Meditieren statt Bestrafen

Eine Grundschule in Amerika ersetzt «Ströfzgi» mit Meditation. Die Resultate sind überwältigend. Was sagen Schweizer Experten dazu?

Einatmen, ausatmen, einatmen ... und der Ärger ist gegessen. Bild: Holistic Life Foundation

Einatmen, ausatmen, einatmen ... und der Ärger ist gegessen. Bild: Holistic Life Foundation

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Die Robert-W.-Coleman-Grundschule in Baltimore, Maryland, ist wohl die coolste Schule der USA. Ganz sicher aber: die tiefenentspannteste. Wer frech ist oder sich sonst wie danebenbenimmt, kriegt nämlich weder eine «Ströfzgi» aufgebrummt, noch muss er nachsitzen. Stattdessen gibts – Meditation.

Die gängige Methode, kleine Rabauken ruhigzustellen, sieht in den Staaten generell so aus, dass man sie nach dem Unterricht nachsitzen lässt. Oder, wenn das Vergehen gröberer Natur war, sogar eine Strafbeurlaubung ausspricht. In der Coleman-Grundschule gibts stattdessen den sogenannten «Mindful Moment Room» (was man mit «der Raum der achtsamen Momente» übersetzen könnte). Ein in freundlichen Farben gestrichenes, mit Kissen und Liegematten ausgestattetes Zimmer, in das sich die Kinder zurückziehen und wo sie sich beruhigen können.

Den Anstoss, ein solches Zimmer einzurichten, gab das Team der lokalen Non-Profit-Organisation Holistic Life Foundation. Diese bietet in Schulen auf verschiedene Altersstufen ausgerichtete Kurse unter dem Motto «Holistic Me» (ganzheitliches Ich) an, in denen Lehrpersonen und Schüler Meditation und Atemübungen vermittelt werden, die helfen, Stress im Schulalltag auf nonverbaler Ebene abzubauen. Mit sichtlichem Erfolg: Seit in der Coleman-Schule regelmässig meditiert wird, sind Konflikte zwischen Schülern merklich zurückgegangen; Beurlaubungen gabs überhaupt keine mehr.

Auch in der Schweiz möglich?

Margrit Meier von Meditation Schweiz wundert das kein bisschen. In Indien gehöre die Meditation vielerorts zum normalen Schulalltag: «Man lässt die Kinder jeweils morgens und nachmittags ein paar Minuten lang meditieren», sagt sie. Schon 7-Jährige seien in der Lage, sich entsprechend zu fokussieren; zudem seien Kinder intuitiv neugierig darauf, Zugang zu ihren natürlichen Ressourcen zu suchen. An der in Baltimore praktizierten Methode stört sie einzig der Einsatz von Meditation als «Ströfzgi»-Ersatz: «Meditieren sollte weder Strafe noch Belohnung sein, sondern vielmehr Teil der Alltagsroutine, wie etwas das Zähneputzen.»

Werden wir also auch in der Schweiz bald Primarschüler im Schneidersitz sehen? Elisabeth Hardegger, Abteilungsleiterin der Unterstufenausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, relativiert: «Letztlich geht es bei dieser Methode darum, ein unruhiges Kind für einen Augenblick aus dem für es stressigen Umfeld herauszulösen. Dieses Ziel wird nicht nur durch Atemübungen erreicht, sondern auch dadurch, dass sich ein Kind zum Beispiel in eine Bücherecke zurückziehen oder ruhige Musik hören kann.» Oder durch Bewegung: «Als ich selber auf der Unterstufe unterrichtete, habe ich ein unkonzentriertes Kind auch mal auf den Schulhof geschickt, damit es ein paar Runden um den Brunnen rennen konnte.»

«Mum, ich zeige dir, wie man atmet»

Das sei grundsätzlich richtig, meint Margrit Meier von Meditation Schweiz. Jedoch zielten all diese Handlungen – das Bücheranschauen, das Musikhören, das Austoben – darauf ab, einen negativen äusseren Reiz durch einen positiven zu ersetzen. Die Meditation hingegen verfolge einen «um 180 Grad entgegengesetzten Ansatz: Die in der Regel nach aussen gerichtete Energie wird, zum Beispiel durch eine bestimmte Atemtechnik, nach innen gelenkt. Durch die Meditation lerne man, Ruhe aus seinem Innern zu schöpfen.»

Damit spricht Meier einen wichtigen Punkt an. Denn tatsächlich scheinen die Schüler der Baltimorer Coleman School von dem, was sie in den Meditationsstunden gelernt haben, auch ausserhalb der Schule zu profitieren. In der August-Ausgabe des «Oprah Magazine» erzählte der Co-Gründer der Holistic Life Foundation, Andres Gonzalez, dass er regelmässig von Eltern auf die Nachwirkungen des Programa angesprochen werde: «Eine Mutter erzählte uns, sie sei kürzlich komplett entnervt heimgekommen, und ihre Tochter habe sie mit den Worten empfangen: ‹Hey, Mum, setz dich erst mal hin. Ich zeige dir, wie man richtig atmet.›» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2016, 13:22 Uhr

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