Leben

«Zuerst ist die Lüge klein und unschuldig»

Wie man sich sein Leben zu einem sinnvollen Leben zurechtlegt: Bernhard Schlink über seine neue Erzählsammlung «Sommerlügen», die nächste Woche in die Buchhandlungen kommt.

Spielt mit Geschichten, wie andere Leute pfeifen: Bernhard Schlink.

Spielt mit Geschichten, wie andere Leute pfeifen: Bernhard Schlink.
Bild: Keystone

Sieben neue Erzählungen

«Sommerlügen» porträtiert Menschen, mit denen man leiden und mit denen man sich freuen kann. Sieben neue Erzählungen von Bernhard Schlink


Von Res Strehle



Wie schafft es einer, sieben Geschichten zu schreiben, sieben unbekannte Protagonisten auf vierzig, fünfzig Seiten unspektakulär anderen begegnen zu lassen, und der Leser ist stets nach wenigen Sätzen schon mittendrin? Offenbar müssen diese Geschichten etwas mit einem selber zu tun haben, mit dem eigenen Wunsch, sich das Leben zurechtzulegen und als sinnvoll zu deuten, was geschieht.

Die Geschichten beginnen so: «Vor der Gepäckhalle mussten sie Abschied nehmen.» Oder: «Er nahm Therese mit, weil sie darauf gehofft hatte.» Oder: «Manchmal war ihm, als sei dies schon immer sein Leben gewesen.» Die Figuren stehen in ihren alltäglich verzwickten Situationen, haben sich ihre Lebensgeschichte zurechtgelegt, so gut, dass sie selber daran glauben, aber nicht gut genug, dass sie andere überzeugen.

Da ist Richard, der sich in den Ferien verliebt und nach der Rückkehr erst merkt, dass er sein altes Leben aufgeben müsste, um die neue Liebe zu leben. Da ist ein anderer, der mit einer alten Freundin an ein Konzertwochenende fährt, nichts mit ihr hat, von seiner Geliebten aber darauf angesprochen, sich in immer neue Lügen verstrickt, damit die Geschichte für ihn aufgeht und – wie er hofft – auch für sie. Ein Dritter, der seine Familie in einer Blockhütte von den Ablenkungen dieser Welt abzuschirmen versucht, wohlmeinend, aber schliesslich einengend bis zum Wahn. Ein Vierter, dem auf der Rückreise aus den USA ein unheimlicher Fremder begegnet, womöglich der Mörder seiner Frau. Ein Fünfter, unheilbar krank, der seine Grossfamilie im Sommerhaus versammelt, aber den Sterbensentscheid schon ganz für sich allein gefasst hat.

Meistens haben die Protagonisten keine Namen, jedenfalls keine, die einem blieben. Sie heissen «er», denn sie könnten du oder ich sein. In einem einzigen Fall ist die Protagonistin weiblich, denn natürlich denkt sich der Schriftsteller einfacher in seinesgleichen hinein, aber auch diese Geschichte geht vom ersten Satz an unter die Haut: «Der Tag, an dem sie aufhörte, ihre Kinder zu lieben, begann nicht anders als andere Tage.»

Weil sie du oder ich sein könnten, wird der Leser (und vermutlich auch die Leserin) keinen der Protagonisten verurteilen, sondern wechselweise mit ihnen leiden und sich mit ihnen freuen. Wie in «Der Vorleser», das vergangenes Jahr mit Kate Winslet und David Kross auch grosses Kino wurde (übrigens zur Freude des Autors), zeigt sich Schlink als Meister der Doppeldeutigkeit.

Es gibt bei Schlink keine Happy Ends, die Geschichten enden mit Leerstellen. Schlink ist unter den zeitgenössischen Schriftstellern einer der radikalsten Frager nach Moral und Sinn. Der Sohn eines Heidelberger Theologieprofessors fragt, nachdem ihm Gott abhanden gekommen ist, umso hartnäckiger und – mit einem Wort aus der Wirtschaft – «ergebnisoffen» nach dem richtigen Handeln. Das macht seine Kurzgeschichten eindringlich und den Leser zum Komplizen in dieser Fragerei.

Am Ende bleiben diesem nur zwei Möglichkeiten: weiter zu lügen oder sich zur Wahrhaftigkeit zu entschliessen, auch gegenüber sich selber. Ein Wagnis, einzugehen nur im Vertrauen, dass damit nicht gleich das ganze Lebenskonstrukt einstürzt.

Sommerlügen. Diogenes, Zürich 2010. 288 S., ca. 36 Fr.
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Bernhard Schlink empfängt in einem kargen Seminarraum am Juristischen Institut der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte. Er hat kürzlich seinen 66. Geburtstag gefeiert, ist seit ein paar Wochen emeritiert. Künftig wird er nur noch vereinzelt Vorlesungen halten – über Recht und Literatur an der Universität Sydney, über Gerechtigkeit in Cambridge und New York. Er freut sich darauf, mehr Zeit zum Schreiben zu haben, es bedeutet für ihn nicht Blut, Schweiss und Tränen wie für andere, sondern in erster Linie Lust. Er liebt es, «mit Geschichten zu spielen».

Erzählen hat er vom Grossvater gelernt, einem Textilingenieur aus dem Glarnerland, der es liebte, auf den Spaziergängen mit dem Enkel aus der Geschichte zu erzählen und mit dem Spazierstock Schlachtpläne auf den Weg zu zeichnen. Vom Grossvater gibt es auch eine Familiengeschichte, die weit mehr ist als nur kommentierter Stammbaum. Auch von den Cousins sind in den vergangenen Jahren Bücher erschienen, über den Freitod des kranken Vaters (Ueli Oswald über den ehemaligen Ringier-Konzernleiter Heinrich Oswald), über die Lebensphase einer überstandenen Krankheit (Bruder Dieter Oswald, «Gut schallbar»). Übrigens ist auch der Autor dieses Textes als Cousin zweiten Grades Teil dieser Familie, die Grossmütter waren Schwestern.

Schlink wird demnächst wieder einen Roman angehen, vielleicht noch einmal einen Kriminalroman. Halb wohnt er in Berlin, halb in den USA, wo auch seine Partnerin lebt und wo sie dereinst in ein einsames Haus in den Berkshires einzuziehen hoffen. Ein herzlicher Weltbürger im besten Sinn, bescheiden geblieben trotz Millionenauflage in den verschiedensten Übersetzungen und Verfilmungen mit grossem Hollywoodaufgebot. Er macht es dem Besucher leicht, sich auch in diesem Raum der Humboldt-Universität mit DDR-Charme («nur die Stühle wurden ersetzt») wohlzufühlen.

Bernhard Schlink, ist die Sommerlüge wie Sommerbier: leichter, zitroniger? Oder gerade schwerer, weil mit ihr ja auch die grossen Sommerutopien zerstört werden?
Ich dachte an beides. Oft ist die Lüge zuerst klein, unschuldig erdacht, leichthin geäussert. Aber dann zeigt sich, dass in ihr eine grosse Lebenslüge steckt.

Das kann tragische Folgen haben?
Ja.

Das Grosse im Kleinen?
Davon versuchte ich zu erzählen.

Nun kann man eine Lebenslüge positiv und negativ deuten. Negativ: sich etwas vormachen über die eigene Ehrenhaftigkeit. «Allzeit bereit sein, das, was man gestohlen hat, als wohlerworben zu betrachten», wie Javier Marías sagt. Umgekehrt ist sie auch sinn- und identitätsstiftend. Es kann angenehm sein, sich kollektiv in einer Lebenslüge einzurichten. Was ist stärker?
Das lässt sich gar nicht trennen. Wir neigen dazu, uns alles zurechtzulegen, als hätte es so kommen müssen. Wenn sich zwei treffen, ist die erste Lüge meist, dass sie sich ihr Leben so erzählen, als habe es sinnvoll und stimmig zum Punkt hingeführt, an dem sie gerade stehen. Man kann in die Erzählung auch Brüche integrieren, aber niemand kann sein Leben als schlechterdings widersinnig begreifen, als Voranschreiten von einer unbegreiflichen Situation zur nächsten. Damit kann man nicht leben. Indem wir uns unser Leben erzählen, interpretieren und definieren wir um, biegen zurecht, machen aus Hässlichem Schönes und geben Belanglosigkeiten Bedeutung. Damit machen wir uns was vor, stiften aber auch Sinn und gestalten und festigen den Boden, auf dem wir weiterleben. Gewiss, bei manchen laufen die Lebenslügen aus dem Ruder. Aber solange sie das nicht tun, sind sie ein Teil der Ausstattung, mit der wir das Leben bewältigen.

Entscheidend scheint ja zu sein, dass man selber daran glaubt.
Ohne den Glauben funktionieren sie nicht. Das gilt übrigens auch für die kollektive Geschichte. Auch bei ihr gilt es, Sinn zu stiften und zu glauben, und auch bei ihr überziehen unsere Interpretationen und Definitionen das, was war.

Ist diese Lebenslüge Teil des Bewusstseins, oder wird sie unbewusst konstruiert?
Wieder beides. Manchmal wissen wir, dass der Boden, den wir uns da bereiten und auf dem wir leben, Abgründe zudeckt. Manchmal machen wir uns aber auch etwas vor, wenn wir Probleme als gelöst fingieren, die wir nicht wirklich lösen können, und Brüche als gekittet, die sich nicht wirklich kitten lassen. So oder so leben wir dann oft ganz überzeugt mit dieser Geschichte, die wir uns zurechtlegen.

Empfehlen Sie, Lebenslügen zu dekonstruieren?
Wie wir Lebenslügen konstruieren, dekonstruieren wir sie auch. Wir gehen ja nicht nur mit einer Geschichte durchs Leben. Es gibt auch nicht nur alte und neue, es gibt auch mehr oder weniger wahre und mehr oder weniger falsche Geschichten.

In der letzten Geschichte stellt sich die Grossmutter der Lebenslüge und kommt zur Einsicht. Happy End?
Ich weiss es nicht. Sie sitzt auf dem Balkon und geniesst den Sommer, die Sonne, die Gewitter. Zugleich macht ihre Einsicht sie einsamer. Vielleicht schafft man im Alter immer noch oder sogar besser als früher die Dekonstruktion, hat aber nicht mehr die Kraft oder auch die Lust, sich eine neue Geschichte zu erzählen.

Sind Sie als Schriftsteller auch ein wenig ein verhinderter Philosoph?
Ich erlebe es nicht so. Ich denke und lebe in den Geschichten. Die philosophischen oder rechtlichen oder geschichtlichen Themen, die mich beschäftigen, finden von selbst ihren Weg in die Geschichten. Ich spiele mit den Geschichten, wie andere pfeifen. Manche fügen sich so, dass ich sie schreiben kann, andere nicht.

Wie kommen Sie auf Geschichten?
Wie kommen wir auf irgendetwas? Ich weiss nicht genau und will eigentlich auch gar nicht wissen, wie ich auf meine Geschichten komme. Ich will einfach schreiben. Das Schöne ist, beim Schreiben in den Geschichten zu leben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2010, 20:43 Uhr

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2 Kommentare

Hans Knecht

24.07.2010, 12:23 Uhr
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«Zuerst ist die Lüge klein und unschuldig» Auch wenn es krude wirkt: Die Lüge ist ein Verbrechen an der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe, auch wenn sie noch so klein und unschuldig zu sein scheint. Des weitern untergräbt sie in der Wirtschaft und Politik die Effizienz. Zwischen der Wahrheit und der Lüge gibt es eine grosse Grauzone namens Missverständnis. Antworten


Olga Baumgartner

24.07.2010, 10:01 Uhr
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Kleine Lügen können eine ganz grosse Wirkung im negativen Sinn auslösen. Vor kurzem sollte ich Besuch erhalten. Die Person meldet sich nicht,- ich suche sie zu Hause und im Geschäft. - Nirgends anwesend. - Mitarbeiter sagten, dass die Person den ganzen Tag nicht anwesend sein wird. - Später sagt sie : Ich hatte es wahnsinnig streng im Geschäft, durchgearbeitet. - Sage die Wahrheit,- Wiedersehen? Antworten



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