So sind wir halt

Wir wohnen allein, mögen keine Erbsen, ärgern uns über die lärmigen Nachbarn. Das und vieles mehr verrät das «Statistische Jahrbuch der Schweiz 2017».

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Das «Statistische Jahrbuch der Schweiz» erschien erstmals 1892, als der schweizerische Bundesstaat noch kein halbes Jahrhundert alt war. Es formulierte sich damals als Zweck, «uns ein treues Bild, gleichsam eine Art Spiegel unseres öffentlichen Lebens» zu präsentieren.

Das gilt bis heute – und damit auch für die eben erschienene Ausgabe 2017. Das neue Jahrbuch, dieser vom Bundesamt für Statistik herausgegebene Klotz, zeigt – wie seine Vorgänger – mit Zahlen das Leben der Schweizer und den Charakter ihres Landes. Getreu der Formulierung von einst wird uns der Spiegel vorgehalten. Wobei es allerdings eine kleine Zeitverzögerung gibt: Die meisten Zahlen datieren von 2015 oder 2014.

Trocken ist das nicht. Das Jahrbuch erzählt Geschichten in Hülle und Fülle, manche sind nach Art der Prosameister bloss skizziert, sodass die Fantasie arbeiten darf. Einige Geschichten gibt es auf dieser Seite, grob geordnet nach Lebensbereichen.

Frühe Jahre

Mädchen, du lebst länger
Ein neugeborenes Mädchen hatte in der Schweiz im Jahr 2015 eine Lebenserwartung von 84,9 Jahren. Ein Bub mit demselben Geburtsjahr kommt bloss auf 80,7 Jahre.

Das Baby kam zu früh
Auf 1000 Lebendgeborene entfielen 2015 3,9 Todesfälle von Säuglingen im ersten Jahr. Häufigste Ursachen waren: sehr tiefes Geburtsgewicht oder zu frühe Geburt, was natürlich zusammenhängt. Mittleres Geburtsgewicht eines Neugeborenen: 3289 Gramm. 2,3 Prozent der Säuglinge wogen bei der Geburt aber weniger als zwei Kilo.

Vorsicht, Teenie am Steuer
980 Strafurteile gegen Minderjährige wegen Fahrens ohne Führerausweis setzte es 2015. In 872 Fällen mogelten sich Buben ans Steuer, in nur 108 Fällen Mädchen. In 148 der 980 Fälle handelte es sich um Jugendliche unter 15 Jahren.

Bei der Arbeit

Vater ist im Berg . . .
Die grossen Berufsgruppen des Landes kennen wir alle. Aber die kleinen? Letztes Jahr arbeiteten rund 4800 Menschen vollzeitlich oder teilzeitlich im Bergbau und in der Gewinnung von Steinen und Erden. Man könnte sie «Tiefschürfer» nennen.

. . . Hubers geben ihren Hof auf . . .
1990 gab es in der Schweiz 92'815 Landwirtschaftsbetriebe. 2015 waren es noch 53'232.

. . . Frau Müller macht den Doktor . . .
2015 holten sich 3854 Leute zum Bildungsabschluss ein Doktorat. 44,8 Prozent davon waren Frauen.

. . . und Herr Zeller ist pleite
2015 wurden 14'544 Konkursverfahren eröffnet. 1980 waren es bloss 3080 Verfahren gewesen.

Chicken Country
Von welchem Nutztier gab es 2015 am meisten? Vom Nutzhuhn, 10'752'686 Stück sind registriert, weit mehr, als es Menschen im Land hat. Vergleichszahl: 1495'737 Schweine. Apropos: Wann haben Sie letztmals ein lebendes Schwein gesehen?

Freizeit und Ferien

Surfen, was das Zeug hält
84,4 Prozent aller Leute über 14 Jahre waren zwischen Oktober 2015 und März 2016 Internetnutzer im engeren Sinn. Das heisst, dass sie mehrmals pro Woche surften.

Wieso nicht mal ein Schweizer Film?
2015 verzeichneten die Schweizer Kinos 14'407'400 Eintritte. Immerhin 779'500 der Eintritte entfielen auf Schweizer Filme.

Mamma mia, dieser Regen
Okay, das mag nicht überraschen: 2015 bot Locarno von den erfassten Schweizer Städten am meisten Sonnenstunden, 2382 waren es. In welcher Stadt aber gab es im selben Jahr die grössten Regenmengen? Ebenfalls in Locarno.

Monsterbibliothek
Die grösste Bibliothek der Schweiz punkto Angebot war 2015 die der ETH Zürich mit 9'051'990 einzelnen Dingen (Buch, Zeitschrift, Tonaufnahme, Karte, Datenträger et cetera). Auf Platz fünf liegt die Zentralbibliothek Zürich: 6'361'226 Dinge.

Kulteuer
238 Franken im Monat gab ein Schweizer Privathaushalt 2013 für Kultur aus. Circa ein Viertel, 60 Franken, entfiel auf Kino, TV, Video, Radio. Für Zeitungen und Zeitschriften flossen 31 Franken.

Ins Ballett? Ich weiss nicht
72,2 Prozent der Leute besuchten gemäss Befragungen 2014 in den vorangegangenen 12 Monaten ein Museum, eine Ausstellung oder eine Galerie. Ballett und Tanz brachten es bloss auf 26 Prozent.

Du bist so schön leer
72,2 Prozent der Leute besuchten gemäss Befragungen 2014 in den vorangegangenen 12 Monaten ein Museum, eine Ausstellung oder eine Galerie. Ballett und Tanz brachten es bloss auf 26 Prozent.

Im Tessin flimmert es
Fernsehnutzung pro Tag im Jahr 2015: Deutschschweiz 124 Minuten. Romandie 144 Minuten. Italienische Schweiz 172 Minuten. Das Tessin ist der Flimmerkanton.

Kommst du am Wochenende mit aufs Boot?
20'389 Millionen Personenkilometer legten 2015 die hiesigen Eisenbahnen hin. 6743 Eisenbahn-Personenwagen standen dabei zur Verfügung; bei fest verbundenen Kompositionen, Triebzügen zum Beispiel, wurde jedes Glied der Komposition einzeln gezählt. Apropos Verkehr: 2015 waren in der Schweiz 98 308 Motor-, Segel- und Ruderboote vorhanden. Böötle: ein Volkssport.

Aus dem Alltag

Sorry, Kevin, mir reicht es
2015 wurden 16'960 Scheidungen registriert. 36 davon passierten nach weniger als einem Jahr Ehe – Fehlstart!

Wo ein Mann ist, ist auch ein Gips
Zieht man für 2015 Betriebsunfälle und Nichtbetriebsunfälle zusammen, sieht man: Männer verunfallten rund 515'000-mal. Frauen rund 278'000-mal. Männer sind das Schadensfallgeschlecht.

Schlotterheim
2015 gab es in der Schweiz insgesamt 4'351'846 Wohnungen. Die meisten wurden mit Heizöl beheizt: 2 256 272 Wohnungen. Erstaunlich: Immerhin 307'065 Wohnungen wurden mit Holz beheizt. Und zum Frösteln ist dies: 4715 Wohnungen hatten gar keine Heizung.

Wir sind öko
2015 wurden von der gesamten Schweizer Landwirtschaftsfläche 13 Prozent biologisch bewirtschaftet. Zum Vergleich: Deutschland 6,3 Prozent, Frankreich 4,7 Prozent.

Linsen? Bäh!
Nahrungsmittelverbrauch pro Person 2014: Bei den pflanzlichen Nahrungsmitteln sind die Früchte Sieger mit 114,9 Kilo pro Person. Sehr unbeliebt im Vergleich sind Hülsenfrüchte wie Linsen, Bohnen, Erbsen: 1 Kilo pro Person. An Fleisch wiederum ass eine Person im Jahr 2014 im Schnitt 50,7 Kilo. Sieger bei den tierischen Nahrungsmitteln sind aber Milch und Milchprodukte: 248,5 Kilo pro Jahr.

Totalverstädtert
84,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung wohnten 2015 in Räumen mit städtischem Charakter. Davon wohnte rund die Hälfte in einer der fünf Gross­agglos: Zürich, Genf, Basel, Bern, Lausanne.

Allein als Lebensstil
35,1 Prozent der Schweizer Privathaushalte waren 2014 Einpersonenhaushalte – Singleland Schweiz.

Die Romandes treiben häufiger ab
Schlüsselt man die Schwangerschaftsabbrüche 2015 pro 1000 Frauen im gebärfähigen Alter nach Region auf, stellt man fest: Im Raum Genfersee sind es am meisten Abbrüche, 9,5. Im Kanton Genf, der mit der Waadt und dem Wallis zu diesem Raum zählt, sind es gar 12,1. Am wenigsten Abbrüche gibt es in der Zentralschweiz, 3,6 auf 1000 Frauen.

Wurden Sie auch schon entführt? Verzeichnete Freiheitsberaubungen und Entführungen gemäss Artikel 183 des Strafgesetzbuches im Jahr 2015: 315.

Das kann ich mir leider nicht leisten
21,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung sahen sich 2014 nicht in der Lage, unerwartete Ausgaben von 2500 Franken zu tätigen. 9,9 Prozent konnten sich eine Woche Ferien im Jahr weg von zu Hause nicht leisten.

Gehts ein bisschen leiser?
17,8 Prozent der Bevölkerung klagten 2014 über Lärmbelästigungen durch Nachbarn oder von der Strasse. 11,3 Prozent litten unter Feuchtigkeitsproblemen beim Wohnen.

Krank, Krise, Aus

Mein Onkel ist Arzt in Basel
Ärzte mit Praxistätigkeit, auf 100'000 Einwohner umgerechnet: 423 Ärzte waren es 2015 im Kanton Basel-Stadt und nur 86 im Kanton Uri.

Die Deutschen betten sich besser
Per Ende 2014 kamen in der Schweiz auf 100'000 Einwohner 458 Spitalbetten. In Deutschland waren es 823 Betten, in Irland 260.

.Gleich gibts Apéro . .
28,2 Prozent der hiesigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren waren gemäss den Zahlen von 2012 Raucher. 11,7 Prozent der Leute trinken mehrmals pro Woche Alkohol. 2,6 Prozent trinken gar zweimal oder mehr pro Tag Alkohol. Am anderen Ende der Süchtelerskala stehen die, die gar nicht trinken: 16,8 Prozent der Leute enthalten sich völlig.

. . . aber nicht übertreiben, bitte
Männer starben 2014 insbesondere an Kreislaufsystem-Erkrankungen von Herz über Hirngefässe bis Lunge: 9483 Todesfälle. Es folgen als Todesursache bösartige Tumoren: 9297; die Lunge war dabei am meisten betroffen. Eher wenige Männer starben an alkoholischen Leberzirrhosen (324) oder durch Suizid (754). Bei den Frauen sind die beiden Haupt­todesursachen dieselben, wobei bei den Tumoren solche der Brust am häufigsten waren. Leberzirrhosen (123) und Suizide (274) gab es bei den Frauen viel weniger als bei den Männern. Frauen scheinen vernünftiger und stabiler zu leben.

Adieu, Welt
Apropos Selbsttötungen: Die Zahl sinkt kontinuierlich. 1980 kamen auf 100'000 Einwohner 24,9 Selbsttötungen. 2015 waren es noch 10,5 Fälle.

Statistisches Jahrbuch der Schweiz 2017. NZZ Libro, 624 Seiten, 120 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2017, 17:59 Uhr

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