«Burn-out ist nicht nur eine Mode»

Der Soziologe Heinz Bude sagt, den westlichen Gesellschaften seien die Verliererkulturen abhandengekommen. Jeder glaube, mit seiner Erschöpfung und Verbitterung allein zurechtkommen zu müssen.

«Viele haben das Gefühl, sie hätten mehr aus sich machen können», sagt Heinz Bude. Foto: Christian Thiel (Ostkreuz)

«Viele haben das Gefühl, sie hätten mehr aus sich machen können», sagt Heinz Bude. Foto: Christian Thiel (Ostkreuz)

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Viele Amerikaner halten uns Europäer für furchtlos: In der Badeanstalt fehlen Geländer, auf der Erdnusspackung Warnhinweise über einen möglichen Erstickungstod. Sind wir doch keine «Gesellschaft der Angst», wie Ihr jüngstes Buch heisst?
Ich glaube in der Tat, dass wir in Europa etwas weniger ängstlich sind als die USA. Weil wir den Vorteil eines relativ stabilen Systems der sozialen Sicherung haben. Das hilft. Aber ich wollte gar kein Mentalitäten-Buch schreiben. Sondern eines darüber, dass Angst der Kitt unserer Gesellschaft ist.

Der Kitt?
Die Gesellschaften des OECD-Raums kommen aus einer Zeit der grossen Versprechen. In den USA, in Frankreich, Deutschland und in der DDR gab es stets Versprechen. Zum Beispiel: Aufstieg durch Bildung. Daran haben viele geglaubt. Und für viele Generationen hat das auch gestimmt. Oder: Die Mitte wird breiter, dicker. Wohlstand für alle, hiess das in der Bundesrepublik bei Ludwig Erhard. Das haben die Leute geglaubt, und die Soziologie hat es bestätigt. Heute glaubt das kein Mensch mehr.

Früher war das Versprechen der Kitt, heute . . .
. . . ist es die Angst. Und zwar die Angst, herausgekippt zu werden. Die Auslese ist kompromissloser geworden. Nehmen Sie den Übertritt von der Ausbildung in den Beruf: Die Frage, ob man mit 28 bis 35 Jahren im unteren, mittleren oder höheren Teil eines Unternehmens landet, folgt vermehrt einer Logik des «Winner takes all». Der Erste kriegt alles, der Rest nichts. Man muss darauf aus sein, der Erste zu sein. Als Fünfter ist man der Dumme.

Alle wollen an die Spitze?
Man sieht das an unserer Rankingkultur. All die Ranglisten fragen dauernd: Wer ist die Nummer 1? Über die Nummer 5 spricht keiner. Man siegt durch Performance. Das ist das Wunderwort unserer Zeit. Dabei geht es nicht um Bildungszertifikate oder ­Anstrengungsbeweise. «Winner takes all» heisst: Kleine Unterschiede im Auftreten machen grosse Unterschiede im Ansehen und Einkommen. Sodass man sagen kann: Ich bin die beste Scheidungs­anwältin Berlins, der beste Gynäkologe Zürichs.

Ist etwas Leistungsdruck so schlimm? So strengen sich alle mehr an.
Der beste Journalist sagt: Unter 10'000 Euro schreibe ich keinen Essay. Alle anderen müssen es für 500 machen. Das schafft Verbitterung. Und diese Logik greift nicht nur im Beruf, sondern auch auf Freundschafts- und Heiratsmärkten. Social Media sind Anpreissysteme für Performanz. Und dabei immer cool und lässig bleiben. Nur wer den Anschein macht, gleichzeitig locker und leistungsstark zu sein, kommt weiter.

Klingt nach harter Arbeit.
Ja. Die Phänomene der Erschöpfung haben zugenommen. Burn-out ist nicht nur eine Mode. Erschöpfung entsteht aus der Angst, es nicht mehr zu schaffen, nicht mehr mitzukommen. Und da ist noch mehr: Verbitterung. Wenn man erst gar nicht mehr zum Auslesewettbewerb zugelassen wird. Denken Sie an einen Verbitterungsbegriff wie Gentrifizierung. Das ist ein Schlagwort, das die ersten Gentrifizierer verwenden: Die sind nach Berlin-Kreuzberg oder Williamsburg, Brooklyn, gezogen, haben dort ihre Bars und Clubs und was weiss ich aufgemacht. Und jetzt kostet das Haus nebenan zwei Millionen. Und sie wohnen da und wissen: Nie kann ich mir das leisten! Sie mieten für 600 Euro, und nebenan kauft einer die Wohnung für 600'000 Euro! Und sie hatten nie eine Chance. Vielleicht ist der andere, der Käufer, noch ähnlich wie sie, was Herkunft und Bildung betrifft. Das bringt Verbitterung. Was hab ich falsch gemacht? Warum bin ich freier Künstler geworden? Warum Journalist?

Genau. Aber Geld ist nicht alles, oder?
Das ganze Kreativitätsgewerbe ist eine Welt der Verbitterung. Und ich rede noch gar nicht vom wachsenden Dienstleistungsproletariat, das sich völlig von der Gesellschaft verabschiedet hat. Putzkolonnen, Servicepersonal, Pflegende, denen der Preiskampf im Gewerbe direkt auf den Körper geht. Hier haben wir die drei grossen Angstthemen: Verbitterung, Erschöpfung, Verabschiedung. Und das in einer Gesellschaft wie der deutschen, die auf den ersten Blick wahnsinnig erfolgreich ist. Produktiv, locker. Selbst angesichts der Finanz- und Währungskrisen der letzten Jahre.

Doch unter der Lockerheit steckt die Angst?
Ich habe 2011 mit dem Kollegen Ernst-Dieter Lantermann eine Untersuchung gemacht, in der wir wissen wollten: Was sind das für Leute, die finden, der Islam gehöre nicht zu Deutschland? Etwa bei 30 Prozent der repräsentativ Befragten stiessen wir auf Islamophobie. Eine erste Gruppe war das Dienstleistungsproletariat. Da ist die Sache klar: Ethnorassismus aus Konkurrenz. Die nehmen mir meinen Job weg. Kann man verstehen. Die zweite Gruppe ist ziemlich unangenehm: Das sind die Selbstgerechten. Die sagen: Wir sitzen hier so schön, wir wollen keine Türken und Araber, das stört. Bösartig in ihrem Idyll. Aber vielleicht auch noch verständlich. Die dritte Gruppe aber, die ist wahnsinnig: Das sind Leute, die sich als weltoffen bezeichnen. Die reisen, sprechen sich Kompetenz zu. Doch sie haben das tiefe Gefühl: Ich hätte mehr aus mir machen können. Wenn man mich denn gelassen hätte. Wenn es Bedingungen gegeben hätte, da ich hätte zeigen können, was in mir steckt. Diese Art von Frustration, das ist die Pegida.

Die Wut der Verlierer?
Nein. Die haben gar nicht verloren. Denen gehts gar nicht schlecht. Doch sie sind ihrer Auffassung nach daran gehindert worden, das Versprechen wahr zu machen, mit dem sie angetreten sind. Sie sind nicht entlassen worden, aber umgesetzt, degradiert. Und die Verbitterung darüber poppt plötzlich auf. Und, wie gesagt, das gilt nicht nur im Arbeitsleben, sondern auch privat: Hast du eine Trophy Woman? Eine, die zugleich anschmiegsam und ehrgeizig ist? Ist der Mann in der Lage, beruflich etwas zu stemmen und gleichzeitig auf die Kinder aufzupassen? Gerade junge Leute fragen sich, wie sie die nächsten 30 Jahre bewältigen sollen.

«Wir leben im Gefühl, einer vergehenden Zeit anzugehören. Jede Idee einer kommenden  Zeit ist weg.»

Die Millennials, die heute 15- bis 35-Jährigen, kennen das Leben doch nicht anders.
Die Zeitschrift «Eltern» macht alle zwei Jahre eine Untersuchung zum Zustand junger Familien. Dieses Jahr sagen die Befragten: Elternschaft ist heute viel anstrengender als zur Zeit der eigenen Eltern. Und warum? Antwort: Wir sind selber schuld. Die Politik kann nichts ändern. Es sind die eigenen Ansprüche an ein gelungenes, ein performativ glattes Leben, die bei den Leuten ein Gefühl der Schuld gegenüber sich selber auslösen. Dieses Schuldigsein gegenüber sich selbst ist die schlimmste Form der Angst. Da können Sie nie Boden gewinnen.

Haben wir uns einfach zu sehr gewöhnt an die satten, abgesicherten Nachkriegsjahre? Waren die nicht einfach eine Ausnahmezeit?
Da sind sich alle Sozialhistoriker einig: Wir kommen aus ausserordentlichen 30 Jahren. Richtig. Doch es zeigt sich ein entscheidender Unterschied zwischen den früheren und der Generation heute: Es gibt für die heutige Situation keine Kollektiv­interpretation mehr. Die Arbeiterbewegung vergangener Tage etwa hatte eine klare Botschaft: Was dir passiert, passiert nicht dir allein. Es passiert Millionen. Das war mobilisierend. Wenn wir uns zusammentun, können wir das ändern. Heute glaubt das kein Mensch mehr. Jeder glaubt: Das passiert nur mir. Die anderen machen es irgendwie geschickter. Wir sind nicht mehr im gleichen Boot.

Die grosse Vereinzelung?
Und wir haben keine akzeptable Verliererkultur mehr. Stimmen, die uns sagen: Irgendwann wird es anders. Ein Versprechen auf eine Zukunft, die noch offen ist. Früher übernahmen das Kirchen, eine Sozialdemokratie für die kleinen Leute. Ich glaube, wir leben in den westlichen Gesellschaften im Gefühl, einer vergehenden Zeit anzugehören. Jede Idee einer kommenden Zeit ist weg. Das ist der Unterschied zur Nachkriegszeit. Die war zwar nicht so optimistisch, wie man heute meint. Aber eben überzeugt, dass das Schlimmste bereits geschehen ist: Völkermord und bedingungslose Kapitulation.

Und heute?
Wenn es etwas Schlimmstes gibt, liegt es vor uns. Die Kulisse der Angst hat sich gewandelt. Natürlich gilt das nicht überall: Es gibt viele Gesellschaften der Welt, die überzeugt sind: Unsere Zeit kommt. Indien, Afrika. Aber unsere Zeit vergeht.

In Ihrem Buch schlagen Sie mehrfach den Bogen zur Weimarer Republik. Die Nazis nährten sich von Verbitterung. Ist auch die heutige Angst gefährlich, explosiv?
Nein. Leute, die Rabatz machen, sind immer die, die sich eine Zukunft versprechen. Wer sich keine Zukunft verspricht, nimmt hin.

Manche Politiker bewirtschaften Bitterkeit.
Klar. Die grossen Bewegungen der letzten 20 Jahre waren Bewegungen des Misstrauens. Die Tea Party in den USA. Der neue Linkspopulismus in Europa, in Griechenland, in Spanien. Da gibt es keine Idee ­einer kommenden Zeit. Wohin soll das führen? Dieser heimatlose Antikapitalismus hat keine orientierende Kraft, nur die der Desorganisation und des Misstrauens.

Was sollte man dann tun gegen die Angst?
Das fragen jetzt alle. Ich habe nur Franklin D. Roosevelt anzubieten. Der sagte 1933 diesen unglaublichen Satz: «Das Einzige, wovor wir Angst haben müssen, ist die Angst selbst.» Für ihn war die Aufgabe der Politik, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Menschen keine Angst vor der Angst haben müssen. Der Sozialstaat hat dies geleistet.

Die Schweiz wird über das Grundeinkommen abstimmen. Wäre das ein Weg aus der Angst?
Klar. Ist aber absolut hilflos. Leistungsloses Einkommen wird von den allermeisten als extrem ungerecht angesehen. Sie können niemandem erzählen, dass er trotz 30 Jahren Arbeit gleich viel bekommt wie einer, der gar nicht arbeitet. Das hält eine Gesellschaft nicht aus.

Vielleicht muss man Experimente wagen?
Ich finde es gut, wenn man sich solche Gedanken macht. Aber diesen Weg halte ich für verfehlt. Sorgen machen mir derzeit andere Experimente: dass in den USA und Grossbritannien Gesellschaften ohne Mitte erprobt werden. Da sagt man: Wir könnten ja auch zusammen leben, wenn es eine Schicht Privilegierte gibt und eine noch grössere der Unterprivilegierten. Und dazwischen nichts. Dieser Wille zur Härte ängstigt mich.

Ein andauerndes Experiment ist die Europäische Union. Auch ihre Friedenssicherung sollte Angst nehmen. Weshalb nimmt auf rechter wie linker Seite die EU-Skepsis zu?
Staatliche Politik kann nur über gerechtfertigte Ansprüche organisiert werden. Aber die Zivilgesellschaft braucht eine andere Ressource, nämlich Solidarität. Man ist nur dann wirklich solidarisch, wenn man aus einer Haltung der Grosszügigkeit handelt. Wenn ich solidarisch bin, will ich nichts zurück­haben. Das wäre für Deutschland jetzt wichtig: die Entdeckung der Grosszügigkeit. Deutschland muss heute mehr reingeben als andere. Nicht nur Geld, auch Ideen. Wo soll die Idee für ein Europa in 30 Jahren herkommen, wenn nicht aus Deutschland? Die Italiener, die Franzosen, die sind in einer so schwierigen Situation, wo sollen die die Kraft herhaben? Frankreich ist wirtschaftlich, mehr noch politisch in einer bedrängten Lage. Und hat eine intellektuelle Klasse, die das indirekt noch beklatscht. Die sich freut an einem wilden Populismus, der sich als letztes Bollwerk gegen den Neoliberalismus inszeniert.

Wen meinen Sie?
Zum Beispiel Chantal Mouffe. Die stammt zwar aus Belgien, gilt aber als Denkerin aus Frankreich. Die sagt: Der neue Populismus in Europa ist unsere Rettung. Das Volk kommt zurück. Nicht als ethnischer Block, glaubt sie, sondern als ein sich selbst nicht richtig verstehendes Kollektiv der Gerechtigkeit.

Sie beklagen doch auch den Verlust von Gemeinschaft. Ist das nicht, was die Politologin freut? Rückbesinnung aufs Volk?
Richtig. Sie hat eine Idee von «Wir». Aber dieses «Wir» würde ich anders angehen. Chantal Mouffe kriegt feuchte Augen, wenn die Leute rufen: Wir sind das Volk. Das wird schnell gefährlich. Solidarität hat stets die Tendenz, andere auszuschliessen.

Wie sollten Politiker der Angst begegnen?
Sie müssen wie Roosevelt sagen können: Ich kenne eure Ängste. Aber ich muss euch auch sagen, dass die Politik nicht in allen Fällen etwas machen kann. Das wäre für viele eine grosse Befreiung.

Wähler erwarten, dass die Politik sich ihrer Ängste annimmt. Etwa bei der Einwanderung.
Die Politik muss Ängste ernst nehmen, aber auch Wahrheiten zumuten. So gibt es für das Migrationsproblem keine prinzipielle Lösung. Wir müssen mit relativen Lösungen leben. Die aber müssen wir ergreifen: Wir können die Leute nicht im Meer ertrinken lassen. Es ist nicht zu ändern, dass Leute in Afrika übers Internet erfahren, dass sie für die Arbeit, die sie können, in Dänemark hundertmal so viel verdienen wie in Mali. Da ist es verständlich, dass die Mutigsten, Besten nach Dänemark wollen. Damit muss man arbeiten. Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank sagt: Die Zeit der unkonventionellen Lösungen wird nie aufhören.

Der ewige Ausnahmezustand?
Wir sind zum Experimentieren verurteilt. Gesellschaften einer vergehenden Zeit bleibt nur das ­Experiment als Kern des Lebens. Davon bin ich überzeugt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.07.2015, 17:11 Uhr)

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Der Angst auf der Spur

Heinz Bude, geboren 1954 in Wuppertal, ist Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Bekannt wurde er durch seine deutschen Generationenporträts, etwa der Flakhelfer-Generation oder der 68er. Später hat er Unternehmer, aber auch Ausgeschlossene erforscht. Sein letztes Buch heisst «Gesellschaft der Angst» (2014) und attestiert dem Westen eine Zeit «mit schwankendem Boden». Eine steigende Zahl von Menschen lebe eher in Angst vor dem Absturz als mit Hoffnung auf den Aufstieg.

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