Rauchverbote machen zufriedener

Glücksforschung analysiert Tabakprävention aus umfassender Perspektive.

Wie kommen die Menschen vom Rauchen weg? Foto: Keystone

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Was bringen Regulierungen des Tabakkonsums? Massnahmen der Tabakprävention werden häufig anhand der Auswirkungen auf das Rauchverhalten beurteilt. Das Credo lautet: je tiefer der Anteil Raucher in der Bevölkerung, desto besser. Die Vorstellung ist, dass es uns im Durchschnitt besser gehen würde, wenn alle zum Aufhören veranlasst werden könnten. Als Vertreter der ökonomischen Glücksforschung steht für uns ein anderer Aspekt im Vordergrund: Wir untersuchen die Lebenszufriedenheit von Rauchern, Ex-Rauchern und Nichtrauchern.

Von den Anti-Tabak-Massnahmen profitieren auf den ersten Blick vor allem Nichtraucher. Sie werden vor Passivrauch geschützt. Hingegen werden Raucher durch Einschränkungen des Rauchens vordergründig schlechtergestellt – allerdings nur, wenn sie bisher die für sie optimale Menge geraucht haben. Rauchverhalten hat aber viel mit Sucht und beschränkter Willenskraft zu tun. Die Leute rauchen häufig mehr als sie planen und für sich als wünschenswert erachten. Unter dieser Bedingung können Einschränkungen den Rauchern Nutzen stiften, indem sie helfen, den eigenen Konsum zu kontrollieren und auf das langfristig gewünschte Niveau zu bringen.

Für das Verlangen sind vor allem sogenannte Auslösereize wichtig. Raucht beispielsweise jemand neben uns in der Bar, so löst dies bei einem Raucher oder Ex-Raucher ein impulsives Verlangen aus, ebenfalls zu rauchen. Aus dieser Perspektive sollten staatliche Regulierungen hauptsächlich Situationen reduzieren, die Verlangen nach Zigaretten auslösen. Dies wird durch Rauchverbote viel direkter erreicht als durch Preisveränderungen.

Studie bei 630'000 Personen

Wir haben in einem unserer jüngsten Forschungsprojekte die Effekte von Rauchverboten und höheren Zigarettenpreisen auf die Lebenszufriedenheit von knapp 630'000 Personen aus insgesamt 40 europäischen Ländern und Regionen zwischen 1990 und 2011 untersucht.

Die Resultate zeigen uns nun, dass höhere Zigarettenpreise die Zufriedenheit der Raucher zumindest kurzfristig senken. Der negative Effekt für eine Preiserhöhung um 50 Prozent ist substanziell. Er entspricht beispielsweise etwa einem Drittel der Zufriedenheitsdifferenz zwischen einer beschäftigten und einer arbeits­losen Person.

Im Gegensatz dazu steigt bei der Einführung umfassender Rauchverbote die Lebenszufriedenheit jener Personen, die gerne mit dem Rauchen aufhören möchten. Der Effekt auf die Zufriedenheit ist ähnlich gross wie für die 50-prozentige Preiserhöhung, hier aber positiv.

Grenzen monetärer Anreize

Unsere Überlegungen legen den Fokus für Präventionsbemühungen auf gesellschaftliche Regeln im Umgang mit dem Rauchen. Neben Stress ist ein übergrosses Verlangen der wichtigste Grund, weshalb Leute wieder mit Rauchen beginnen. Das verspürte Verlangen hängt dabei unter anderem von den Versuchungen und Auslösereizen in der Umgebung ab. Rauchverbote setzen genau dort an, indem sie zumindest in gewissen Umgebungen – am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum – diese Auslösereize, die durch das Rauchen anderer hervorgerufen werden, reduzieren. Dies scheint Rauchern, die aufhören möchten, zu helfen. Sie müssen weniger Willenskraft aufbringen, um dem Verlangen zu widerstehen.

Monetäre Anreize, also höhere Zigarettensteuern oder Belohnungen für Abstinenz, haben als Kontrollhilfen hingegen ihre Grenzen. Im Zustand des Verlangens reagieren süchtige Raucher nur sehr beschränkt auf Preisanreize.

Bisher wurde in Zusammenhang mit dem Rauchen stark der soziale Druck betont. Dies ist nach wie vor eine starke Kraft, die das Rauchverhalten von Jugendlichen beeinflusst. Bei erwachsenen Rauchern dürfte hingegen weit wichtiger sein, ob andere in ihrer unmittelbaren Umgebung rauchen. Wenn Rauchverbote nun Auslösereize reduzieren, dann helfen sie Rauchern, autonomere Entscheidungen zu treffen. In einem nächsten Schritt wäre es interessant, aus dieser Warte die Rolle der Tabakwerbung besser zu verstehen.

* Alois Stutzer ist Professor für Politische Ökonomie an der Universität Basel. Reto Odermatt ist Postdoc am Center for Research in Economics and Well-Being (CREW). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2016, 22:51 Uhr

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