Für 2500 Franken die Nacht im Hotel Hochverrat

Hier prallen Welten aufeinander: In Havannas erstem Luxushotel trinkt der Gast einen Rum für 300 Franken, die Kellnerin verdient 10 Franken pro Monat.

Von der Dachterrasse des Hotels schweift der Blick über die Altstadt von Havanna, auf Prunkbauten wie das Kapitol – aber auch auf Zerfall und Armut. Foto: Lisette Poole (Laif)

Von der Dachterrasse des Hotels schweift der Blick über die Altstadt von Havanna, auf Prunkbauten wie das Kapitol – aber auch auf Zerfall und Armut. Foto: Lisette Poole (Laif)

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Wie sagen bösen Zungen? Der Sozialismus ist der längste und qualvollste Weg zurück zum Kapitalismus? Nun, die Kommunistische Partei Kubas hat auf diesem Kreislauf vorwärts in die Vergangenheit eine neue, leuchtende Wegmarke gesetzt: das Gran Hotel Manzana Kempinski La Habana, das erste echte Luxushotel in Kuba mit der ersten Luxus-Shoppingmall im Kuba der Castros.

Der Manager des Hotels spricht in den höchsten Tönen von Kuba, das Staatsfernsehen von einem weiteren Meilenstein auf dem Weg «zur Perfektionierung unseres Sozialismus», der Volksmund von einer «real existierenden Fata Morgana».

Luxus-Shopping im Manzana Kempinski La Habana: So preist das Hotel das Einkaufserlebnis in der hoteleigenen Mall an. Fotos: Kempinski.com

Das Fussvolk von Havanna strömt in Massen in die Luxusmall. Die Menschen drücken sich die Nasen platt an den polierten Schaufenstern und Vitrinen – und verstehen die Welt nicht mehr: Diamantohrringe für 32'000 Franken, Füllfederstifte für 2500. Fotokameras, Uhren, Kleider und Kosmetik – alles europäische Markenware und alles zu astronomischen Preisen, die man in Kuba noch nie gesehen hat und die deutlich machen: Soziale Gleichheit war gestern.

Die Menschen drücken sich die Nasen platt – und verstehen die Welt nicht mehr.

Angela, eine 55-jährige Krankenschwester und «ein Kind der Revolution», wie sie sagt, ist aus Neugier in jedem einzelnen Laden gewesen, hat das Angebot und vor allem die Preise von Versace, Cartier, Chanel, Montblanc «und weiss ich was für Namen» studiert. Sie ist fassungslos: «Wie können sie nur? Uns all diesen Luxus präsentieren, den sie seit Jahrzehnten verteufeln und uns vorenthalten.»

Das Manzana de Gómez ist in Havanna in aller Munde. Man spricht vom «Schweizer Luxus», weil die Staatsmedien Kempinski, die in Genf ansässige Luxushotelgruppe, und die Schweiz stets in einem Atemzug erwähnen. Die Shoppingmall zieht die Menschen an wie ein Magnet – und stösst viele gleichzeitig vor den Kopf.

An den ersten Tagen nach der Eröffnung der Ladenpassage entluden sich Wut und Frust vor den Schaufenstern teils derart, dass der Staat sofort ein Grossaufgebot an Polizisten losschickte, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Seither werden die Eingänge doppelt bewacht: von Polizisten und den Männern in Nadelstreifen. Bedürftige und Bettler, von denen immer mehr durch die Strassen Havannas ziehen, werden weggewiesen.

Der mafiöse Kapitalismus

Die schwanenweiss leuchtende Oase, ein hundert Jahre alter Kolonialbau, steht mitten im Herzen von Havanna – und für eine Epoche, die die kommunistische Führungsriege als dunkles Kapitel des mafiösen Kapitalismus bezeichnet.

Ende 90er-Jahre war der Bau nur noch ein Schatten seiner selbst.

Kuba, 1917: Andrés Gómez Mena, Grossunternehmer und einer der reichsten Männer auf der Insel, weiht sein neustes Prestigeobjekt Manzana de Gómez ein. Der fünfstöckige, monumentale Bau mit hohen Räumen, schmalen französischen Fensterflügeltüren, Balkonen, Kranzgesimsen, Säulen und Bögen umfasst ein komplettes Viertel (kubanisch: Manzana) und zählt zu den herausragendsten Bauten jener Zeit. Von den Eingängen an den vier Ecken führen diagonal durch das Erdgeschoss breite, hohe Arkadengänge, die sich in der Mitte kreuzen, gesäumt von Geschäften – es war damals Kubas erste luxuriöse Ladenpassage nach europäischem Vorbild. Acht Aufzüge führen in die oberen Stockwerke mit 560 Büros, die der Besitzer an Geschäftsleute, Advokate und Notare vermietet.

Nach der Revolution 1959 enteignet Fidel Castro die Millionäre und Mafiosi. Im verstaatlichten Manzana de Gómez quartieren sich Beamte der Staatsbürokratie ein, Schulen und eine «Fakultät für Arbeiter». Ende der 90er-Jahre ist der Klassikbau nur noch ein Schatten seiner selbst: grau und heruntergekommen, die oberen Stockwerke sind verlassen, die Räume ruiniert, die meisten Ladengeschäfte im Erdgeschoss verbarrikadiert, in den anderen die Warengestelle halb leer.

Vor fünf Jahren begann ein Konsortium der Armee zusammen mit dem französischen Baukonzern Bouygues mit der Totalrenovation des emblematischen Baus. Bouygues ist ein langjähriger Geschäftspartner von Raúl Castros allmächtigen Revolutionären Streitkräften – zwei Drittel der gesamten kubanischen Wirtschaft inklusive des Tourismusgeschäfts sind in den Händen von Konglomeraten, die der Armee gehören.

Das erste Kempinski-Hotel in dieser Hemisphäre. Visualisierungen: PD

Kempinski, die traditionsreiche, inzwischen von Scheichs kontrollierte Hotelkette, die über 70 Nobelhäuser in 30 Ländern betreibt, fand im Manzana de Gómez das anscheinend geeignete Juwel, ihr erstes Hotel in dieser Hemisphäre zu eröffnen – standardgemäss fünf Sterne und mit Läden, die fast nur Luxusgüter anbieten. Ausgerechnet in Kuba, wo es vom Bleistift über Essen und Kleider bis zur Seife an allem chronisch mangelt.

Für Kempinski kein Problem. Im Gegenteil: In Genf «glaubt man an Kuba», wie der Hotelmanager im Staatsfernsehen sagte. In Genf weiss man zudem, wie das Geschäft mit den Kommunisten läuft; nirgendwo sonst betreibt Kempinski mehr Hotels als in China. Die Baustelle Manzana de Gómez glich einem Hochsicherheitstrakt: hohe Eisenwände, Kameras und Wachmänner überall. Die kubanischen Bauarbeiter waren im Schichtbetrieb rund um die Uhr im Einsatz – zu Monatslöhnen um die 25 Franken. Zu wenig zum Leben. Deshalb verkam auch Manzana de Gómez zu einer gewöhnlichen kubanischen Baustelle: Schlendrian, Pfusch und Diebstahl. Die Arbeiter klauten und verkauften Werkzeug, Zement, Sand, Fliesen, Backsteine und anderes Baumaterial. Was auf den Baustellen verschwindet, findet man auf dem Schwarzmarkt wieder.

Aus Indien importierte Bauarbeiter

Letztes Jahr riss den ausländischen Investoren der Geduldsfaden. Im Sommer fuhren beim Manzana de Gómez plötzlich Busse vor, aus denen drahtige Bauarbeiter aus Indien stiegen und in Einerreihe durchs Eisentor auf die Baustelle marschierten.

In Havanna fragte man sich: Wo kommen die plötzlich her? Das offizielle Kuba schwieg lange, doch innert Kürze kam aus: Die meisten kubanischen Arbeiter im Solde des Staates wurden durch 360 indische Gastarbeiter ersetzt. Deren Monatslohn: um die 1500 Franken. Pro Person. Wer diese, von offizieller Seite nie dementierten Löhne bezahlt, ist so unklar wie alle Geschäfte, die der Staat und das Militär mit ausländischen Partnern machen. In den Internetforen entlud sich der Volkszorn über die kubanisch verkehrte Globalisierung. Wie könne die Regierung zulassen, dass ausländische Arbeiter von weit her importiert werden und man denen Löhne zahlt, die fünfzig-, sechzigmal höher sind als jene für Kubaner? Von Frechheit und ­Respektlosigkeit gegenüber den einheimischen Arbeitskräften war die Rede, von Verrat am eigenen Volk und an den Idealen der Revolution.

Zwei Leben arbeiten für einen Ring

Monate später publizierte die Zeitung «Juventud Rebelde» («Rebellische Jugend») einen Artikel, in dem Chefs von Staatsbetrieben den teuren Import von Gastarbeitern rechtfertigten: Sie seien drei- bis viermal effizienter, geschickter und disziplinierter als die Kubaner. Wieder Tiraden in den Kommentarspalten: Zahlt uns denselben Lohn wie den Indern, dann ist der Luxustempel im Nu fertig renoviert! Auch die fleissigen Inder konnten die verlorene Zeit nicht aufholen. Monatelang hiess es, nächsten Monat werde das Hotel eröffnet. Anfang Juni war es endlich so weit.

Die 246 Zimmer kosten 450 bis 2500 Franken pro Nacht.

Viele, die die Mall besuchen, haben sich extra schöngemacht, weil sie befürchten, man lasse sie sonst vielleicht nicht in die noblen Geschäfte rein. Drinnen geht dann das ungläubige Staunen und Rechnen los: Wie lange müsste ich arbeiten, um mir dies oder das kaufen zu können? Sechs Monate für ein Poloshirt von Lacoste; ein Jahr für ein Set deutscher Kristallgläser; zwei Leben lang für einen Saphir-Fingerring.

Im Geschäft Gucci V.I.P. glänzt der schwarze Marmorboden aus Italien, draussen vor den Schaufenstern stehen drei Rastafari. Sie blicken leicht betrübt auf die ausgestellte Mode. Als es zum Augenkontakt mit dem chic gekleideten Verkäufer kommt, streckt einer der drei ihm den Mittelfinger entgegen. Der Rastafari und der Verkäufer, beide sind Kubaner, einer steht draussen, der andere ist drinnen, ein Angestellter eines der zwei Militärkonzerne, denen die Luxusläden gehören. Sein Arbeitstag ist zwölf Stunden lang, er verdient zwanzig Franken im Monat plus einen Bonus von zehn. Damit kann er sich hier nicht mal eine Unterhose von Armani kaufen.

Die kubanischen Arbeiter wurden durch 360 indische Gastarbeiter ersetzt.

In den oberen Stockwerken, wo sich die Hotellobby, eine Zigarrenlounge, Bars, Restaurants und die 246 Zimmer befinden, die 450 bis 2500 Franken pro Nacht kosten, sind die Löhne noch tiefer als im Erdgeschoss. Die Serviceangestellten verdienen pro Monat so viel, wie hier drei Kaffees kosten: zehn Franken. «Der übliche Lohn eben», sagt die junge Kellnerin schulterzuckend. Wie alle, die für den Staat im Tourismus arbeiten, lebt sie vom Trinkgeld. Sie hofft, dass dies im noblen Kempinski üppiger sein wird als im Viersternhotel, in dem sie vorher gearbeitet hat. Kürzlich, sagt sie, habe ein Amerikaner an einem Abend fünf Rum Habana Club Máximo getrunken, das Gläschen zu 300 Franken (der teuerste kostet 500). «Der Kunde gab fünfzig Franken Trinkgeld, aber leider mit der Kreditkarte.» Sie weiss nicht, ob sie davon etwas erhalten wird.

Im Kommentargewitter auf einer Internetseite schrieb jemand: «Im Manzana de Gómez steckt alles, wovon uns die Castros befreien wollten: Dekadenz, Statussymbole, Klassenunterschiede, Ausbeutung des Proletariats, undurchsichtige Geschäfte und Profit einer kleinen Elite. Mehr Konterrevolution geht fast nicht mehr.»

Wohlfühlzone hoch über Havanna: Blick über den Pool auf das Kapitol.

Der Stolz des Hauses ist das Dachgeschoss, eine Wohlfühlzone hoch über Havanna mit Restaurant, Bars, Konferenzräumen und Spa. Die Lounge und der randlose, scheinbar schwebende Salzwasser-Pool sind unter freiem Himmel, Möbel und Ambiente europäisch. Das Dach ist umsäumt von einer Reling, von der Terrasse blickt man auf die Stadt und das Meer. Auf der einen Seite der prächtige Parque Central mit seinen Königspalmen und renovierte Prunkbauten wie das Gran Teatro und das Kapitol. Auf der anderen Seite die Altstadt: Zerfall, Armut und Improvisation.

Nur diese Aussicht sowie die Kellner erinnern hier oben noch an den kubanischen Sozialismus. Die charmant lächelnden Angestellten lassen die Gäste lange warten, sprechen schlecht Englisch und bringen falsche Rechnungen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2017, 07:33 Uhr

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