«Die meisten Jungen gehen ein- oder zweimal ins Bordell»

Immer öfter suchen 16- bis 18-Jährige Sex bei Prostituierten. Gar nicht so schlimm, meint Sex-Expertin Maggie Tapert.

«Auch ein Bordellbesuch kann zum Lernprozess beitragen» – Maggie Tapert über Jugendliche und das komplexe Thema Sex.

«Auch ein Bordellbesuch kann zum Lernprozess beitragen» – Maggie Tapert über Jugendliche und das komplexe Thema Sex.

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Die Westschweizer Zeitung Le Matin Dimanche bestätigt: Immer öfter suchen 16- bis 18-Jährige Sex bei Prostituierten. Wie ist dieser Trend zu werten?
Ich denke, er ist positiv. Eines der grössten Probleme der Jugendlichen ist – das beobachte ich täglich in meiner Praxis –, dass sie keine Ahnung von ihrer eigenen Sexualität haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein junger Mann, voller verrücktspielender Hormone, gerne seinen Körper erforschen und wissen will, wie Sex funktioniert. Die meisten Jungen gehen dann höchstens ein- oder zweimal ins Bordell, wollen etwas lernen und erfahren – das ist völlig normal.

Das «Phänomen» wurde mit der Sexualisierung der Gesellschaft und Internetpornografie begründet. Ist es tatsächlich so einfach?
Das sind sicher Gründe dafür. Grösser aber ist das Problem der Jugendlichen, dass sie keine Möglichkeit haben, etwas über ihre eigene Sexualität zu lernen. Junge Leute – überwiegend männliche – schauen Pornos, sehen Praktiken, die sie gerne erleben wollen, aber haben keine Ahnung, wie. Natürlich sind Pornofilme Extremversionen, die eigentlich gar nichts mit der Realität zu tun haben. Trotzdem wollen es die Jungen erforschen, was sie nicht mit den Klassenkameradinnen können.

Im Bordell sind sie also gut aufgehoben?
Ich finde es durchwegs positiv, wenn ein junger Mann in so einem Rahmen selbstständig ausprobiert. Wenn er schlau ist, wird er etwas von der erfahrenen Frau lernen, wenn nicht, wird er Sachen, die er im Porno gesehen hat, mühselig nachzuahmen versuchen. Hoffentlich bekommt er dann die richtige Antwort von ihr, nämlich: «Nein, so geht das nicht, junger Mann.»

Was bedeutet dieser Trend für junge Frauen?
Junge Frauen sollen ihre eigene Sexualität entdecken. Allein. Genauso wie junge Männer. Danach können beide mit ihrer Erfahrung und der Kenntnis über den eigenen Körper einander entdecken. Wenn zwei junge, sexuell ahnungslose Menschen zusammenkommen, fokussieren sie sich lediglich auf das Penetrieren. Vorher muss ein junger Mann aber erst verstehen: Wie funktioniert die Vulva? Was ist die Vagina? Er lernt das natürlich nicht im Bordell, aber auch ein Bordellbesuch kann zum Lenrprozess beitragen. Sex ist sehr komplex, und ich bin dafür, dass junge Leute lernen, dass er sehr vielfältig sein kann.

Kann man im Bordell wertvolle Erfahrungen machen?
Ich wünsche mir für diese jungen Männer, dass sie gute Erfahrungen im Bordell machen, dass sie von einer tollen Frau richtig instruiert werden. Wahrscheinlich ist das nicht oft so, aber es wäre wünschenswert. Eigentlich wäre es ideal, wenn ältere Frauen sagen würden: «Jawohl, ich verbringe mit dir eine oder zwei Stunden im Bett und zeige dir, was du für deine Zukunft wissen sollst.»

Jungen und Mädchen sollen also unabhängig voneinander ihre Sexualität entdecken und danach erst zusammen?
Dann steigen sie ein, in etwas ganz Komplexes, aber: Sie kennen sich selbst! Sie treten dann als innerlich erwachsene Leute in die Welt der Sexualität ein. Es ist leider immer noch so, dass Angst und Scham die Sexualität in unserer Kultur durchfliessen. Für junge Männer ist das Bordell der einzige Ort, an dem sie etwas ungehemmt entdecken können.

Es kommt oft vor, dass Jungen in einer Gruppe ins Bordell gehen.
Oh dear! (lacht)

Herrscht da auch Gruppenzwang?
Sie haben Angst, allein zu gehen, und schämen sich! Wahrscheinlich trinken sie vorher noch zu viel... Das ist die Unsicherheit.

Wie sollen Eltern darauf reagieren, wenn sie erfahren, dass ihr Junge schon so früh ins Bordell geht?
Ich persönlich finde, Eltern können das unterstützen. Die meisten Eltern erklären ihren Kindern nur, wie man Babys macht, aber sie haben Mühe, über das Vergnügen der Sexualität und der Erotik zu sprechen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.11.2015, 13:50 Uhr)

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Sex-Expertin Maggie Tapert: Die in Zürich lebende Amerikanerin widmet sich seit Jahren der Lehre von weiblicher Lust, gibt Seminare und ist Autorin der provokanten sexuellen Autobiografie «Pleasure: Bekenntnisse einer sexuellen Frau» (2011). (Foto: Studio Christian Vogt)

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