Kein Mensch ist so selbstlos

Was bringt Menschen dazu, anderen zu helfen? Nicht alle sind so altruistisch, wie sie tun. Nicht mal Mutter Theresa.

80 Menschen taten sich zusammen, um eine Familie zu retten. Foto: Rosalind Beckton

80 Menschen taten sich zusammen, um eine Familie zu retten. Foto: Rosalind Beckton

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Die Bilder gingen um die Welt, die Fernsehstationen brachten Wackelfilme vom Ereignis, interviewten die Mutter, die Kinder, die Rettenden. Wer noch an das Gute in den Menschen glauben möchte und einen alltäglichen Beleg dafür sucht, dem wird die Menschenkette am Strand von Panama-City in Florida in Erinnerung bleiben. 80 Badende formten eine Menschenkette, um eine neunköpfige Familie zu retten, die von der Strömung abgetrieben worden war, verzweifelt um Hilfe rief und ohne den kollektiven Einsatz wohl ertrunken wäre. Sogar Nichtschwimmer gingen ins Wasser und reihten sich in die Kette.

Glaube an das Gute: Die Menschenkette von Panama-City. Video: Youtube

Die Aktion von Florida lässt sich als alltäglicher Ausdruck von Altruismus verstehen: eine Hilfe ohne die Erwartung einer Gegenleistung, also selbstlos. Diese Hilfe kann eine Geste sein: Ein Mann hilft einer gestürzten Frau beim Aufstehen, ein Kind teilt seinen Zmittag mit einem anderen, eine Frau hilft einem Blinden über die Strasse. Die Hilfe kann bis zur Gefährdung des eigenen Lebens reichen. Der junge Mann in New York, der sich schützend auf einen Epi­leptiker warf, der zwischen den U-Bahn-Schienen zuckte, während ein Zug in die Station eindonnerte. Der Arzt in Aleppo, der im Bombenhagel Zivilisten notoperierte. Die Opfer einer Flut, eines Erdbebens, die anderen aus den Trümmern halfen. Die Menschen in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und anderswo, die jüdische Flüchtlinge bei sich versteckten, manchmal während Jahren, obwohl ihnen selber die Ermordung drohte.

Altruismus kommt weit weniger vor als Egoismus, gerade weil man von Ersterem so viel weniger profitiert als von Letzterem.

Altruismus kommt weit weniger vor als Egoismus, gerade weil man von Ersterem so viel weniger profitiert als von Letzterem. Dennoch ist die Haltung verbreitet, sie lässt sich auch bei Tieren beobachten. Bei Insekten wie den Ameisen oder den Bienen, wo die Zusammenarbeit genetisch programmiert ist. Oder bei Schimpansen, die einander weit mehr helfen, als lange Zeit angenommen. Menschen seien anderen Tieren schon deshalb überlegen, argumentiert der israelische Historiker Yuval Harari, weil sie über die Fähigkeit verfügten, füreinander zu arbeiten.

Charles Darwin hatte am Altruismus keine Freude, weil dies seiner These vom Überleben des Bestangepassten und der natürlichen Auslese zu widersprechen schien. Wer sich für andere einsetzt, ohne dafür etwas zu bekommen, schwächt sich auf die Dauer, weil der Egoistische sich immer holen wird, was er braucht. Wieso hat der Altruismus überlebt, wenn der Egoismus so viel nützlicher ist?

Das egoistische Gen

Der britische Biologe William Hamilton hat ­Darwins Problem aufgegriffen und 1964 aus der Evolution heraus erklärt. Anderen zu helfen, argumentierte er, verstärke die Chance für das Überleben der eigenen Art. Altruismus möge sozial eine selbstlose Handlung sein, genetisch sei sie selbstbezogen. Hamiltons Kollege Richard Dawkins sprach darum vom «egoistischen Gen».

Um egoistische Motive altruistischer Hand­lungen zu erkennen, braucht man nicht die Evolution zu bemühen. Es genügt, sich die Mentalität bestimmter Helfertypen anzusehen. Die einen gehen immer wieder in Kriegsgebiete arbeiten, weil die Gefahr und das Grauen ihnen einen Kick geben, neben dem Büroarbeit und Familienleben langweilig wirken. Andere beziehen aus ihrer Hilfe eine moralische Überlegenheit, darum hat das christliche Mitgefühl immer etwas von einer Herablassung.

Um egoistische Motive altruistischer Hand­lungen zu erkennen, genügt es, sich die Mentalität bestimmter Helfertypen anzusehen.

Wieder andere geben sich unendlich hilfsbereit und selbstlos, aber das sieht nur aus grosser Ferne so aus. Das berühmteste Beispiel für diesen Widerspruch hiess Anjezë Gonxha Bojaxhiu, wurde als Mutter Teresa weltbekannt und 19 Jahre nach ihrem Tod von Papst Franziskus heiliggesprochen. Dabei hatte sie ihre Hilfe an Armen und Kranken in Indien immer von deren Bekehrung zum Christentum abhängig gemacht und mit ihren fanatischen Moralvorstellungen, zur Verhütung etwa oder zur Abtreibung, ihrerseits Elend verbreitet.

Altruismus ohne Egoismus kommt also seltener vor, als man denkt. Aber der Altruist hilft anderen, der Egoist nur sich selber.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2017, 23:47 Uhr

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