Die ganze Wahrheit

Medien und Politiker stehen heute unter dem Generalverdacht der Lüge und der Manipulation. Gibt es keine Wahrheit mehr? Doch!

«Korrupt, klickgeil, manipuliert»: Der Ruf des Journalismus leidet, die Medien sind zum Feindbild geworden. Foto: Konstantinos Tsakalidis (Bloomberg)

«Korrupt, klickgeil, manipuliert»: Der Ruf des Journalismus leidet, die Medien sind zum Feindbild geworden. Foto: Konstantinos Tsakalidis (Bloomberg)

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Vor ein paar Jahren suchte ein befreundeter Journalist eine neue Wohnung. Ein Kollege empfahl ihm: «Sag bloss nicht, was du arbeitest. Niemand will einen Journalisten im Haus.» Ich war noch ganz neu in der Branche, deshalb verblüffte mich der Kommentar. Was sollte ­jemand gegen Journalisten haben?

Heute weiss ich es, denn mittlerweile sind die Medien zum Feindbild geworden. Zusammen mit der Politik stehen sie unter dem Generalverdacht der Manipulation. Das kommt nicht von ungefähr: Jene Politiker, die ihre Lügen als Wahrheit verkaufen, legitimieren sich mit der Verlogenheit der Medien. Als Donald Trump in der letzten Präsidentschaftsdebatte auf die Aussagen ehemaliger Schönheitsköniginnen angesprochen wurde, wonach er einfach in ihre Garderoben spaziert sei, sagte er: «Alles Lüge.» Obschon er früher öffentlich damit geprahlt hatte. Heute sagt er einfach: «Die Medien sind korrupt.» Thema erledigt.

Diese Woche strahlte die «Rundschau» ein Interview mit Bashar al-Assad aus. Der syrische Diktator belog den Interviewer schamlos: Sein Krieg gegen die Zivilbevölkerung von Aleppo? Er beschütze sie vor Terroristen. Seine Foltergefängnisse? Eine Erfindung von Amnesty. Das Foto des blutverschmierten Buben aus Aleppo? Eine Fälschung der Medien.

«Post-Truth-Politics»

Das Phänomen hat sogar einen eigenen Namen: «Post-Truth-Politics». Wird ein Politiker bei offenkundigen Lügen erwischt, spielt das nur noch eine bedingte Rolle. Die Alternative heisst heute nicht mehr Fakten versus Lügen oder Ideologie versus Ideologie. Sie heisst Realität versus alternative Realität. Es ist eine veritable Krise der Wahrheit – denn welche Autorität soll für sie bürgen? Paradoxerweise springen gerade autoritäre Lügner gern in diese Lücke.

Besonders in der Kritik stehen aber nicht die grössten Lügner, sondern «die Medien». Und zwar nicht nur bei den Lügenpresse-Schreiern, sondern bei Menschen aus allen Bildungsschichten und politischen Lagern. Korrupt, klickgeil und mit einer versteckten politischen Agenda operierten sie, heisst es. Fragt man nach, welcher Mastermind auf welche Art und Weise genau Einfluss nimmt, bekommt man keine Antwort. Sicher sei nur, dass alle manipuliert und gelenkt würden.

Medienwissenschaftler Matthias Kohring führte diese Vertrauenserosion in einem Interview mit der «Zeit» auf die gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Fragen zurück und erläutert das anhand der Flüchtlingskrise: Als Angela Merkel verkündete: «Wir schaffen das!», hätten sich viele Menschen durch die Berichterstattung in den Medien zu einer Willkommenskultur gezwungen gefühlt. Wer trotzdem Bedenken hatte, sah sich falsch repräsentiert und in die dunkeldeutsche Ecke gestellt.

Misstrauen auch von links

Doch Misstrauen gegenüber den Medien kommt nicht nur von rechts, sondern auch von links – und von anderen Journalisten. Vor zwei Wochen erschien auf Tsüri.ch ein Artikel über «Das System ‹20 Minuten›». Die schiere Häufigkeit, mit der das (wie der «Tages-Anzeiger» von Tamedia verlegte) Blatt über «Muslime, Terror und Flüchtlinge» berichte, verrate eine rechte Agenda, so die These. Zwar seien die Macher «zu intelligent», um offen tendenziös zu berichten, und liessen ­«per­fiderweise» auch immer die Gegenseite zu Wort kommen. Gängige journalistische Praxis wird so in eine rechte Verschwörung umgedeutet.

Solche Behauptungen wären ernst zu nehmen, würden sie belegt. So aber sind sie nur auf den Applaus aus der Echokammer in den sozialen Medien zugeschnitten. Diese haben grossen Anteil an der Krise der Wahrheit. Wo früher Spinner und falsche Propheten von Tür zu Tür gehen mussten, können sie ihre Theorien heute ungefiltert in den Äther pumpen. Je emotionaler, desto besser, denn so funktionieren die sozialen Medien: Wer die unflätigsten Dinge sagt, wird am meisten gehört und verstärkt, gerade von den Gegnern. Deshalb gewinnen immer die Lauten und Rücksichtslosen.

Dabei spielt das Gruppendenken eine entscheidende Rolle. Je mehr wir im Alltag vereinzelt werden, paradoxerweise durch die unbegrenzten virtuellen Kontaktmöglichkeiten des Smartphones, desto mehr sehnen wir uns danach, zu einer Gruppe zu gehören. Und sobald wir uns mit einer Gruppe identifizieren, gilt nur noch ihre Wahrheit. Psychologen nennen diesen kognitiven Mechanismus «motivated reasoning». Er funktioniert wie Thesenjournalismus: Wir sind eigentlich nie objektiv, sondern suchen immer nach Belegen für unsere Weltsicht. Finden wir sie, aktiviert dies das Belohnungszentrum im Hirn. Begegnen wir einem Widerspruch, so weckt dies negative Emotionen. Deshalb suchen wir nach Informationen, die Zweifel an der Gegenmeinung stützen. Damit geben wir uns dann zufrieden, so dürftig diese Belege auch sein mögen. Wir hören nur, was wir hören wollen, und glauben nur, was wir glauben wollen. Wer sich je auf Diskussionen in den sozialen Medien eingelassen hat, weiss das nur zu gut.

Und die Medien? Natürlich sind Journalisten so wenig wie alle anderen unvoreingenommen, und sie machen wie alle anderen Fehler. Niemand bestreitet, dass die Dynamik digitaler Echtzeitberichterstattung auf Kosten der Sorgfalt gegangen ist. Und gerade Berichte über gezielte russische Manipulationsversuche der öffentlichen Meinung via soziale Medien zeigen, dass Vorsicht und Sorgfalt wichtiger denn je sind. Aber wir sind nicht so schlecht wie unser Ruf.

Im Unterschied zu allen Meinungsmachern im Internet haben Journalisten Branchenregeln. Wenn wir Fehler machen, werden wir darauf behaftet, müssen wir überprüfen und allenfalls korrigieren. Wir müssen für unseren Bullshit geradestehen, und das motiviert uns, Bullshit zu vermeiden. Denn so dreist heute auch gelogen wird: Es gibt einen Unterschied zwischen Fakt und Fiktion. Und auch wenn die ganze Wahrheit wohl nur im Diskurs zu ergründen ist: Wir sind ihr verpflichtet. Dazu sind wir da – solange wir noch Wohnung und Job haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2016, 18:51 Uhr

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