Mit grünen Dächern gegen die Hitze

Die Städte treiben die Dachbegrünungen voran. In Zürich sind 2 Millionen Quadratmeter grün.

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Der heisseste Sommer seit der Jahrhunderthitze von 2003 ist wohl definitiv zu Ende. Die Stadtbevölkerung spürte dieses Jahr einen Standortnachteil besonders stark am eigenen Leib: versiegelte Bodenflächen, Abwärme von Fahrzeugen, Häuser, die viele Sonnenstrahlen absorbieren – all dies schafft Wärme­inseln, die tagsüber die Erwärmung verstärken und nachts die Abkühlung mindern. Folglich sind in den Städten die Sommernächte durchschnittlich um vier bis fünf Grad wärmer als auf dem Land.

Städte auf der ganzen Welt überlegen sich deshalb, wie sie sich gegen die immer häufiger und stärker auftretenden Hitzewellen wappnen können. In Los Angeles etwa haben die Behörden angeordnet, bis 2017 zehntausend Dächer nachträglich zu begrünen. Chicago zwang Bauherren gesetzlich dazu, in wenigen Jahren über eine halbe Million Quadratmeter Dachfläche zu bepflanzen.

Grün ist nicht gleich grün

In Europa ist es meist etwas kühler als in den USA, zumindest in der Schweiz und in Deutschland. Gleichwohl ist hier die Dachbegrünung längst in den Bauvorschriften und Köpfen der Architekten verankert. Allerdings mangelt es an gesicherten Daten. Experten schätzen den Zuwachs an begrünten Dachflächen in Deutschland jährlich auf 8 Millionen Quadratmeter. Und in der Schweiz? «Gesamtzahlen zur Begrünungsquote der Dächer gibt es leider nicht», sagt Stephan Brenneisen, Leiter der Forschungsgruppe Dachbegrünung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Ein Überblick fehlt, weil die Gemeinden selbst regeln, wie Flachdachbauten zu begrünen sind. Der TA wollte wissen, welche Massnahmen die sechs grössten Deutschschweizer Städte Zürich, Basel, Bern, Winterthur, Luzern und St. Gallen bisher eingeleitet haben. Das Fazit: Es existieren überall Vorschriften, aber sie sind nicht gleich strikt und teils erst jüngeren Datums. Winterthur etwa hat erst 2011 Regeln ­geschaffen – 20 Jahre später als Zürich. Dafür besteht in Zürich gemäss Gesetz nur eine Begrünungspflicht, soweit dies «wirtschaftlich tragbar ist». Andere Städte sind strenger, so etwa Basel, dessen Baugesetz diktiert: «Ungenutzte Flachdächer sind mit einer Vegetationsschicht zu überdecken.» Bern wiederum lässt nur Ausnahmen zu, wenn die Flachdächer als Terrassen oder Oblichter genutzt werden. Und in Luzern müssen Hausbesitzer Flachdachteile erst ab einer Fläche von 25 Quadratmetern begrünen, in St. Gallen sogar erst ab 100. Andere Städte wie Zürich und Bern legen gesetzlich keine Mindestgrössen fest.

Mit der Begrünung allein ist es aber noch nicht getan. Je nach Art der Bepflanzung schwankt der hitzedämpfende Effekt. In der Regel setzen die Hausbesitzer auf trockenheitsliebende, im Unterhalt wenig aufwendige Pflanzen. Eine solche Vegetation kann mehrere Wochen ohne Regen auskommen, da sie ihre Verdunstung stark verringern oder gar einstellen kann. Doch just diese Verdunstungskühlung wäre nötig, um die Umgebungstemperatur zu drosseln, sagen Experten. «Wir haben in Basel festgestellt, dass sich nach ein bis zwei Tagen ein begrüntes Standarddach ähnlich wie ein Kiesdach verhält», sagt Eberhard Parlow, Professor für Meteorologie und Klimatologie an der Universität Basel.

Auch Basel vorbildlich

Die Städte wissen um die Problematik. In Zürich etwa existieren seit diesem April Vorschriften dazu, etwa zur Schichtstärke der Begrünung. Je grösser diese ist, desto mehr Biomasse gedeiht auf dem Dach und desto grösser wird der kühlende Effekt. Doch die Dächer sollen nach Ansicht der städtischen Behörden auch ökologisch einen wertvollen Lebensraum bieten. In Basel etwa bedeutet dies: trocken-warme Lebensräume fördern – mit trockenheitsliebenden Pflanzen. Daraus erwächst laut der zuständigen Basler Fachstelle eine «Vielzahl seltener und wertvoller Arten, die sich auf den Dächern ansiedeln».

Anders als für die Gesamtschweiz liegen für einzelne Städte Daten vor. In ­Basel hat die ZHAW das Ausmass der ­begrünten Dachflächen erhoben: «Dort sind aktuell ein Drittel der Flachdachflächen oder 2000 Dächer begrünt», sagt Brenneisen. Rund 15 Prozent der gesamten städtischen Oberfläche von 21 Quadratkilometern sind Flachdächer, womit etwa eine Million Quadratmeter bepflanzt sind. In Bern haben Experten Luftbilder ausgewertet. Sie schätzen, dass jedes dritte Flachdach ein Gründach ist. Auch Zürich hat Luftbilder aus dem Jahr 2011 studiert und kommt auf 1,95 Millionen Quadratmeter oder 40 Prozent der begrünbaren Dachflächen. Winterthur, Luzern und St. Gallen können keine Angaben machen.

Der Anteil der Grünflächen liesse sich markant erhöhen, wenn konsequent auch jene Flachdächer begrünt würden, die vor dem Inkrafttreten der Vorschriften erbaut wurden. Die Städte haben hierfür vorgesorgt: Wird ein älteres Gebäude wärmetechnisch saniert und zugleich das Dach erneuert, verlangen mit Ausnahme von St. Gallen alle befragten Städte eine nachträgliche Begrünung, sofern für die Arbeiten eine Baubewilligung nötig ist. Im Unterschied zu Deutschland subventionieren die Schweizer Städte die Begrünung nicht. Im Nachbarland liegen die Fördergelder für begrünte Dächer laut dem Leitfaden Dachbegrünung für Kommunen durchschnittlich bei 10 bis 20 Euro pro Quadratmeter.

So oder so: Unter Experten gilt die Begrünungspflicht für Flachdächer als Königsweg, um die Temperaturen in den Städten zu senken. Dies gelte besonders für die kleinräumige, stark wachsende Schweiz, die nicht einfach neue Park­anlagen schaffen oder Unmengen zusätzlicher Bäume pflanzen könne.


So begrünen die Städte die Dächer

Zürich:Vorschriften zur Begrünung von Flachdächern existieren seit 1991. Eine Pflicht besteht gemäss Gesetz jedoch nur, «soweit dies technisch und betrieblich möglich sowie wirtschaftlich tragbar ist». Eine Mindestgrösse sieht das Gesetz nicht vor. Rund 40?Prozent der Flachdächer sind begrünt. Seit Neuem verlangt die Stadt eine ökologisch wertvolle Begrünung, also einheimische Pflanzentypen. Hauseigentümer berät die Stadt kostenlos. Darüber hinaus erhalten sie indes keine finanzielle Unterstützung. (Foto: Keystone)

Basel: In Basel sind ungenutzte Flachdächer «mit einer Vegetationsschicht zu überdecken». Das Gesetz, seit 1999 in Kraft, formuliert keine Ausnahmen. Vorgaben zur Mindestgrösse existieren nicht. Gemäss Schätzungen der Basler Behörden sind mindestens 30 Prozent der Flachdächer begrünt. Jene Dächer, die vor 2000 erstellt wurden, sind in den meisten Fällen ohne Grün. Sobald eine Sanierung ansteht, greift jedoch die Pflicht. Staatsgelder gibt es für Begrünungen nicht. (Basile Bornand)

Bern: Hausbesitzer müssen Flachdächer begrünen, soweit sie nicht als Terrassen oder Oblichter genutzt werden. Diese Vorschrift besteht seit 2006 – einerlei, wie gross das Dach ist. Die Berner Behörden schätzen, dass mehr als 30?Prozent der Flachdächer begrünt sind. Für Dächer, die vor 2006 erstellt wurden, besteht eine nachträgliche Begrünungspflicht nur, wenn eine Sanierung ansteht und es dafür eine Baubewilligung braucht. Auch in Bern gibt es keine finanzielle Unterstützung für Hausbesitzer, die ihr Dach begrünen. (Keystone)

Luzern: Die Pflicht zur Bepflanzung greift ab einer Grösse von 25 Quadratmetern. Diese Regel gilt seit 2013 und stellt eine Verschärfung zur alten Gesetzgebung aus dem Jahr 1994 dar, die Begrünungen nur «in der Regel» vorsah. Gleich wie in Winterthur und St. Gallen wissen die Behörden in Luzern nicht, wie viele Flachdächer begrünt sind. Sind auf einem Dach Solaranlagen geplant, legt der Stadtrat fest, wie gross der Anteil der Begrünung und der Solarpanels sein soll. (PD)

Winterthur: Seit 2011 müssen nicht genutzte Flachdächer «in der Regel» begrünt werden. Das Gesetz lässt also Ausnahmen zu. Qualitative ökologische Vorgaben macht die Stadt nicht. Auch punkto Mindestgrössen der Flachdächer existieren keine Vorschriften. Vor 2011 erstellte Dächer müssen die Hauseigentümer nicht begrünen. Es sei denn, es wird eine Sanierung nötig, die ein Baugesuch nach sich zieht. Staatsgelder für Begrünungen gibt es nicht. (Keystone)

St. Gallen: Eine Begrünungspflicht besteht nur für Flachdächer mit mehr als 100 Quadratmeter Fläche. So sieht es die Bauordnung seit 2006 vor. Die Behörden verzichten darauf, Vorgaben zur ökologischen Qualität der Begrünung zu machen. Geld für Hausbesitzer sprechen sie nicht. Die Behörden können im Rahmen einer Sanierung eine Bepflanzung nicht erzwingen. Aber sie versuchen im Gespräch mit dem Hausbesitzer, auf eine nachträgliche Begrünung hinzuwirken. (Keystone) (sth) (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.09.2015, 00:04 Uhr)

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