Veganer haben Humor – der Beweis

Wie eine lustige Bürgerin aus Limburg den Hass ihrer Heimatstadt auf sich zog und es bis in die «New York Times» schaffte.

Das Rathaus in Limburg: Auslöser einer Zornwelle auf eine Veganerin war dessen Glockenspiel.

Das Rathaus in Limburg: Auslöser einer Zornwelle auf eine Veganerin war dessen Glockenspiel. Bild: Keystone

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Was Glocken alles anrichten können: Eine Bürgerin aus Limburg, eine Stadt zwischen Frankfurt am Main und Bonn, störte sich am Glockenspiel des Rathauses. Immer zur Mittagspause musste sie es sich aus der Nähe anhören. Dabei ging es ihr weniger um die Melodie des Kinderlieds «Fuchs, du hast die Gans gestohlen».

Ihr missfiel vielmehr der Text, genau genommen eine Zeile, die sie als fuchsfeindlich taxierte. Der Fuchs solle die Gans wiederbringen, ging die Passage, «sonst wird dich der Jäger holen, mit dem Schiessgewehr». Die Frau ist bekennende Veganerin; sie isst und trägt also keine tierischen Produkte.

Früher waren es die Vegetarier, für die man in Restaurants eine Extrawurst kochen musste, heute sind es die Veganer.

Die Veganerin schrieb dem Bürgermeister. Mit ihm war sie auf Facebook befreundet, er kannte sie. Der Frau zufolge ging die Korrespondenz so:

Sie: «Könnten Sie die Melodie nicht aus dem Repertoire des Glockenspiels nehmen?» Er: «Soll der Fuchs denn vegan werden?» Sie: «Der Fuchs soll nicht erschossen werden.»

Markus Hahn, der Bürgermeister, tauschte daraufhin das Lied des Glockenspiels gegen ein anderes aus. Das tut man in Limburg sowieso immer wieder, wie auch in anderen deutschen Städten. Darauf nahm er die Anekdote in einer Rede auf. So gelangte die Geschichte an die Öffentlichkeit und reiste um die Welt: Sie schaffte es bis in die «New York Times».

Die Reaktionen klangen unwirsch: «In die Psychiatrie», «Fremdschämen», «Peinlich», das waren noch die harmloseren. Andere Bürger drohten der Frau mit Mord, und auch Jagdverbände wünschten ihr Unschönes. Selbst ihre Arbeitskollegen seien auf Distanz gegangen, erzählte die Frau dem Internetportal Mimikama.at.

Wieder griff hier ein Reflex, der sich immer wieder dort zeigt, wo Mehrheiten auf Minderheiten treffen. Ihr Verzicht auf den Verzehr von Fleisch trennt sie vom Essverhalten und den Überzeugungen der anderen. Früher waren es die Vegetarier, für die man in Restaurants und als Gastgeber eine Extrawurst kochen musste, heute sind es die Veganer.

Denn was die Unzufriedenen und Hasserfüllten und Mordwilligen und auch die Arbeitskollegen und Jagdverbände und auch die «New York Times» nicht gemerkt hatten: Die Veganerin aus Limburg hatte sich einen Scherz erlaubt.

Und schoss damit den Vogel ab. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2017, 18:10 Uhr

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