Offener Brief an Herrn Jesus

Das Berufsrisiko von Wanderpredigern sind ihre Anhänger. Eine Notiz unter Kollegen.

Man hätte alle Ereignisse nüchtern und präzis festhalten müssen: Jesus-Darsteller an einem Kreuz über La Paz, Bolivien. Foto: Juan Karita (AP)

Man hätte alle Ereignisse nüchtern und präzis festhalten müssen: Jesus-Darsteller an einem Kreuz über La Paz, Bolivien. Foto: Juan Karita (AP)

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Sehr geehrter Herr Kollege! In meiner Eigenschaft als jüdischer Wanderprediger, der im Gegensatz zu Ihnen auch zu Nichtjuden spricht, sehe ich mich gezwungen, Sie über einige Vorkommnisse in Kenntnis zu setzen, mit denen Sie sich ver­mutlich nicht einverstanden erklären können.

Kurz nach Ihrem Tod haben Ihre Anhänger eine neue Religion begründet. Sie versammelt eine Reihe von grotesken Legenden um Ihre Person, die meines Erachtens den Tatbestand der Ehrverletzung erfüllen. So wird Ihnen nach­gesagt, Sie seien das Kind einer Jungfrau (!), während die Vaterschaft in Zweifel gezogen wird und Sie als aussereheliches Kind eines gewissen Herrn Panthera bezeichnet werden. Ausserdem sollen Sie Ihrem eigenen Grab entstiegen sein (!).

Es ist bedauerlich, dass Sie keine eigenen Schriften verfasst und Ihre Biografie damit einer derart abenteuerlichen Interpretation überlassen haben. Sie wissen doch, wie die Leute sind. Was hätte es Sie gekostet, Ihre Botschaft und einige persönliche Erinnerungen auf einem Stück Pergament festzuhalten?

Sie wissen doch, wie die Leute sind.

Stattdessen sind nun Millionen von Büchern in Umlauf, in denen beispielsweise steht, dass es Juden wie Sie und ich gewesen sein sollen, die gefordert hätten, Sie ans Kreuz zu nageln, und skandiert hätten: «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!», nachdem der römische Statthalter Pilatus vor den Augen der Menge theatralisch seine Hände mit Wasser gewaschen und dazu verkündet haben soll, an Ihrem bevorstehenden Tod unschuldig zu sein. Um diesen daraufhin anzuordnen.

Nun sind die Juden ja in der Tat zu einigem Unsinn fähig. Davon könnten Sie sich jederzeit überzeugen, würden Sie sich noch in Israel aufhalten, wo man Ihrem Wunsch, alle Völker von der Gewaltbereitschaft zu befreien, leider noch nicht vollständig entsprechen konnte. Der sogenannte Blutfluch aber, den die Jerusalemer Juden über sich und damit über uns alle gesprochen haben sollen, scheint mir doch etwas abwegig.

Dennoch leiten die Christen aus diesem und anderen Texten, die sie bezeichnenderweise selbst verfasst haben, eine genetische Verderbtheit unseres Volkes ab. Der deutsche Journalist Wilhelm Marr beispielsweise schrieb 1879, «der Jude» sei «identisch mit der Geldmacht», und die «orientalischen Fremdlinge» seien nicht einmal durch die christliche Taufe von ihrer moralischen Minderwertigkeit abzubringen.

Das ist alles sehr unerfreulich und hätte vermutlich vermieden werden können, wenn Sie, wie gesagt, sich um eine eigene Dokumentation bemüht oder ein paar Soferim hätten dafür gewinnen können, das Abschreiben von Thora­rollen kurzzeitig zu unterbrechen, Sie auf Ihren Reisen zu begleiten und alle Ereignisse nüchtern und präzis festzuhalten. Dann wären auch Ihre obskuren Familienverhältnisse geklärt, und der Mensch würde Ihren guten Namen nicht länger dazu missbrauchen, von den eigenen Unzulänglich­keiten abzulenken. Und von diesen gibt es viele.

Kommen Sie zurück!

Nicht nur zum Zwecke der historischen Berichtigung möchte ich Sie auffordern, Ihre viel zitierte Rückkehr zur Erde anzugehen, sondern auch, damit Sie Ihr Wirken wieder aufnehmen und Heilung über die Welt bringen. Sie befindet sich nämlich in einem beklagenswerten Zustand. Der Mensch ist von Habgier zerfressen und hat ein versteinertes Herz, er rodet die Wälder, füllt die leer gefischten Meere mit Plastikmüll, spaziert bei Rot über die Strasse, kauft überdies seine Anzüge zwei Nummern zu gross und mordet jede Woche eine Milliarde Tiere.

Angesichts solcher Missstände ist mit Ihrer Ankunft wohl jederzeit zu rechnen. So steht es geschrieben! Aber eben nicht von Ihnen, sondern von anderen. Von Bewunderern, denen keine Übertreibung zu wild war. Menschgewordener Sohn Gottes! Starb für unsere Sünden! Was für eine Schmonze!

Wer weiss, ob Ihnen der anhaltende Erfolg tatsächlich gerecht wird. Vielleicht waren Sie einfach furchtbar charmant und eloquent und haben den armen Ungebildeten in Jericho, Ephraim, Sychar und Tyrus aus reiner Gefallsucht das Blaue vom Himmel heruntergeschwatzt, ohne je eines Ihrer Versprechen einzulösen. Einfach so wird man ja nicht Prediger, wie wir beide wissen.

Sollte dies der Fall sein, zolle ich Ihnen zwar meinen Neid und meinen Respekt, teile Ihnen aber mit, dass Sie sich nicht um eine Rückkehr zu bemühen brauchen. Aufwiegler haben wir derzeit genug.

Thomas Meyer ist freier Autor in Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2016, 20:57 Uhr

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