Zum Tod des «letzten Chefredaktors»
Von Ignaz Staub. Aktualisiert am 19.03.2009
«Druck die Nachrichten und schlag Krach!»: Jim Bellows (1978).
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Während einer 34-jährigen Karriere bei acht US-Zeitungen hatte Bellows sein Metier geprägt wie kaum ein Zweiter. Er nannte sich «der letzte Chefredaktor» (der Titel seiner Autobiografie) und war seinerzeit, obwohl klein gewachsen, einer der Grössten im amerikanischen Journalismus. Und er glaubte unerschütterlich an die Macht der Presse: «Druck die Nachrichten und schlag Krach!»
Realität straft ihn Lügen
Doch was ist von dem Mann geblieben, den sein journalistischer Instinkt nie verliess und der noch mit 80 Jahren mithelfen wollte, ein Konkurrenzblatt zur «Los Angeles Times» zu gründen? Vor allem war Jim Bellows überzeugt, dass Zeitungen keine vom Aussterben bedrohte Spezies sind. Dass sie im Gegenteil überlebensfähig sind, wenn sie nur eine Nische finden und aufregend und attraktiv gemacht werden. Die Realität in Amerika scheint ihn zwar Lügen zu strafen. Diese Woche ging in Seattle die 146-jährige «Post-Intelligencer» ein, Ende Februar in Denver die fast 150-jährige «Rocky Mountain News». Vier weiteren Zeitungsverlagen in den USA droht der Konkurs. Doch Bellows schuf sich eine eigene Wirklichkeit, entdeckte die Welt neu.
Wiederholt übernahm er als Chefredaktor Zeitungen, die in ihren Städten jeweils die Nummer zwei waren, und verwandelte sie in achtbare Konkurrenten grosser Blätter. «Die erste Zeitung will nicht am Bestehenden rütteln», sagte er 2002 in einem Interview mit dem TV-Sender PBS: «Wir dagegen brauchten uns nicht um Gewinne und Einnahmen . . . zu kümmern, weil wir keine hatten.» Er sah sich als «underdog» - nie glücklicher, als wenn er mit dem Rücken zur Wand stand.
Mut zu neuen Formen
Was er darunter verstand, demonstrierte Jim Bellows am eindrücklichsten mit der «New York Herald Tribune», deren Chefredaktor er 1961 wurde. Er ermutigte neue journalistische Formen und Auftritte, so zum Beispiel eine smarte Sonntagsbeilage, aus der später das Wochenmagazin «New York» entstand. Und er förderte Autoren und Autorinnen wie Tom Wolfe, Jimmy Breslin und Gail Sheehy, alle Anhänger einer literarischen Form des Schreibens, die als «New Journalism» in die Geschichte einging.
Tom Wolfe, inzwischen als Romancier weltberühmt, erinnert sich in «Time», wie Bellows ihn beim Verfassen einer Geschichte einst anspornte: «Schreib weiter. Gib alles, was du hast. Egal, wie lang es wird. Ich will alles!» Es sei, sagt Wolfe heute, das schönste Kompliment seiner 53-jährigen Karriere gewesen. Was Jim Bellows mit der legendären «Trib» erreichte, versuchte er in der Folge auch mit dem «Washington Star» und dem «Los Angeles Herald Examiner» - mit minderem Erfolg. Alle drei Zeitungen sollten später sterben - aber da war der frühere Kampfpilot der US Navy, der im 2. Weltkrieg im Pazifik Einsätze gegen die Japaner geflogen war, längst wieder weg. Unterwegs zur nächsten Herausforderung, erst beim Fernsehen in Hollywood, dann im Internet.
Heutige Zeitungen zu zahm
Jim Bellows aber glaubte bis zuletzt, dass Zeitungen nicht zu sterben brauchen. Natürlich müssten sie sich den veränderten Gegebenheiten anpassen, natürlich müssten sie mehr kommentieren und klarer meinen. «Heutige Zeitungen sind zu zahm», sagte er PBS: «Es braucht mehr Leute mit Passion, die willens sind, etwas zu riskieren, und die sich verpflichtet fühlen, etwas zu bewirken.» Angesprochen sind Verleger wie Journalisten.
Bellows’ trinkfester Kumpan Jimmy Breslin sieht noch einen weiteren Grund, weshalb Amerikas Presse so brav geworden ist: «Weil heute alle im Anzug zur Arbeit erscheinen.» Diese Trottel, klagt der 80-Jährige, hätten nicht eine einzige Faser im Körper, um Leser zum Lachen zu bringen. Jim Bellows hätte es wohl nicht anders gesagt. Obwohl der News Junkie auf der Redaktion kaum je verständlich sprach, sondern nur vor sich hin murmelte. Der seltsame Sound, schliesst Tom Wolfe, war «das hörbar gewordene Brummen des Starkstroms, den Bellows’ leidenschaftliche Faszination für die menschliche Komödie erzeugte.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.03.2009, 09:54 Uhr
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