Zwillinge unterhalten sich wie Liebespaare
Von Monique Rijks. Aktualisiert am 12.03.2009
Zwillinge faszinieren, die Idee des Individuums im Doppelpack interessiert die Menschen seit jeher: Die Geschichte von Castor und Pollux oder Romulus und Remus zeugen von der frühen Begeisterung der Menschen für das Phänomen. Wie andere, aktuellere, berühmte Paare verdanken auch sie ihre Popularität nicht zuletzt ihrer Zweimaligkeit.
Während bei eineiigen Zwillinge wie Ellen und Alice Kessler oder Philipp und David Degen vor allem die Unterschiede in der Gleichartigkeit gesucht werden, rückt bei zweieiigen Paaren wie Vivienne Marcheline und Knox Leon Jolie-Pitt oder Mary-Kate und Ashley Olsen die Suche nach den Gemeinsamkeiten in den Vordergrund. Das gilt auch für die zurzeit wohl berühmtesten Zwillinge Zürichs, Aleksandra und Tijana Comagic. Die jungen Frauen sehen sehr unterschiedlich aus. Deshalb fragen sich viele: Woran erkennt man, dass es Zwillinge sind? Haben sie dieselbe Nase? Streichen sie sich die Haare mit ähnlichen Handbewegungen aus dem Gesicht? Drücken sie sich gleich aus?
Einer spricht, der andere stützt
Die vermeintliche Symbiose wird analysiert, kommentiert, hinterfragt. Warum etwa antwortet meistens die blonde Aleksandra auf die Fragen der Medien? Ist die Rollenverteilung, «Aussenminister-Innenminister», die auch bei anderen Zwillingen auffällt, typisch?
«Eigentlich nicht», sagt der Kommunikations- und Medienpsychologe Daniel Süss, «eine solche Aufgabenteilung ist bei Paaren, die in der Öffentlichkeit auftreten, häufig zu beobachten, Zwillinge bilden hier keine Ausnahme.» Üblicherweise übernehme in Zweierkonstellationen intuitiv derjenige die Kommunikation gegen aussen, der sich vor Publikum wohler fühle. «Das heisst nicht, dass der andere weniger beiträgt. Das Wissen um die Präsenz des anderen im Hintergrund stärkt denjenigen, der sich exponiert.»
Geteilter Erzählfluss...
Solche klare Rollenverteilungen, betont Süss, seien nicht nur bei ein- und zweieiigen Zwillingen, sondern auch unter gewöhnlichen Geschwistern im Allgemeinen üblich. «Diese Verteilung der Aufgaben vereinfacht das Familienleben.» Jüngere Geschwister nähmen in der Regel den Platz ein, den Erst- oder Vorhergeborene nicht besetzten. Ist die ältere Schwester introvertiert, wird der kleine Bruder in der Regel den extrovertierten Part spielen, und umgekehrt. «Gelingt diese Zuteilung nicht, herrscht ein ständiger Konkurrenzkampf zwischen den Geschwistern. Diese Spannungen führen im Alltag zu Stress und Komplikationen.»
Die einzige typische Art der Kommunikation gegen aussen, die man Zwillingen zuordnet, teilen sie mit langjährigen Liebes- oder Berufspaaren: Wer über eine geraume Weile hinweg zusammen die Welt erfährt, entwickelt einen gemeinsamen Erlebnissschatz, der sich in der Erzählweise spiegelt. Was andere erst im reiferen Alter kultivieren – das gegenseitige Beenden vom angefangenen Sätzen –, beherrschen Zwillinge im Gegensatz zu gleichaltrigen oder konventionellen Geschwistern schon in ihrer frühesten Kindheit. Erstaunlich ist dabei, wie rasch sie auf das, was der andere sagt, reagieren können und wie gut sie den Rhythmus des andern kennen. Zwillinge fallen sich nur selten ins Wort, selbst dann nicht, wenn sie ihre Sätze fast in einzelne Wörter fragmentieren. Wenn etwa die Mutter fragt: «Was soll ich vorlesen?», antwortet das erste Kind: «Den Gestiefelten, und das zweite ergänzt blitzschnell: «Kater.»
Dieser komplizenhaften Austausch interessiert auch die Sprachwissenschaftler. «Zwillinge», sagt Ulla Kleinberger, Linguistikprofessorin an der Zürcher Hochschule für Angewandten Wissenschaften, «entwickeln unter Umständen eine eigene Sprache, in der sie, vor allem in jungen Jahren, miteinander kommunizieren.»
Im Gegensatz zu anderen Kindern, die sich beim Spracherwerb eher an ihren älteren Geschwistern und an Erwachsenen orientieren, können sich Zwillinge – sofern sie bei der Geburt nicht getrennt werden – auf ein Gegenüber verlassen, das sprachlich auf dem gleichen Niveau steht. Deshalb sind sie weniger darauf angewiesen, dass ihre Umwelt sie versteht.
...und eine geheime Sprache
Diese Tatsache wirkt sich auf den Spracherwerb von Zwillingen aus. Zwischen ihrem zweiten und ihrem vierten Lebensjahr können sie gegenüber gleichaltrigen Einzelkindern in ihrer sprachlichen Entwicklung bis zu sechs Monate zurückliegen. Das ist nicht beunruhigend. Spätestens bis zur Einschulung haben sie dieses Manko wieder wettgemacht. «Solange die Kinder nebst dieser autonomen Sprache auch den normalen Spracherwerb der Umgebung bewältigen, besteht kein Anlass zur Sorge», sagt Kleinberger. Kinder seien absolut fähig, mehrere Sprachen gleichzeitig zu lernen. Die von Zwillingen entwickelten geheimen oder – wie die Fachwelt sie nennt – autonomen Sprachen könne man durchaus mit dem Erwerb einer Fremdsprache gleichsetzen.
Bei anderen Aspekten des Spracherwerbs können Zwillinge Gleichaltrigen voraus sein: Sie haben etwa die Möglichkeit, ein Gespräch über eine längere Zeitdauer aufrechtzuerhalten als ihre Kameraden, und zeigen sich im Gespräch mit Erwachsenen häufig weniger befangen.
Solche Kommunikationsstrukturen kennen nicht nur Zwillinge. Auch andere Konstellationen, ob nun Liebes-, Berufs- oder Künstlerpaare, Menschen also, die über einen längeren Zeitraum eng miteinander zusammenarbeiten, entwickeln im Laufe der Jahre eigene Sprachwelten. Damit markieren sie nicht nur eine Zusammengehörigkeit, sondern schaffen sich gleichzeitig ein Werkzeug, um effizienter gegen innen zu kommunizieren und erfolgreicher gegen aussen aufzutreten. Beispiele dafür gibt es genug: die Geschwister von den White Stripes, die Künstler Gilbert and George oder die Architekten Herzog und De Meuron.
Warum aber ziehen diese Tandems, ob nun Zwillinge oder eingefleischte Paare oft überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit auf sich? «Das Publikum», sagt der Psychologieprofessor Daniel Süss, «ist gespannt auf die Dynamik, die durch den gemeinsamen Auftritt entsteht. Das kann auch zu überraschender Kreativität führen. Vielleicht sind eins und eins tatsächlich mehr als zwei.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.03.2009, 10:31 Uhr





