Deshalb shoppen so viele Schweizer in Deutschland

Warum reisen so viele Schweizer zum Einkauf ins grenznahe Ausland? Acht gute Gründe.

Exkursion nach Waldshut: Schweizer beim Shoppen in Deutschland. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Exkursion nach Waldshut: Schweizer beim Shoppen in Deutschland. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Volle Züge, verstopfte Parkplätze, wuselige Einkaufszonen, Gedränge in den Läden: So sieht es im grenznahen Deutschland aus, wenn die Eidgenossen zum Shopping einfallen. Warum aber tun die das – warum decken sich so enorm viele Schweizer in Konstanz, Lörrach, Waldshut mit Waren ein, die sie zu Hause auch vorfinden?

Die Frage drängt sich wieder einmal auf: Eben wurde bekannt, dass es mit dem riesigen Einkaufszentrum Cano im deutschen Singen vorangeht. 2019 soll es parat sein. Zum Einzugsgebiet gehören 200'000 Leute aus der Schweiz.

Im Shopper leben der prähistorische Jäger und sein Stolz weiter.

Reisen die Schweizer wirklich ins Ausland, weil das WC-Papier und die Kartoffeln billiger sind? Wegen des Spareffekts? Hier Gründe, die mindestens ebenso stark wirken dürften:

1. Zeit töten.
Der Faktor Langeweile ist nicht zu unterschätzen. Speziell Pensionierte haben ein Problem mit dem Überfluss an Zeit. Eine Reise über die Grenze und retour füllt den Tag. Natürlich könnte man auch systematisch alle Postauto­linien der Schweiz abfahren. Dazu braucht es aber mehr Selbstmotivation und Begründung. Shoppen hat den Nimbus der Nützlichkeit. Es ist leicht und quasi natürlich. Man muss sich nicht er­klären, wenn man shoppt.

2. Schwarmfeeling.
Wer nach Deutschland fährt, ist nicht allein. Er ist Teil einer Bewegung, das tut wohl. Der Mensch ist ein Schwarmwesen. Der Massenfaktor hilft auch, allfällige Schuld­gefühle zu betäuben; bekanntlich leidet der heimische Detailhandel, weil so viele Leute im Ausland einkaufen. «Wir sind im Recht», denkt der Shoppingtourist im vollen Zug. «Die sind doch selber schuld in Zürich in der Drogerie, wenn sie das Mundwasser so teuer verkaufen.»

3. Jugend.
Wir werden alle alt, wir müssen alle sterben. Die Waren im Laden sind das Gegenteil, sie verkörpern das Neue, das Junge, das Un­verbrauchte. Sie sind ewige Jugend, sie strahlen und glänzen. Zur Magie des Einkaufs gehört das unterschwellige Gefühl, durch die erworbenen Dinge Frische zu tanken. Shopping ist der Jungbrunnen der Nation. Wer ihm einen ganzen Tag widmet, belebt sich besonders effektiv.

4. Jagdfreuden.
In der frühen Vorzeit lebten die Menschen vom Sammeln und Jagen, die Landwirtschaft war noch nicht erfunden. Angesehen waren diejenigen in der Gruppe, die lieferten. Die, die kiloweise ausgegrabene Wurzeln herbeitrugen oder Wildhonig oder einen per Pfeil abgeschossenen Hasen. Etwas vom alten Jägerstolz ist da, wenn der Shopper am Abend heimkehrt und die günstigen Nierstück-Schnitzel vorweist. Er ist ein guter Beschaffer.

5. Selbstbelohnung.
Die wechselseitige Durchdringung von Leiden und Freude macht das Intensiv-Shoppen aus. Man ahnt am Morgen, dass der Tag hart wird. Aber man weiss, dass man sich um vier Uhr vor der Heimfahrt im Biergarten ein Pils gönnen wird. Und dass man dann zufrieden denken wird: «Doch, heute habe ich etwas geleistet.» Das Ringen um die Ware hat die eigene Existenz mit Leidenschaft aufgeladen.

6. Machbarkeit.
Das Gute am Einkaufsritual in Deutschland ist, dass die Herausforderungen nicht zu hoch sind. Auch wenn man an der Kasse anstehen muss – die Waren sind in aller Regel da und verfügbar. Mit Einsatz kommt man ans Ziel; es ist nicht wie einst in Ceausescu-Rumänien, wo die Leute manchmal vier Stunden für ein halbes Kilo Butter anstanden und dann mit leeren Händen heimmussten, weil das Kontingent aufgebraucht war, als sie an der Reihe waren.

7. Kontrolle.
Das Leben in der Moderne bringt es mit sich, dass der Einzelne in vielen Dingen entmachtet wird. So manches kann er nicht selber festlegen – vom Tarif für eine Wurzelbehandlung bis zur Zahl der Ferienwochen. Fremdbestimmung ist der Preis für den hoch organisierten Komfort der Gegenwart. Im Deutschland-Shopping wird der Einzelne stundenlang souverän. Er wird zum Herrn seines Tages. Zum Selbstbestimmer in einem wohltuend planbaren Kosmos. Shoppen ist das Erlebnis eigener Macht.

8. Anekdotenfutter. Last, but not least bringt der Shopping-Tag wertvolle Erlebnisse. Das Auto hatte eine Panne. In der Schlange vor der Kasse brach jemand zusammen. Eine gestresste Verkäuferin beschimpfte einen grundlos. In Weinfelden ging während der Heimreise ein Hagelsturm auf den Zug nieder. Die Deutschland-Tour bringt Abwechslung in die Monotonie des Alltags. Unter Freunden oder am Stammtisch wird man etwas zu erzählen haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2017, 18:36 Uhr

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