Hoch die Menstruationstasse!

Immer mehr Frauen verzichten während der Periode auf jegliche Hygieneartikel – und halten das für ein feministisches Statement. Ernsthaft?

«Freebleeder» halten Tampons für ein patriarchalisches Unterdrückungsinstrument. Foto: gpointstudio (iStock)

«Freebleeder» halten Tampons für ein patriarchalisches Unterdrückungsinstrument. Foto: gpointstudio (iStock)

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Seit Frauen ihr Frausein als intellektuelle Herausforderung begreifen, werden immer neue Aspekte der Weiblichkeit in den massenmedialen Fleischwolf geworfen und zu feministischer Wurst verarbeitet: von lesbischer Liebe über Altersarmut bis zur Intimrasur. Nichts ist zu profan, um nicht zum Zeichen feministischer Ermächtigung zu dienen. Und jetzt die Menstruation. «Free bleeding» heisst der Trend aus den USA, auf Deutsch etwa «freies Menstruieren», was zunächst etwa so sexy tönt wie Bier aus dem Wurstkessel. Aber um Unappetitliches aufzu­sexen und der kollektiven Faszination preiszugeben, haben wir Insta­gram erfunden. Dort zeigen sich Yogalehrerinnen in breitbeinigen Posen, die weissen Leggins geschmückt vom roten Stigma ihres Menstruationsbluts. Jesus hätte seine helle Freude gehabt.

Die Idee von «free bleeding» ist, während der Menstruation auf Hygieneartikel zu verzichten: keine Slipeinlagen, keine Tampons, keine Menstruationsbecher, nada. Wer mit seinem Körper im Reinen sei, der könne spüren, wann ein Blutschwall abgehe, und sich auf dem Klo versäubern. Und damit erst noch der Tampon­mafia mit ihren überrissenen Preisen ein Schnippchen schlagen.

Wieder ein Tabu zerdeppert

Wer denkt, das sei ein Witz, hat falsch gedacht. Schliesslich geht es um Emanzipation und da kann man nicht ernst genug sein. Schon berichten erste Frauen in extenso über ihre Freebleeder-Erfahrungen. Kiran Gandhi, Ex-Schlagzeugerin der Musikerin M.I.A., absolvierte den London Marathon 2015 frei menstruierend. In Zeitschriften wird über das befreiende Gefühl referiert, sich nicht mehr verschämt mit einem Tampon in der Hand auf die Toilette schleichen zu müssen. Frauen berichten begeistert: Sie hätten weniger Krämpfe und endlich müssten sie sich nicht mehr vor dem toxischen Schocksyndrom fürchten. Dessen Risiko liegt zwar etwa bei 1 zu 1 Million, aber man kann nie vorsichtig genug sein.

Ist es nicht eine Freude? Nicht, dass wir bluten, natürlich, wer blutet schon gern aus einer Körperöffnung, noch dazu aus einer so unzugänglichen? Nein, das Schöne ist, dass wieder ein Tabu ausgegraben wurde, das nun auf dem Altar der Freiheit zerdeppert werden kann. Sich für Körperfunktionen schämen? Kommt gar nicht infrage. Und deshalb wird gefreebleedet, was die Unterhose hält. Menstruation steht ja für so vieles, das uns in unserem Alltag kleinhält – auch wenn mir der tiefere Sinn dieser Behauptung gerade entfallen ist.

Aber wer braucht Sinn, wenn er einfach sein Frausein zelebrieren kann? Die Freebleeder richten sich an alle, die sich noch immer vor unserem Blut ekeln und Menstruation als etwas Schmutziges betrachten. Dabei stehe sie doch für Fruchtbarkeit und sollte gefeiert werden. Doch so sehr ich für Befreiung bin – ich werde nie Freebleederin werden, wenn zu seinen Blutungen zu stehen, bedeutet, in ihnen herumzusitzen. Auch was daran befreiend sein soll, während seiner Tage permanent in den Unterleib zu lauschen, erschliesst sich mir nicht. Da halte ich lieber eine Menstruationstasse hoch und rufe: Prost aufs Frausein! Es war nie besser als heute.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2017, 19:19 Uhr

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