Leben

Ziemlich frühreif: Sexualerziehung für Kleinkinder

Sexualerziehung ist ein Dauerthema. Für Jugendliche ist sie nötig, denn ihr Unwissen ist gross. Eine neue Broschüre thematisiert die Sexualität nun gar für Kinder unter sechs Jahren.

Kein Sex vor der Ehe: Keine Angst, bei kleinen Kindern geht es nur um den spielerischen Umgang mit dem eigenen Körper.

Kein Sex vor der Ehe: Keine Angst, bei kleinen Kindern geht es nur um den spielerischen Umgang mit dem eigenen Körper.
Bild: Keystone

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Die Broschüre

Die Broschüre spannt einen Bogen von der Theorie zur Praxis. Besonders hilfreich ist das Kapitel über die psychosexuelle Entwicklung des Kindes im Alter zwischen null und sechs. Aufgeteilt nach Lebensjahren erfährt man, was vor sich geht, und erhält dazu Beispiele, wie Sexualerziehung geleistet werden kann – etwa wann Eltern beim Doktorspiel eingreifen (praktisch nie) oder wie sie reagieren sollen, wenn das Kind in seinem Forscherdrang ihre Genitalien berühren möchte (Grenzen setzen). Die Autorin Colette Marti (Psychologin) und der Autor Bruno Wehrmuth (Sexual- und Sozialpädagoge) drücken sich verständlich und doch differenziert aus. Die Broschüre liefert Tipps, verzichtet aber auf Zeigfinger-Ideologie. Interessant das Kapitel über Prävention sexueller Gewalt (mit sieben Präventionsbotschaften). Anhang mit Fachstellen und Beratungsangeboten sowie weiterführende Literatur. (kat)



Stiftung Kinderschutz Schweiz (Hg.): Sexualerziehung bei Kleinkindern und Prävention von sexueller Gewalt. Eine Broschüre für Eltern und Erziehende von Kindern zwischen 0 und 6 Jahren. 2009, gratis bei Mütter- und Väterberatungsstellen zu beziehen, ab Anfang 2010 auch Französisch und Italienisch.

Und plötzlich sprechen alle von Sexualerziehung. Die Knirpse sollen vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe in den Genuss von Sexualkunde kommen – das forderte die Eidgenössische Kommission für Kinder und Jugendfragen vor nicht mal einer Woche. Und nun soll es noch früher losgehen. Die ab heute erhältliche Broschüre «Sexualerziehung von Kleinkindern und Prävention von sexueller Gewalt» richtet sich an Eltern und Erziehende von Kindern zwischen null und sechs Jahren. Dahinter stehen die Stiftung Kinderschutz Schweiz sowie die Mütter- und Väterberatung Schweiz. Es handelt sich um den ersten Wegweiser dieser Art, der sich auf so junge Erdenbürger konzentriert.

Aufklären in den Windeln?

Was ist bloss los mit unserer Gesellschaft? Brauchen die Eltern heutzutage für jede einzelne Erziehungsaufgabe einen Leitfaden? Für das intimste Thema Rat von aussen? Vor allem aber: Soll man tatsächlich Kleinkinder aufklären, bevor sie selber richtig reden können? Kommt nach dem Frühenglisch jetzt die Früh-Sexualkunde für Windelträger?

Bruno Wehrmuth lacht. Er, Sexberater von «20 Minuten», Sexual- und Sozialpädagoge, ist Ko-Autor der neuen Broschüre. «Es ist viel einfacher: Sexualität beginnt mit der Geburt. Wir wollen die Eltern dazu ermuntern, sich des Themas locker anzunehmen und ein Klima zu schaffen, in dem Kinder Fragen stellen und sinnliche Erfahrungen machen dürfen.» Mit Aufklärung im engeren Sinne hat dies wenig zu tun. Es geht um einen «altersgerechten Umgang» mit dem eigenen Körper. Oder eben darum, «dass man ein Kleinkind sich zum Beispiel mal im Schlamm wälzen lässt, damit es erfährt, wie sich das anfühlt».

Kindliche Sexualerziehung kein Thema

Heute lesen die meisten Eltern, wie ihr Säugling am besten durchschlafen lernt und welche motorischen Entwicklungsschritte in welchem Zeitraum ablaufen. Über kindliche Sexualerziehung aber informieren sie sich nicht aktiv. Das hat wohl auch damit zu tun, dass sie glauben, ihre eigene Sexualität unverkrampft auszuleben. Bis die süsse Tochter eines Tages dauernd auf dem Boden hin und her rutscht und es geniesst oder beim Knaben das Interesse am eigenen beziehungsweise am fremden Penis alles andere dominiert.

So erlebte es eine diplomierte Sozialarbeiterin. Zuerst dachte sie sich nichts, als ihr Sohn Lewin, 4, und befreundete Buben zu Hause ihre Gemächter begutachteten und verglichen. Als sie es aber sehr oft und am liebsten in dunklen Zimmern taten, wurde es ihr zu viel. «Ich wollte kein Problem daraus machen, merkte aber, dass sich mein Sohn nicht wohlfühlte beim ewigen Schnäbi anschauen», sagt die 37-jährige Mutter.

Erstaunt über Unsicherheit

Bloss: Was sagen? Welche Spielregeln einführen? Die Mutter staunte selbst über ihre Unsicherheit. In solchen Momenten werden Eltern mit eigenen Hemmungen und moralischen Vorstellungen konfrontiert – und fühlen sich bisweilen überfordert.

Da will die Broschüre ansetzen. Sie gibt Inputs, wie man in welchem Alter mit seinen Kindern auf körperliche Vorgänge eingehen und Grenzen thematisieren kann. Dahinter steht noch mehr. Sexuelle Übergriffe auf Schulhausplätzen und Jugendliche, die andere Jugendliche vergewaltigen, sorgen heute für Diskussionen und machen Angst. Sexualpädagogen betonen, dass Sexualerziehung nicht früh genug beginnen könne, weil sie präventiv wirke. Bruno Wehrmuth: «Wenn ich meinen Körper kenne, mich traue, über Bedürfnisse und Abneigungen zu sprechen, kann ich mich besser schützen.» Das Wissen über die eigene Sexualität allerdings fehlt heute manchen Kindern und Jugendlichen – ein Widerspruch zum Klischee der sexualisierten Porno-Jugend.

Kondome als Wasserbomben

Die aktuelle Studie des Kondom-Herstellers Durex und die wissenschaftliche Untersuchung der Eidgenössischen Jugendkommission zeigen, dass viele junge Menschen trotz Internet nur ungenügend oder falsch über Sexualität informiert sind. Lehrpersonen bestätigen dies. Felicitas Krebs aus Bern: «Ich war einigermassen erstaunt, als mich zum Beispiel ein elfjähriges Schweizer Mädchen fragte, was denn eigentlich die Menstruation genau sei.» Die Lehrerin hat Sexualkunde in ihrer Klasse angeboten. Ein Lehrer aus Uster hat dies nun auch vor.

Demnächst will er seine 10- bis 12-jährigen Schülerinnen und Schüler über Anatomie und Biologie des männlichen und weiblichen Körpers aufklären. Für einige Stunden lädt er zu diesem Zweck die Sexualpädagogin Esther Elisabeth Schütz ein; sie soll Themen wie «Das erste Mal» und Verhütung anpacken. «Die Kinder können so persönliche Themen unbefangener mit einem aussenstehenden Profi besprechen», glaubt er. In seinen Unterrichtsstunden will er unbedingt klären, «dass es in der Liebe nicht nur um den Geschlechtsakt geht». Die Kinder gebrauchten dafür nämlich Kraftausdrücke, die sie schlicht nicht verstünden.

«Da sind die Samen und so»

Milena, 12, freut sich jedenfalls auf die Sexualkunde. Sie weiss zwar schon von ihren Eltern, wie ein Kind entsteht: «Man schläft miteinander, und dann sind da die Samen und so». Und sie liest ab und zu in Heftchen wie «Mädchen» Sexfragen und -antworten. «E chli gruusig» findet sie, wenn der Nachbarsbub «pervers tut», zum Beispiel ein Kondom über eine Banane zieht. Über Buben redet sie mit ihren Freundinnen selten – «Wir sagen mal, dass einer noch herzig ist, das ist alles.»

Auch Gabriel, 11, spricht kaum mit seinen Kollegen über Sex. Dennoch interessiert ihn das Thema brennend. Adliswil, wo er wohnt und zur Schule geht, ist eine der wenigen Schweizer Gemeinden, in denen Sexualkunde seit fast fünf Jahren für alle Primarschüler obligatorisch ist. Zwei Blöcke hat er schon hinter sich. Und, was ist ihm geblieben? Ein Kollege habe gefragt, wie lange eine Schwangerschaft dauert, und ein anderer, wie Sperma aussieht. «Das war noch spannend.» Fasziniert hat ihn, «dass es nicht so leicht ist, wenn man sehr schwanger ist, weil das Kind dann immer so stopft im Bauch».

Dass es sich meist um schlichte Fragen handelt in der Sexualkunde für Vorpubertierende, mag Skeptiker beruhigen. Bruno Wehrmuth betont, dass speziell bei sehr kleinen Kindern der spielerische Umgang mit dem Körper und der Sexualität zentral sei. «Klar machen einige Jungs lieber Wasserbomben aus den Kondomen, als sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, aber was ist dabei?» Es sollen Hemmungen abgebaut werden – oder eben gar nicht erst anerzogen werden. Indem Eltern zum Beispiel ihren Babys gegenüber alle Körperteile namentlich benennen – auch die Geschlechtsorgane. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2009, 07:03 Uhr

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4 Kommentare

Marianne vonlanthen

28.10.2009, 20:25 Uhr
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Das Buch "wo komm ich eigentlich her" von Thaddäus Troll hab ich meinem Sohn als er 4 bis 5 Jahre alt war erzählt . In einfacher schöner und kindgerechter Bildsprache erklärt es alles was zur Sexualität gehört. Für Ihn ist seitdem alles klar, er ist selbstsicher sich gegenüber und hat einen normalen Umgang mit diesen verschiedenen Themen. Antworten


Andreas Hägele

28.10.2009, 15:35 Uhr
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Wichtig finde ich noch, dass der Unterricht am Besten geschlechtergetrennt unterrichtet wurde. So ist weder Junge noch Mädchen peinlich berührt, wenn es um das andere Geschlecht geht. Diese Erfahrung haben wir in unserer Klasse gemacht. Bei meinem Junge waren es nur Jungs und so konnten sie viel freier über das Thema sprechen. Antworten


Gisela Niedermann

28.10.2009, 10:20 Uhr
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ich weiss bald nicht mehr, muss man den Kopf schütteln oder nur noch lachen. Kleinkinder müssen wissen wie's geht, dafür bis 12 Jahre im Kindersitz angeschnallt sitzen. Antworten


Peter Thommen

28.10.2009, 09:23 Uhr
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Einen grossen Teil der aktuellen Neuansteckungen mit HIV verdanken wir der vergangenen geschützten Unschuld vieler Kinder bis fast zum 18. Lebensjahr. Während schon lange klar ist, dass die Sexualfunktionen immer früher beginnen, wird die kindliche Unschuld wie eine Religion gehätschelt. Wieso schon Kinder als Ehepaar dargestellt werden? Dies ist immer noch die ideologische Grundlage - und falsch! Antworten



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