Lieber nackt als nicht im Gespräch

Juso-Frauen posieren oben ohne, männliche Jungpolitiker lassen auf Instagram ihre Muskeln spielen. Wird Politik nur noch von Selbstvermarktern gemacht?

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Die Schweiz diskutiert mal wieder über nackte Politikerhaut: Juso-Frauen warben Ende letzte Woche oben ohne für den Women’s March in Zürich. Tatsächlich strömten Tausende an die Kundgebung am Samstag. Doch diskutiert wird seither vor allem über Hasskommentare zum Foto – und über Sinn und Unsinn des Juso-Aktion.

Derweil «20 Minuten» eine Reihe männlicher Jungpolitiker porträtiert, die sich auf Instagram gern einmal in Badehose und mit nacktem Oberkörper zeigen. Der Jungfreisinnige Andri Silberschmidt präsentiert sich gern auf der Jacht oder am Pool. Er wolle halt «authentisch rüberkommen», sagt er dazu gegenüber der Zeitung. Adrian Spahr von der JSVP doppelt nach: «Dank meinen Bildern auf Instagram kann ich zu einer Art Marke werden.» Spahr machte in der Vergangenheit immer wieder von sich reden: Gern zeigt der Panzergrenadier seinen muskulösen Oberkörper, oder er posiert in Uniform und mit Waffen.

Wenn die Provokation verpufft

Nacktheit als Provokation – zumindest dieses Thema scheint ein alter Hut zu sein. Bereits vor zehn Jahren protestierten der Grüne Bastien Girod mit Parteikollegen gegen Leibesvisitationen der Zürcher Polizei. Ein paar Jahre später präsentierte der grüne Zürcher Kantonsrat Matthias Kestenholz seinen nackten Hintern auf einem Wahlplakat. Und die FDP-Frau Claudine Esseiva wiederum posierte 2011 oben ohne für mehr Frauen in Unternehmensleitungen.

Nur, sind solche Aktionen auch wirklich erfolgreich? Politikberater Mark Balsiger mahnt zur Vorsicht. «Die Provokation ist ein effektives Element der politischen Darstellung. Aber sie muss immer mit etwas Substanziellem verknüpft werden. Sonst verpufft sie so schnell wie ein Tropfen Wasser in der Wüste verdunstet.»

Muskeln vs. Politik

Dass die Nacktheit als Mittel zur Provokation in den vergangenen Jahren immer wieder auftauchte, erstaunt Balsiger jedoch nicht. Die schiere Masse an Informationen mache es in der heutigen Zeit für politische Akteure schwieriger, überhaupt noch wahrgenommen zu werden.

Und wie sieht es aus mit der Selbstvermarktung auf Instagram? Dass junge Politiker wie Andri Silberschmidt, Adrian Spahr oder auch SP-Mann David Stampfli moderne Medien wie Instagram für sich nutzen, ist nur logisch. Die sozialen Medien sind die Plattformen der Jungen. Doch baut man als Politiker eine Marke auf, wenn man sich in der Badehose präsentiert? Er plädiere für Natürlichkeit, sagt Mark Balsiger zu den Instagram-Accounts. Politiker sollen sich ruhig ab und zu von ihrer privaten Seite zeigen. Dennoch warnt der Politikberater und Kampagnenspezialist: «Wenn ein Politiker sich oft in anderen Bereichen inszeniert, verliert er an Glaubwürdigkeit.»

Muss sich das Schweizer Stimmvolk also auf eine künftige Generation von Narzissten-Politikern gefasst machen? Vielleicht. Vielleicht ist aber auch alles halb so wild. Immerhin gab es sie auch in der Politik schon immer, die Selbstdarsteller. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 17:02 Uhr

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