Leben

Ärztin und Computerexperte, die Hits an jeder Party

Von Peter Niklaus Trösch. Aktualisiert am 06.01.2009

Manche Experten haben Wissen, von dem jeder Freund und Bekannte profitieren möchte. Interessant: Nicht jeder hat etwas dagegen, an Partys ausgequetscht zu werden.

«Experten» werden von Bekannten oft bis an den Rand der Ausbeutung befragt.

«Experten» werden von Bekannten oft bis an den Rand der Ausbeutung befragt. (Bild: Keystone)

Martina Haag hat wirklich etwas dagegen: «Manchmal ist es wie verhext – plötzlich stürmt eine Frau auf mich ein und fängt an, über ihre Gebärmutter zu reden.» Haag ist Gynäkologin, und das ist der Grund, weshalb sie an einem Anlass gelegentlich Zielscheibe erregter Geschlechtsgenossinnen wird. «Es gibt Frauen, die mich, kaum haben sie vernommen, welchen Beruf ich habe, festzunageln versuchen. Eine Frau hat mich sogar von einer Abendgesellschaft vertrieben. Sie zog mich ins Gespräch, begann dann von diffusem Juckreiz und sexueller Unzulänglichkeit zu reden und legte den Fokus schliesslich auf den Unterleib, von dem ich nach einer Viertelstunde schlicht alles wusste.» Die Frau drängte Haag dabei sukzessive in eine Ecke des Raums, damit nicht alle alles mitbekamen. Die Drangsalierte sah ihre letzte Chance schliesslich in der Flucht.

Falsche Experten dank Internet

Die Gynäkologin ist kein Mensch, der sich abschottet und sich weigert, an einer Party einer netten Bekannten eine kleine Fachauskunft gratis zu geben. Was sie aber ärgert: «Viele Leute wollen nur reden, sie möchten gar nicht genau hören, was sie allenfalls an ihrer Lebensweise ändern sollten, um einer Krankheit zu entgehen», sagt sie und meint damit auch einen kleinen Teil ihrer Patientinnen.

Ihr ist ein interessanter Aspekt aufgefallen: Die Menschen sehen sich zunehmend als kleine Experten, seit sie am Internet herumgoogeln können. Kürzlich sagte eine Klientin zu Haag: «Ich habe recherchiert; es ist alles anders, als Sie es mir bei meinem letzten Besuch gesagt haben!» Dabei ist das Internet, so Haag, so ungefähr der letzte Ort, an dem man sich über Krankheiten informieren sollte. «Zu viele widersprüchliche Informationen!» Ist es vielleicht schon so weit, dass die durch Google Informierten den Kontakt mit einem Arzt für ein Gespräch unter Fachleuten halten?

Leider kommen keine schönen Frauen

Dass Experten «drankommen», wenn sie Menschen in informellem Rahmen treffen, geht aber nicht allen so an den Nerv wie der Gynäkologin.

Um schlagende Beispiele von wissensmässig ausgesogenen Experten zu finden, muss ein Journalist meist nicht weit gehen. In meinem Fall sitzt der Nächste vor meiner Nase: Computerexperte Matthias Schüssler, der den Tagi-«Kummerbox»-Lesern und den Käufern seiner Bücher unaufhörlich die dunklen Seiten der Computer erklärt. Wenn er sich mit Bekannten und weniger Bekannten zu einem gemütlichen Abend trifft, steht er schnell im Mittelpunkt. Leider sind es weniger die jeweils schönsten Frauen, die ihn gleich kapern, sondern Männer, die an schweren Problemen mit ihren Computern leiden.

Das stört ihn nicht: «Ich befasse mich gern mit Computerproblemen», und fügt gleich bei, das habe «nichts mit einem Helferkomplex zu tun». Vielmehr finde er einfach gern heraus, «warum der Internet-Explorer von Frau A. abstürzt, der Bildschirm von Herrn B. alles in Fehlfarben zeigt und der Cursor von Herrn C. über den Bildschirm rast wie ein BSE-Rind über die Weide». Wie er gerne Sudokus ausfülle, so mache es ihm auch Spass, Probleme zu lösen, ja er sei direkt unfähig, eines ungelöst zu lassen. Und er will «Windows mit seinen Abstürzen und Macken den Meister zeigen».

So lässt sich der ruhige Kollege mit seinem Problemlösungskomplex von Bekannten oder Verwandten sogar zu Unzeiten mit Fragen bombardieren. «Aber wenn ich am Sonntagnachmittag, in der Wanne liegend, bei der Lektüre gestört werde, weil der Tagi-Korrespondent auf der anderen Seite des Globus eben einen massiven Datenverlust erlebt hat, wünsche ich mein Talent zum Computerflüstern auf den Mond.»

Auch Ruth Eigenmann, frühere Juristin bei der Rubrik «Sozial&Sicher», wird von Freunden und Bekannten oft bis an den Rand der Ausbeutung abgefragt. Ob sie eine Minute Zeit habe, so beginnen solche Gespräche. «Dann folgt die Erklärung, es sei eben privat, ich könne ruhig Nein sagen, und schon sind sie mittendrin, überhäufen mich in kürzester Zeit mit wahnsinnig vielen Dokumenten.»

Negatives kommt schlecht an

Oft kann sie sich nur abgrenzen, indem sie nicht reagiert. Bei schriftlich geäusserten Ansinnen funktioniert dies recht gut. «Kürzlich stellte eine Bekannte, von der ich jahrelang nichts mehr gehört hatte, in einem langen Mail eine höchst komplexe juristische Frage. Da habe ich nicht mal geantwortet. Zumindest hätte sie vorher anrufen können. Irgendwo gehts zu weit.» Schwierig wird es auch, wenn Eigenmann etwas sagt, was die Leute partout nicht hören wollen, «bei Trennungen etwa, wenn ich meine, sie sollten sich doch nochmals zusammensetzen – das kommt meist schlecht an».

Eigenmanns Hauptproblem: Kaum hat sie jemandem ein wenig geholfen, kommt er wieder. Ein Kreislauf ohne Ende. Man bot ihr auch schon Bezahlung an – wie auch ein guter Freund ihres Mannes bezahlt wird, wenn er die Computer des Paares in die Kur nimmt. Aber selber privat entlöhnt zu werden, ist ihr unangenehm. Trotz allem Unbill, den das Fachwissen so mit sich bringt, freut sie sich auch über die Anfragen: «Sie machen Arbeit, aber sie sind auch ein Vertrauensbeweis, und das ist doch schön.»

Friede, Freude, Eierkuchen – sogar der Psychoanalytiker und Nationalsatiriker Peter Schneider findet zum Thema unfreiwillige Expertentätigkeit keinen scharfen Ton. Auch er erlebt Anfrageattacken. Aber weniger von Freunden, die zu ihren Problemen einen psychoanalytischen Rat erwarten: «Was sollten die auch von mir hören wollen? Ein Analytiker verfügt ja – anders als etwa ein Jurist' nicht über ein verbindliches Wissen darüber, was in einem bestimmten Fall zu tun ist.»

Viel öfter piesacken ihn Journalisten. Sie fragten ihn, sagt Schneider, nach Statements und Interviews zu allen möglichen und unmöglichen Dingen, zu denen er dann «psychoanalytisch» Stellung nehmen solle. Meist bleibe er höflich. «Aber manche Anfragen sind derart unbedarft, dass es einem schier die Fussnägel kräuselt», es gehe einfach darum, gratis Zeitungsspalten zu füllen oder «mit dem Zitat eines Experten eine krude Beweisführung aufzupeppen».

Psychoanalytiker als Garnitur

Unwohl wird ihm definitiv, wenn Journis mit ihm ein schriftlich zu führendes, über mehrere Seiten reichendes Interview für ein Kundenmagazin machen wollen, aber «die Vorstellung, dafür ein Honorar bezahlen zu müssen, als unsittliche Zumutung zurückweisen». Dann müsse er sich gleichzeitig über seine Kleinlichkeit und die Unverfrorenheit der anderen ärgern, und das ergebe ein ungemütliches Gefühl von «paranoid gestimmter Miesepetrigkeit».

Doch Schneider gibt im grossen Ganzen gern Auskünfte: «Wer etwas von mir wissen, das ich weiss, der wird geholfen (um es mit Verona Feldbusch zu formulieren).» Er sehe eine solche Grosszügigkeit «angesichts der vielen Stunden, die andere Menschen damit verbracht haben, mir bei Computer- und bibliografischen Sorgen weiterzuhelfen, geradezu als moralische Pflicht an». Es sei eben nicht so, dass immer «die anderen die bösen Zeitdiebe sind, während man selber auf nichts und niemanden angewiesen ist. Sich gegenseitig Hilfe und Rat zu geben, gehört doch zur Definition von Freundschaft.»

Falls nun der Eindruck entsteht, nur Analytiker und Juristen besässen Fähigkeiten mit Tausch- oder Handelswert, ist er falsch. Zwar werden Partys zumeist nach wie vor tunlichst sortenrein abgehalten: Akademiker smalltalkt mit Akademiker, Gölä-Typ trifft Gölä-Typ. Aber auch Handwerker haben recht viel zu bieten. Etwas zeitversetzt, meist nicht am Partyabend. Wenns ums Zügeln oder Ikeamöbel-Aufstellen geht, sind Psychoanalytiker zum Beispiel selten zu gebrauchen. Dann muss ein Kerl her.

Mitarbeit: Katrin Hafner.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2009, 06:10 Uhr

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