Zürcher Erfindungen, die die Welt verändert haben

Von der WC-Ente zum MRI – ein Buch windet Zürcher Pionieren ein Kränzchen.

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Nervt Sie im Zug ein Mitreisender mit Death Metal aus seinen Kopfhörern, ist dafür indirekt ein Zürcher verantwortlich. Auch dass Ihre Toilette bis unter den Rand keimfrei ist, oder dass Sie ihre Wäsche im Sommer draussen an einem praktischen, weil zusammenfaltbaren Wäscheständer aufhängen können, haben Sie einem Zürcher zu verdanken. Und wenn Sie sich mit ihren Geschäftspartnern oder Freunden über Doodle koordinieren, benutzen Sie ein urzürcherisches Internettool.

Zürcher Erfindungen haben beinahe in jedem Lebensbereich die Welt mitgestaltet und beeinflusst – mal mehr, mal weniger offensichtlich. Der Wissenschaftsjournalist und Biologe Beat Glogger sammelt gemeinsam mit Corinne Hodel, Fee Riebeling und Barbara Vonarburg für das Buch «Zürcher Pioniergeist – Ein Buch über erste Male» die wichtigsten Zürcher Errungenschaften. Ursprünglich waren es über 120 Porträts von Zürcherinnen und Zürchern, die etwas in der Welt bewegten. Nach reiflicher Überlegung reduzierten die Autoren das Buch auf 60 Persönlichkeiten, die dafür umfangreicher und detailgetreuer porträtiert werden können. Erscheinen soll das Buch im Herbst 2014.

Diagnoseröhre und Tintenklecks

Aber was haben denn nun Zürcher genau verändert? Mussten Sie sich schon mal einem MRI (Magnetic Resonance Imaging) unterziehen? Die theoretischen Grundlagen für die Diagnoseröhre erarbeitete der Zürcher Richard Ernst. Für seine Errungenschaften im Bereich der Kernspinresonanzspektroskopie wurde er 1991 mit einem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Sollte das MRI keine medizinischen Ursachen für eine mentale Instabilität gefunden haben, kommt vielleicht eine andere Zürcher Entwicklung zum Einsatz: Carl Gustav Jungs analytische Psychologie. Oder man muss einen Rorschachtest absolvieren, eines der bekanntesten psychodiagnostischen Testverfahren. Wer hats erfunden? Der Zürcher Hermann Rorschach.

Aber nicht nur in Sachen Psychohygiene waren Zürcher mit ihren Innovationen wegweisend, auch bei der täglichen Sauberkeit hatten sie brillante Ideen. So sorgt die weltweit verbreitete WC-Ente, eine Erfindung (1980) der Familie Düring, dafür, dass Reinigungsmittel den Weg unter den Toilettenrand finden, ohne dass man dafür ins Klo greifen muss.

Auch die Formel für das wirksame Entkalkungsmittel Durgol stammt aus den Köpfen dieser Familie. Maria Düring entwickelte 1951 durch das Mischen verschiedenster Chemikalien dieses Reinigungsmittel auf Salzsäurebasis, welches sie zu Beginn vor allem an Schulhausabwarte verkaufte. Und, sauberer gehts wohl nicht: Auch der Reinigungsautomat des Allerwertesten per Wasserstrahl wurde in Zürich erfunden. Ein gewisser Hans Maurer erfand das Dusch-WC bereits in den 50ern und vermarktete es ab 1957 unter dem Namen Closomat.

Düstere Klänge und Monster

Der Stewi wiederum, der praktische Wäscheständer, stammt aus Winterthur. Walter Steiner, der ihn 1947 erfand, entwickelte sogar ein eigenes Marketingkonzept, um ihn bekannt zu machen: Er verschenkte den Wäscheständer an Leute, deren Gärten an eine Strasse oder eine Bahnstrecke grenzten, sodass möglichst viele seine praktische Erfindung zu Gesicht bekamen. Es funktionierte.

Auch in Sachen Kultur und Lifestyle prägen Innovationen aus dem Raum Zürich das Weltgeschehen: Oder wussten Sie, dass die urbanen Banker, die auf Microscootern über die Bahnhofstrasse flitzen, auf einer Zürcher Erfindung rollen? Der Mini-Klapproller wurde 1992 von Lehrmeister Edmundo Duarte aus einer Idee seiner Lehrlinge in den Sulzer-Lehrwerkstätten in Winterthur entwickelt. Und, wie eingangs erwähnt, hat die Metal Band Celtic Frost massgeblich eine neue Spielart des ultraharten Rocks mitentwickelt: den Death Metal. Gegründet wurde Celtic Frost 1984 von Tom G. Warrior (Thomas Gabriel Fischer), Martin Eric Ain (Martin Stricker) und Steven Priestly. Falls Death Metal weniger ihr Ding ist, dann vielleicht New Age? Bei der Entwicklung der sphärischen entspannenden Klänge hat der Zürcher Andreas Vollenweider mit seiner Harfe einen massgeblichen Anteil.

Schleimige Urfigur und Doodle

H. R. Giger wiederum prägt mit seiner für Ridley Scotts «Alien» geschaffenen Kreatur die Filmwelt bis heute. Noch immer messen sich Hollywoods Monster an dieser ersten schleimig-metallischen Urfigur des ausserirdischen Schreckens. Das Konzept eines bösen zweiten Kopfes, der aus dem Mund des bösen ersten Kopfes zuschnappt, wurde oft kopiert. Geehrt wurde Giger mit einem Oscar für besondere Schröcklichkeit. Und ja, wo wir schon im Kino sind: Sollte Sie jemand in der nächsten Sitzreihe mit dem Knistern von Cellophan-Verpackungen nerven, trägt die Mitschuld auch wieder ein Zürcher.

Zellglas wurde 1908 von Jacques E. Brandenberger erfunden und unter der Marke Cellophan auf den Markt gebracht. Bis in die 1950er-Jahre war Zellglas praktisch die einzige Verpackungsfolie. Verabredungen ins Kino, Vereinssitzungen und alle anderen Termine mit mehr als zwei Personen organisiert man natürlich längst über Doodle. Das Agendatool wurde 2003 vom Zürcher Michael Näf entwickelt, als er ein Essen mit Freunden organisieren wollte. Was, wie man weiss, in Zürich mit all seinen wichtigen und beschäftigten Leuten keine einfache Sache ist.

Essen wäre ohne eine Zürcher Erfindung lange Zeit auch nicht gleich würzig gewesen: Den vielseitig brauchbaren Bouillonwürfel erfand der Zürcher Julius Maggi 1909. Er verzichtete auf Fleisch. Nicht, weil er vegetarisch lebte, sondern weil Fleisch damals eher teuer war. Und die Maggi-Flüssigwürze, die in vielen Restaurants noch immer zum Tischset gehört, die stammt selbstverständlich ebenfalls von Herrn Maggi. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2014, 15:00 Uhr

Endspurt mit Crowdfunding
Fremdfinanzierter Fotograf

Nicht nur die Autoren von «Zürcher Pioniergeist» sind mit Hochdruck am Werk. Auch der Zürcher Fotograf René Ruis hat seine Arbeit aufgenommen. Sein Honorar soll über Crowdfunding eingespielt werden. Die Idee und erste Anwendungen dafür stammen zwar aus den USA, national adaptiert wurde sie aber in Zürich. Wemakeit.ch heisst die Plattform, und für die Spender winkt als Belohnung etwas zwischen Postkartenset und Fotoshooting mit René Ruis.

https://wemakeit.ch/projects/zuercher-pioniergeist-ein-buch-ueber-erste-male

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