Heult nicht, Jungs, handelt!

Die Zahl der sexuellen Übergriffe in der Schweiz hat zugenommen. Jetzt sind die Männer gefragt.

Im Nachtleben schwinden die Hemmungen proportional zum Rauschmittelkonsum. Foto: Keystone

Im Nachtleben schwinden die Hemmungen proportional zum Rauschmittelkonsum. Foto: Keystone

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Zahlen lügen nicht – aber wenn man etwas erreichen will, erzählt man besser eine Geschichte. Neulich sprach meine 15-jährige Tochter von ihrem Ausgang. Sie hatte eine Party ihres Gymnasiums besucht, eine öffentliche Veranstaltung in einer städtischen Halle. Es sei ein lustiger Abend gewesen, auch wenn sie und ihre Kolleginnen übel begrapscht worden seien. Das sagte sie beiläufig. Erst auf Nachfrage erzählte sie, ein erwachsener Mann habe sich ihrer Gruppe genähert und sie und die Kolleginnen in Brüste und Hintern gekniffen.

Viel mehr als die Tatsache, dass solche Schweine da draussen herumlaufen, erstaunte mich die Reaktion meiner Tochter. Denn als ich total empört nach dem Übeltäter fragte, antwortete sie, offensichtlich überrascht von meiner Reaktion: «Chill, Mama, so schlimm war es nicht.» Meine Tochter wollte mir wohl signalisieren, sie komme mit der Erfahrung klar. Doch ich wollte nicht chillen, sondern dem Übeltäter in die Eier treten.

44 Prozent der Schweizerinnen haben schon einmal einen sexuellen Übergriff erlebt.

Das Newsportal «20 Minuten» präsentierte gestern Zahlen zu dieser exemplarischen Geschichte. Eine Umfrage zum Sicherheitsempfinden von Frauen in der Schweiz ergab ein alarmierendes Bild: 44 Prozent der Schweizerinnen haben schon einmal einen sexuellen Übergriff erlebt, 41 Prozent sind vertraut mit sexueller Belästigung, und mehr als die Hälfte in allen Altersklassen fürchtet sich, nachts allein unterwegs zu sein. Und das sind nur Durchschnittswerte. Naheliegend ist, dass jüngere Frauen deutlich häufiger von sexuellen Über­griffen betroffen sind, denn im Nachtleben schwinden die Hemmungen proportional zum Rauschmittelkonsum. In manchen Clubs ist es fast schon normal, dass Frauen in den Schritt gefasst oder in die Brust gekniffen wird, sagen Fachleute und Betroffene.

Manche Frauen scheinen es hinzunehmen, dass ihr Körper durch seine sexuelle Ausstrahlung als eine Art Gemeingut fungiert. Und natürlich ist es am einfachsten, entsprechenden Situationen auszuweichen, sich nicht zu provozierend zu kleiden und nachts nicht alleine unterwegs zu sein. Aber jeder hat ein Recht auf körperliche und sexuelle Integrität, und keine Frau (und schon gar kein minderjähriges Mädchen) sollte sich so etwas gefallen lassen müssen, ganz egal, ob sie den Übergriff als schlimm empfindet oder nicht.

Immer, wenn Frauen über alltäglichen Sexismus berichten, reagieren Männer ungläubig, gleichgültig oder fühlen sich zu Unrecht beschuldigt. Oder sie schieben es auf patriarchale Kulturen und Ausländer, die tatsächlich für über die Hälfte der sexuellen Übergriffe verantwortlich sind. Doch damit machen sie es sich zu einfach.

Das grosse Warum

Insgesamt hat die Zahl der sexuellen Übergriffe im vergangenen Jahr um 8,5 Prozent zugenommen. Ich würde gern verstehen warum, aber es erschliesst sich mir nicht. Warum greifen Männer Frauen gegen deren Willen an die Brüste oder zwischen die Beine? Fühlen sie sich dabei mächtig? Freuen sie sich am Erschrecken, der Angst und Wut, die sie auslösen? Oder ist es ein Ritual, um von den anderen als Mann akzeptiert zu werden?

Wahrscheinlich spielen all diese Faktoren eine Rolle – und hier gälte es anzusetzen. Von einer Fünfzehnjährigen kann man nicht erwarten, dass sie gegen einen erwachsenen Mann aufsteht. Aber sie sollte wissen, dass sie Hilfe holen, andere informieren, den Übeltäter blossstellen sollte. Das erfordert zwar Mut und Zivilcourage, aber man wehrt sich in diesem Moment nicht nur für sich selbst – sondern auch für alle anderen Mädchen und Frauen, die Opfer eines Grapschers werden könnten.

Dasselbe gilt für Männer. Anstatt zu heulen und sich diskriminiert zu fühlen, sollten sie sich einmischen und ihren Geschlechtsgenossen klarmachen, dass übergriffiges Verhalten weder besonders männlich noch cool ist, sondern feige und inakzeptabel. Auch das ist eine Erkenntnis aus dem Familienleben: Ich kann meinem Sohn vieles erzählen; wenn es um sein Selbstverständnis und seine Rolle als männliches Wesen geht, orientiert er sich am männlichen Vorbild, seinem Vater. Und deshalb sind hier die Männer gefragt, Väter, Lehrer, Freunde. Schliesslich könnte es auch ihre Tochter treffen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2017, 19:12 Uhr

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