Die vergiftete Stadt

Der Chemiekonzern Monsanto schuf in Illinois 1926 einen Ort mit seinem Namen. Dort konnte er Dinge tun, die anderswo verboten waren.

Bei Pop’s wird rund um die Uhr Bier angeboten – eine Rarität in den USA. Die Kunden kommen aus dem gesamten Umland. Foto: Kathrin Werner

Bei Pop’s wird rund um die Uhr Bier angeboten – eine Rarität in den USA. Die Kunden kommen aus dem gesamten Umland. Foto: Kathrin Werner

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Über der Monsanto Avenue hängt der Himmel tief. In die grauen Wolken mischen sich die Schwaden aus den Schornsteinen. Hier liegt die Chemiefabrik neben der Raffinerie neben der Müllkippe. Grauer Asphalt, grauer Stahl, grauer Beton. Dazwischen flackert das Licht eines 24-Stunden-Schnapsladens. Das Restaurant an der Strassenecke hat keinen ­Namen, es gibt kein zweites in der Stadt. Es steht nur DINER auf einem Schild. Eine Plastiktüte weht über den Parkplatz.

Drinnen im Diner quetscht Big Rich die gelbe Plastiksenfflasche aus. «So gelb waren die Häuser hier in den Fünfzigerjahren.» Er wischt den Senf mit der Papierserviette weg. Big Rich war damals ein Junge, der Enkel des Bürgermeisters in der senfgelben Stadt. Die Häuserfassaden, die Dächer, die Autos, das Gras, die wenigen Bäume, die Luft, alles war gelb. Manchmal konnte er den Himmel nicht sehen durch den gelben Nebel. Man konnte ihn fast auf der Zunge schmecken, die Augen brannten, seine Mutter bekam Asthma. «Damals», sagt Big Rich, «hat Monsanto hier noch tonnenweise Schwefel verbrannt.»

Damals hiess nicht nur die Hauptstrasse, sondern die ganze Stadt Monsanto. Wie der Chemiekonzern, der seinen Sitz nur wenige Meilen entfernt auf der anderen Seite des Mississippi in St. Louis hat. Monsanto, die Firma, hat Monsanto, die Stadt, 1926 gegründet – zusammen mit dem Grossvater von Big Rich, einem Farmer, der hier das Land bewirtschaftete, als es kaum Menschen, kaum Fabriken und kaum Angst vor Umweltverschmutzung gab. Monsanto wollte in Monsanto die Dinge erledigen, die den Menschen in der grossen Stadt auf der anderen Seite des Flusses zu schmutzig waren: Schwefel verbrennen, Chemieabfall ­abpumpen, den giftigen Weichmacher PCB her­stellen. In der Stadt Monsanto gab es kaum Regeln und Gesetze. Fast alles war erlaubt.

Noch immer ist es ein Ort, in dem mehr erlaubt ist als fast überall sonst in Amerika. Die grosse Nachbarstadt St. Louis gilt als Tor zum Westen, The Gateway to the West. Aber in Wahrheit beginnt der Westen hier in der Stadt. Der Wilde Westen.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Grafik mrue

Im Diner blinkt es hinten an der Wand, «Hot New Game» in pinkfarbenem Neon – Spielautomaten sind fast überall in Amerika verboten. Hinter dem Baseball-Stadion hat gerade ein Marihuana-Laden eröffnet – auch der wäre in vielen anderen Staaten der USA illegal. Die Kneipe Pop’s gegenüber vom Diner hat 24 Stunden geöffnet. Hier trinken die Fabrikarbeiter nach ihrer Schicht Budweiser, sonst ist überall irgendwann Sperrstunde.

Und dann sind da noch die Fabriken, die Raffinerien und Giftmüllkippen, der schmutzige Teil der industriellen Revolution. «Wir sind unternehmerfreundlich», sagt Big Rich. «Jeder, der sich an die Gesetze hält, ist willkommen. Wenn er Jobs schafft.»

Monsanto, die Firma, hat inzwischen keine Fabrik und keine Müllkippe mehr hier. Und Monsanto, die Stadt, hat sich umgetauft. Seit 1968 heisst sie Sauget und damit genauso wie Big Rich. Sein richtiger Name ist Richard Sauget. Ihm und seiner Familie gehört die halbe Stadt: das Restaurant, die 24-Stunden-Kneipe, der Schnapsladen, die Tankstelle, ein Nachtclub, das Pferdewettbüro, das Baseball-Team und fast die Hälfte aller Eigenheime. Big Rich bewohnt die einzige Villa hier, mit Brunnen an der Auffahrt, Swimmingpool, Tennisplatz. «Sauget kommt einer modernen Feudalherrschaft so nah, wie es nur geht», schreibt die Lokalzeitung «Riverfront Times». Das Konkurrenzblatt nennt die Saugets «die königliche Familie».

«Sauget kommt einer modernen Feudalherrschaft so nah, wie es nur geht.»«Riverfront Times», Lokalzeitung

Keiner kann die Geschichte des Ortes so gut erzählen wie Big Rich, 72 Jahre alt, Enkel des ersten Bürgermeisters, Neffe des zweiten Bürgermeisters und Vater des dritten Bürgermeisters. Noch nie gab es hier einen Bürgermeister, der nicht Sauget hiess. Seine Vorfahren zählten zu den ersten Weissen hier im Wilden Westen. «Alles fing an, weil mein Grossvater mit dem Gründer von Monsanto zusammen jagen ging», sagt Big Rich.

1926 schlug Monsanto Big Richs Grossvater vor, aus dem Industriegebiet eine Kleinstadt zu machen, denn die konnte eine Anleihe begeben, die bei der Finanzierung der Infrastruktur für Monsantos Müllentsorgung half. «Die haben eine Leitung direkt von der Fabrik in den Fluss gebaut, da lief die ganze Brühe rein», sagt Big Rich. «So war das eben damals.»

Immer mehr Firmen folgten Monsanto nach Monsanto, ein Aluminiumhersteller, ein Kupfer­recycler, eine Bleischmelze und so weiter. «Überall sonst gab es Überregulierung und Korruption, die Politiker steckten ihre Nase in alles, die Gewerkschaften wurden immer mächtiger», sagt Big Rich. «Also kamen alle zu uns.» Die Folge waren senfgelbe Häuser. Sogar Big Richs Eltern ist es zu viel geworden. Sie sind weggezogen, als er noch ein Junge war, wegen des Asthmas der Mutter. Erst als Erwachsener kam er zurück.

Die US-Umweltbehörde EPA hat inzwischen den halben Ort umgegraben. «Wir hatten eine Menge Arbeit», sagt Thomas Martin, der als Anwalt der EPA für die Region zuständig ist. «Und unsere Arbeit wird nicht so schnell beendet sein.» Als er in den frühen Neunzigerjahren zum ersten Mal nach Sauget kam, brannte unter der Erde das Gift.

Im Boden eine toxische Suppe

Monsanto war einst der grösste Produzent von PCB in den USA. Die Chemikalie wurde 1977 verboten, aber die krebserregenden Hinterlassenschaften blieben. Im Boden unter Sauget gibt es eine Suppe aus PCB, Benzol, Toluol, Dioxin, Kadmium, Quecksilber, Selen, Zink und allem Möglichen anderen, das man nicht in seiner Nähe haben will. Das Gemisch kann inzwischen nicht mehr austreten, der Zugang zum Mississippi ist zugemauert. Die EPA hat schon eine zweistellige Millionensumme für das Aufräumen ausgegeben und sich das Geld in Rechtsstreiten und Vergleichen von den Verursachern ­zurückgeholt, auch von Monsanto.

Sauget, Bundesstaat Illinois, hat 159 Einwohner. Auf dem Ortsschild steht 249, aber die Stadt hat noch mal nachgezählt. «Die meisten Leute wissen gar nicht, dass hier überhaupt Menschen wohnen», sagt Jimmy Jones, der Chef der lokalen Polizei­station. Jones, ein schmaler 50-Jähriger mit grauer Stoppelfrisur, fährt gerade Streife, beinahe im Schritttempo.

«Im Prinzip gibt es hier keine Kriminalität», sagt Polizeichef Jones.

Kinderspielzeug in den Vorgärten, eine Hollywoodschaukel, amerikanische Flaggen über den Türen. Ein Schild im Fenster: «Make America Great Again». In den Einfahrten parken Kleinwagen und Pick-up-Trucks. Die Nachbarn haben zusätzlich zur Polizei noch eine Bürgerwehr eingeführt. Wenn jemand vorbeifährt, der hier nicht hingehört, meldet sie ihn der Polizei. «Im Prinzip gibt es hier keine Kriminalität», sagt Jones. Der direkte Nachbarort, East St. Louis, hat eine der höchsten Mordraten des Landes.

Auch sonst hat das Leben in Sauget Annehmlichkeiten: Müllabfuhr, Kabelfernsehen, Wasser und Abwasser sind fast kostenlos. Die Strassen haben keine Schlaglöcher und sind immer sauber. «Ich habe mir nie Sorgen gemacht wegen Umwelt­verschmutzung», sagt der Polizist. «Ich weiss nicht, man lebt halt damit.»

Der meiste Dreck zieht ohnehin ab ins benachbarte East St. Louis. Der Ort hat die höchste Asthmarate des Landes, sehr viele Krebstote und ist laut US-Ministerium für Wohnen und Stadtentwicklung «die notleidendste Kleinstadt Amerikas». Dort leben arme Menschen, fast nur Schwarze, Klagen gegen die Verschmutzer hinter der Stadtgrenze können sie sich nicht leisten.

«Schön ist das natürlich nicht. Aber es schafft Jobs.»Jimmy Jones, Polizeichef

Polizeichef Jones drückt ein wenig aufs Gas, das Miniwohngebiet schrumpft im Rückspiegel. «So, jetzt geht es richtig los», sagt er. «Hier ist unser Vergnügungsviertel.» Die riesigen Parkplätze vor den fensterlosen Nachtclubs sind leer, tagsüber kommt kaum jemand. «Aber nachts steppt der Bär», sagt Jones. «Zum Glück haben die ihre eigenen Sicherheitsleute.» An guten Abenden kommen 6000 Besucher. Am meisten los ist um drei Uhr morgens, wenn entlang des Mississippi sonst nichts mehr ­aufhat. In manche Clubs geht man zum Tanzen, in manche zum Trinken, in manche für die Musik, in andere für nackte Frauen. Die Stripclubs sind landesweit bekannt. Spitzname: Ballett von Sauget. Besonderheit: Anfassen erlaubt.

«Weiter gehts ins Industriegebiet», sagt Jones. Am Fluss ragt ein Förderband in den grauen Himmel, das Kohle von den Schiffen auf Lastwagen verlädt. Daneben vier Öltanks. «Schön ist das natürlich nicht», sagt Jones. «Aber es schafft Jobs.»

Für Monsanto, die Firma, ist Monsanto, die Stadt, nichts als Vergangenheit. Das Unternehmen hat die Chemiesparte samt der Fabrik in Sauget 1997 abgestossen und konzentriert sich auf Saatgut, sagt eine Konzernsprecherin. Bayer, der Pharma- und Agrarchemiekonzern aus Deutschland, übernimmt Monsanto gerade für 66 Milliarden Dollar. Mit dem Konzern kauft Bayer dessen Geschichte – auch die Geschichte der senfgelben Stadt.

Keine Abwasseranlage mehr

Am Ende der Streife durch sein Revier rollt Polizeichef Jones auf den Parkplatz vor der Polizeiwache aus rotem Klinker. Direkt nebenan hat Little Rich sein Büro. Bürgermeister Richard Sauget Junior, 43 Jahre alt und genauso gross und weisshaarig wie sein Vater Big Rich, hat inzwischen auch Unternehmen in Sauget angesiedelt, die nichts mit Schwerindustrie zu tun haben. «Wir sind als Abwasser­anlage gegründet worden, aber wir müssen es ja nicht bleiben», sagt er. Rund 8000 Menschen ar­beiten in dem Ort mit 159 Einwohnern.

Ich will, dass sich die Unternehmen an die Umweltregeln halten», sagt Bürgermeister Sauget.

An Weihnachten lädt die Stadtverwaltung – also die Familie Sauget – alle Einwohner zu einer grossen Feier. Little Rich hat ein Foto von Big Rich als kleinem Jungen im Regal, es stammt von einer Weihnachtsfeier aus der senfgelben Zeit. Daneben stehen Fotos seiner eigenen drei Kinder. «Ich lebe hier mit meiner Familie. Ich will, dass sich die Unternehmen an die Umweltregeln halten und sie nicht auf Kosten unserer Gesellschaft Profit machen», sagt Little Rich. «Aber es ist auch schein­heilig, die Produkte der Firmen zu kaufen, aber mit ihnen selbst nichts zu tun haben zu wollen. ­Irgendwo müssen sie ja hin.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2017, 18:43 Uhr

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