie «Top 10 Brüste», gibt es bei den Frauen keine «Top 10 Penisse». Auf Pornoseiten für Frauen taucht «Penis» nie als Suchbegriff auf.

4. Brüste über alles
Der meistgesuchte weibliche Körperteil sind die Brüste. Egal ob gross oder klein. Schaut man die Sache genauer an, werden grössere Oberweiten bevorzugt.

5. Forever young
Das meistgewählte Kriterium, wenn Männer Frauen suchen: «Jung».

6. Mütter sind sexy
Obiger Punkt wird relativiert, wenn man weiss, dass auf Platz 3 die MILFs folgen. Das Kürzel, das durch die Teenie-Komödie «American Pie» populär geworden ist, heisst soviel wie «Mothers I’d like to fuck». Das MILF-Genre ist eines der profitabelsten im Onlineporno-Geschäft; auf der weltweit grössten Pornoseite ist das am häufigsten eingegebene Wort nicht etwa «Teen» – sondern «Mom». Dass sich ältere Frauen grosser Beliebtheit erfreuen, sei nicht verwunderlich, schreiben Ogas und Gaddam. Aus Untersuchungen wisse man, dass bei mehr als einem Viertel aller Männer die erste sexuelle Fantasie von einer älteren Person ausgelöst worden sei.

7. Füllig bevorzugt
Frauen, entspannt euch: Auf jede Sucheingabe nach einer dünnen Frau kommen drei für eine rundliche Frau. Unter den analysierten Seiten sind 504 auf füllige Frauen spezialisiert, aber nur 182 auf dünne. Pornodarstellerinnen sind dennoch stets schlanker als die Durchschnittsfrau. Was vielleicht erklärt, weshalb die sogenannten Amateurfilme sich immer grösserer Beliebtheit erfreuen (sie sind auf Platz 2 der Filmkategorie, hinter «Youth»).

8. Männer mögen Penisse
Heterosexuelle Männer interessieren sich mehr für Penisse als heterosexuelle Frauen, zudem interessieren sie sich vor allem für grosse Penisse. Auf allen Pornoseiten – die ja hauptsächlich von Männern besucht werden – ist der Begriff «Big Dick» äusserst populär. Und: Auf der grössten Pornocommunity-Seite präsentieren 23 Prozent ihr eigenes Geschlechtsteil als Avatar, 13 Prozent verwenden eines aus einem Porno. Ogas und Gaddam begründen die männliche Faszination für den Penis evolutionsbiologisch: Ein erigierter Penis stehe für Männlichkeit und Aggression.

9. Träume von der Mannfrau
Auf Platz 16 der Hitliste bei den heterosexuellen Männern – und damit noch vor «Po» oder «Dreier» – findet sich der Begriff «Shemale». Das sind zur Frau operierte Männer, die Brüste, aber noch einen Penis haben. Ogas und Gaddam erklären, dass eine Shemale die Perfektion des männlichen Traums darstelle. Sie besitzt sowohl weibliche Rundungen als auch das begehrte männliche Geschlechtsteil. Die Shemale-Filme sind eines der am schnellsten wachsenden Segmente des Onlineporno-Geschäfts und äusserst einträglich, allerdings nur auf Seiten für Heterosexuelle – Shemales lassen Schwule kalt.

10. Homos mögen Heteros
Homosexuelle Männer finden heterosexuelle Männer erregend, auf Homo-Porno-Seiten rangiert das Suchkriterium «Straight», also «Hetero», auf Platz 2. Dass Schwule auf effeminierte Männer stehen, stimmt also nicht. Sie bevorzugen Männlichkeit. Entsprechend werden auf Schwulenseiten vor allem sehr maskuline Männer wie Cowboys, Feuerwehrmänner oder Marines gesucht.

12. Männer bleiben Männer
Heterosexuelle und homosexuelle Männer funktionieren überraschend ähnlich: Die Liste mit den beliebtesten Suchbegriffen ist nahezu identisch. Auch bei den Homosexuellen ist die Jugendlichkeit das beliebteste Kriterium, was die Forscher überrascht hat: Während die Vorliebe heterosexueller Männer für junge Frauen unter anderem mit deren Fruchtbarkeit begründet wurde, kann diese Argumentation für die Homosexuellen nicht stimmen. Es scheint vielmehr so zu sein, dass die Vorliebe für die Jugend ganz früh implementiert wird, und zwar unabhängig davon, wie sich die sexuelle Neigung entwickelt. Genauso wie die heterosexuellen mögen auch die homosexuellen Männer Penisse. Auch Schwule ziehen etwas fülligere Körper den dünnen vor, und das Pendant zu den MILFs sind die sogenannten «Daddies». Ogas und Gaddam schliessen daraus: «Jungs bleiben Jungs. Auch wenn sie andere Jungs lieben.»

Ogi Ogas/Sai Gaddam: A Billion Wicked Thoughts. Dutton, New York 2011. 394 S., ca. 20 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2011, 06:45 Uhr

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22 Kommentare

Frank Hauser

17.08.2011, 08:57 Uhr
Melden 28 Empfehlung

sehr aufschlussreich, besten Dank! Antworten


H.U. Suter

17.08.2011, 17:01 Uhr
Melden 16 Empfehlung

Ich habe vor Kurzem die neue Rubrik: Unseriöse Forschung vorgeschlagen. Dies ist ein weiterer Kandidat für diese Rubrik. Antworten




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