Der Mystiker vom Ranft, vereinnahmt und verehrt

Je nach Epoche war Bruder Klaus Landesvater oder Aussteiger. Auch heute noch ist sein Charisma nicht verblasst.

Niklaus von Flüe war der einzige Eremit, der nicht ass. Foto: Toni Schneiders (Keystone/Interfoto)

Niklaus von Flüe war der einzige Eremit, der nicht ass. Foto: Toni Schneiders (Keystone/Interfoto)

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Warum entwickeln psychisch belastete Menschen oft eine besondere Schaffenskraft? Niklaus von Flüe (1417–1487) trieben Depressionen, Schlaflosigkeit, schliesslich ein psychischer Zusammenbruch dazu, Hof und Familie zu verlassen und sich nach einer gescheiterten Wallfahrt im Ranft als Eremit niederzulassen. Von Visionen heimgesucht, lebte der Mystiker dort 20 Jahre – angeblich allein von der Hostie und ohne Nahrung. Was für Gläubige früherer Zeiten ein Wunder darstellt, ist für Schriftsteller Pirmin Meier ein Krankheitsbefund: die im Mittelalter nicht seltene heilige Anorexie. Klaus selber habe kaum über sein Fasten gesprochen; Heimlichkeit rund um Essen und Stuhlgang sei typisch für Anorektiker, sagt der Autor einer umfangreichen literarischen Biografie über den Mystiker. Deswegen aber mag er Klaus nicht einfach pathologisieren; für ihn ist der Visionär ein Grenzgänger, der seine Krise kreativ bewältigt hat wie viele andere geniale Menschen. Mozart etwa oder, dem Eremiten seelenverwandt, Franz Kafka, Autor der Erzählungen «Ein Hungerkünstler» und «Gespräch mit dem Beter».

Im Jubiläumsjahr 2017, das den 600. Geburtstag des vorreformatorischen Heiligen feiert, ist man sich kaum mehr bewusst, dass die Nahrungslosigkeit der Hauptschlüssel zu Bruder Kaus ist, wie Meier das sieht. Bei der Heiligsprechung von 1947 nur verschämt erwähnt, war sie es, die ihm schon zu Lebzeiten den Nimbus des Heiligen verlieh. Es gab damals Hunderte von Eremiten, aber nur einen, der nicht ass. Für Meier dabei wesentlich, was Elias Canetti einst über die Aborigenes sagte: «Derjenige, der den Magen, das Innerste also, beherrscht, ist der wahre Häuptling.»

Allein die Betrachtung der Hostie stärkte ihn

Eremiten waren Asketen und als solche Erwählte Gottes. Die Nahrungslosigkeit galt als Inbegriff der Erwählung. Die Ernährung allein durch das Altarssakrament machte Klaus laut Meier zum hyperkatholischen Asketen und Heiligen: «Er musste die Hostie nicht einmal essen, nur schon deren Betrachtung stärkte ihn wunderbar. Die Ernährung durch die Augen bewirkte seine Werke der Barmherzigkeit.» Seine Liebe zu den Sakramenten, das spezifisch Katholische an Klaus, galt speziell auch der Beichte. Meier: «Die Sünden, bei Klaus die Ausgeliefertheit an Gott, zu beichten, war für den Analphabeten der beste Umgang mit sich selber.»

Im Gegensatz zur sakramentalen Perspektive ist nach Meier die reformierte Sicht auf den Visionär aus der Zeit vor der Glaubensspaltung ethisch orientiert. Seine Abneigung gegen die Käuflichkeit geistlicher Ämter und die Reisläuferei, den Kriegsdienst im Solde fremder Heere, machte ihn für Zwingli zitierbar. Er stand beim Reformator in höchstem Ansehen. Auch für Karl Barth war Klaus kein Landesvater, sondern ein Heiliger auch ohne Heiligsprechung.

Er betete für beide Seiten

Es war das Stanser Verkommnis von 1481, das Bruder Klaus zum Friedensstifter machte. Das Übereinkommen zwischen den acht Orten des eidgenössischen Bundes verhinderte das Auseinanderbrechen von Stadt- und Landorten. Es wurde zur Verfassungsgrundlage der alten Eidgenossenschaft. Ohne an der in Stans tagenden Tagsatzung teilgenommen zu haben, gilt Klaus als deren politischer Vermittler. Vom Ranft aus liess er beiden Seiten ausrichten, er bete für sie. So waren alle der Meinung, Bruder Klaus auf ihrer Seite zu haben. Für Meier entscheidend war, dass Klaus vom Rechtsweg abriet: «Der Gang vor den Richter war für ihn das ‹böseste Recht›, weil Verlierer keine Ruhe geben können.»

Sozialisten wie Generalstreikführer Robert Grimm war das Stanser Verkommnis immer suspekt, weil es einen Frieden der Herrschenden, der Grossbauern verordnete, zu denen letztlich auch Klaus und sein Sohn, der spätere Landammann, gehörten. Laut Meier aber gehen die Passagen, die während der Reformation zur Rechtsgrundlage für die obrigkeitliche Unterdrückung im deutschen Bauernkrieg wurden, nicht auf den Eremiten zurück, wohl aber Elemente, welche die typisch «langweilige schweizerische Kompromissmaschine» begründen – den heutigen Common Sense. Dieser Gemeinsinn habe für Klaus nicht eine unterwürfige Haltung gegenüber Gesetz und Obrigkeit bedeutet, sondern ihn zum Widerstand zwecks Friedenssicherung animiert. So riet Klaus etwa den Bauern, den «nassen Zehnten» zu verweigern – eine Kirchensteuer in Form von Naturalien wie Most und Schnaps. Der damalige Übergang von der traditionellen Landwirtschaft zur Viehwirtschaft hatte die Grundlage des Zehnten obsolet gemacht.

Galionsfigur der geistigen Landesverteidigung

Wurde Klaus in der Zeit des Kulturkampfs vor allem vom katholischen Milieu zur Legitimation des eigenen Partei- und Vereinswesens vereinnahmt, verehrte man ihn zur Zeit der beiden Weltkriege überkonfessionell als Landesvater und Friedensstifter. Er wurde zur Galionsfigur der geistigen Landesverteidigung. 1940 wollten bei Waldenburg BL Tausende Klaus’ schützende Hand am Himmel gesehen haben. Das Wolkengebilde wurde als wundersame Abwehr gegen Nazideutschland gewertet und begründete abermals die massenhafte Verehrung des Eremiten.

In den 90er-Jahren instrumentalisierten die Nationalkonservativen Klaus für ihre Kampagne gegen den EWR-Beitritt. Bezeichnend auch, dass die heute wichtigsten Konservativen mit christlicher Mission zu eigenen Gedenkveranstaltungen im Jubiläumsjahr 2017 einladen: Gerhard Pfister und Christoph Blocher, wobei Letzterer zusammen mit dem Churer Bischof Huonder auftritt. Der isolierte Huonder identifiziere sich wohl mit der existenziellen Einsamkeit des Eremiten, sagt Meier. Blocher dürfte das Zitat «Macht den Zaun nicht zu weit» gefallen, das Klaus 50 Jahre nach dem Tod in den Mund gelegt wurde. Die Vereinnahmung des Eremiten für Abstimmungsparolen findet Meier generell nicht legitim – weder zur Rettung der Schweiz vor Internationalismus noch für das Kirchenasyl. Für Klaus wie die alten Eidgenossen sei aber das alte Zaunrecht, Grenzbereinigungen aufgrund von gütlicher Einigung, zentral gewesen. «Ohne Zaunrecht versteht man die damalige Politik der analphabetischen Bauern nicht.» Auch Klaus’ Brunnenvision, das Bild eines umzäunten Gartens mit einem Brunnen in der Mitte, versteht Meier als Aufforderung, sich auf den eigenen spirituellen Reichtum zu besinnen. Darum sagte Bundesrat Etter 1934 am Grab von Klaus in Sachseln, die Schweiz müsse sich gegen jede Grossmannssucht zum demokratischen und föderalistischen Kleinstaat jenseits von Führerkult bekennen.

Charisma eines rätselhaften Menschen

In säkularer Zeit aber steht Bruder Klaus als Landesvater nicht mehr hoch im Kurs. Bedeutungslos ist er deswegen nicht geworden. Für Meier trifft Max Webers Begriff der charismatischen Persönlichkeit den Heiligen am besten: «Darin ist Bruder Klaus in der Schweizer Geschichte nicht einmal von Zwingli zu übertreffen.» Seine asketische Fantasie, Frucht des Fastens, mache einen grossen Teil seines Charismas als rätselhafter Mensch aus, das Konfessionen und Konventionen sprenge.

Der gängige Begriff des «Aussteigers» trifft laut Meier die Eigenart des Einsiedlers indes nur schlecht. Denn Klaus habe seine Familie weder aus Eigennutz verlassen noch im Stich gelassen. In einer Urkunde sechs Wochen vor seinem Auszug habe er alles genau geregelt. Anders als vorgesehen verzichtete der durch Depressionen geschwächte Bauer auf die vorgesehene Pilgerexistenz und liess sich im Ranft, in Rufweite seiner Familie, nieder –mit Zustimmung seiner Frau Dorothea. In der Sicht des Kirchenrechts blieb das nur deshalb ein heikles Unterfangen, weil Klaus, der die ehelichen Pflichten nicht mehr erfüllte, für allfällige sexuelle Beziehungen seiner Frau mit anderen Männern verantwortlich gewesen wäre und im Fegfeuer dafür hätte Abbitte leisten müssen. Frauen traute man sexuellen Verzicht offenbar nicht zu.

«Familienfetischismus»

Heute jedoch schon, weshalb katholische Frauen und Familienpolitiker die Heiligsprechung von Dorothea von Flüe fordern. Meier hält das für ein Missverstehen des damaligen Einsiedlerwesens: «Die gleichwertige Verehrung von Klaus und Dorothea, die längst nicht die einzige Einsiedlergattin war, grenzt an Familienfetischismus.» Die Annahme, dass für Jesus oder Paulus die Familie der höchste Wert sei, wird vom Evangelium selber widerlegt. Dort massgebend ist das radikal antibürgerliche Zeugnis der zwölf Apostel, die alle ihre Familie um des Himmelsreichs willen verlassen haben. Der politischen Korrektheit geschuldet, werden analog zu Dorothea im Reformationsjahr 2017 auch Anna Reinhart und Katharina von Bora, die Gattinnen Zwinglis und Luthers, auf den Sockel gehoben.

«Klaus passt letztlich nicht ins CVP-Familienideal», bilanziert Meier. «Er war ein radikaler, auch von seiner Familie kaum verstandener Grenzgänger mit einer unheimlichen Seite.» Unheimlich, weil er kein Brot ass – damals auch ein Kennzeichen der Hexen. Zugleich wurde er wegen seines Hungerns schon zu Lebzeiten als Heiliger verehrt – und erst recht nach seinem Tod. Beides, das Sperrige und leicht Verrückte an Klaus sowie die Verehrung als Heiliger ohne Segen der Amtskirche, war für Rom lange ein Hindernis, ihn formell heiligzusprechen. Schon 1669, bei der Seligsprechung, weckte das bockig-eigenmächtige Verhalten der Eidgenossen den Argwohn des zuständigen Kardinals Roberto Bellarmin. Wegen der Haltung der Schweizer, selber längst zu wissen, dass Klaus heilig war, und ihn so zu einem Stück Eigensouveränität des Volks zu machen, musste er 500 Jahre lang auf die offizielle Heiligsprechung warten. Kriegspapst Pius XII. vollzog diesen Akt 1947. Die Reformierten, bis hin zu den grossen Theologen Barth und Ragaz, sahen das als römisch-katholische Vereinnahmung des Mannes, den sie als Friedensstifter verehrten.

Pirmin Meier: Ich Bruder Klaus von Flüe. Union-Verlag, 3. Auflage, Zürich 2014. 560 S., 42.90 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2017, 18:30 Uhr

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