Darf man im Sterne-Restaurant lesen?

Warum es sich empfiehlt, immer und überall ein Buch dabei zu haben.

Egal in welcher Umgebung, egal ob Romane oder Sachbuch: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr gelesen würde. Foto: Reuters

Egal in welcher Umgebung, egal ob Romane oder Sachbuch: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr gelesen würde. Foto: Reuters

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Ich freue mich auf meine Ferien in einem Wellnesshotel in den Schweizer Bergen, mit Halbpension im «Gault Millau»-dekorierten Hotel­restaurant. Mein Problem als Alleinreisende: Auch wenn ich vom 5-Gang-Abendmenü nur drei oder vier Gänge bestelle: Das Essen dauert ... und ich sitze ungern am Tisch und starre zwischen den Gängen Löcher in die Luft. Deshalb meine Frage: Ist es erlaubt, zwischen den kulinarischen Genüssen zu lesen? Nicht eine unförmige Zeitung, sondern diskret in einem Buch. Ich komme nicht auf die Idee, auf einen Minibildschirm zu starren, bin zufriedene Besitzerin eines Steinzeit-Handys.
R. S.

Liebe Frau S.

Gehen Sie da hin, in diese Wellnessferien, und setzen Sie sich in den Speisesaal – und: Lesen Sie! Es gibt nichts, das mehr Klasse verströmt als jemand, der ein Buch liest. Egal, wo.

Lesen ist die stilvollste Betätigung überhaupt; Menschen, die lesen, die sich scheinbar entrückt in ihr Buch vertiefen, die ungeachtet all der Hektik und all des Geschreis um sie herum in eine andere Welt eintauchen, strahlen diese umwerfende Souveränität aus, die nur jene haben, die wahrlich in sich ruhen und sich selbst genügen. Mehr Grandezza geht nicht. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr gelesen als gejoggt würde.

Mehr Grandezza geht nicht.

Man sollte deshalb immer ein Buch dabeihaben. Gerade im Restaurant. Ich war ja soeben in den Ferien, und da betreibe ich jeweils Feldstudien und gucke den Leuten zu, und da machte sich in mir eine grosse Erschütterung breit angesichts der kommunikativen Misere, die da allenthalben herrscht, konkret: wie viele Paare sich über Insalata Caprese und Spaghetti Vongole hinweg anschweigen. Das bricht mir jeweils fast das Herz, denn es handelt sich dabei ganz offensichtlich nicht um eine innige Stille, sondern um ein trauriges Schweigen von zwei Menschen, die sich nicht viel zu sagen haben. Es sieht nach totaler Kapitulation aus.

Deshalb ist es im Restaurant nicht nur für Alleinreisende, sondern erst recht und vor allem dann erlaubt, zum Buch zu greifen, wenn das Gegenüber langweilig ist. Was auch heisst, dass ganz viele andere im Speisesaal Sie, liebe Frau S., insgeheim beneiden werden. Weil die auch lieber mit einem grandiosen Romanhelden oder einer Romanheldin den Abend verbrächten als mit dem Vis-à-vis, das verstockt dahockt und so elend uninspirierend ist.

Sie werden es schöner haben, das garantiere ich Ihnen.

Bettina Weber


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Erstellt: 16.07.2017, 23:47 Uhr

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