«Vergeben ist menschlich»

Im KZ wurde Shlomo Grabers Familie ausgelöscht – er jedoch hat den Horror überlebt. Er schreibt gegen den grassierenden Hass, der jeden unglücklich macht.

Künstler und Autor: Der 90-jährige Shlomo Graber in seiner Wohnung in Basel. Foto: Doris Fanconi

Künstler und Autor: Der 90-jährige Shlomo Graber in seiner Wohnung in Basel. Foto: Doris Fanconi

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Sie steigen in Ihrem Buch «Der Junge, der nicht hassen wollte» mit einer Kindheitserinnerung an Ihren Grossvater ein. Er massregelte Sie, weil Sie einen Riss in der Hauswand aufkratzten . . .
. . . um mir dann zu erklären: Risse sind wie Hass, man vergrössert sie nicht, man repariert sie.

War diese Anekdote eine Art Schlüsselerlebnis für Sie?
Ja, unbedingt. Obschon ich damals den Sinn dieser Worte nicht verstanden hatte – wer könnte das auch als Dreijähriger? Aber mir ist diese Lektion, die Worte meines Grossvaters, geblieben. Dieser Satz hat fortan mein Leben bestimmt.

Sie haben den Wahnsinn der Nationalsozialisten am eigenen Leib erlebt und als einer der wenigen die Todesmärsche überlebt. Welche Erinnerungen haben Sie daran noch?
Ich habe einen Todesmarsch mitgemacht. Wir waren zusammen 1500 Häftlinge. Nur 500 kamen an. Uns haben nicht deutsche Soldaten begleitet, sondern Ukrainer. Die waren unbeschreiblich brutal, richtige Sadisten. Schlimmer fast als die Deutschen. Wer stürzte und nicht mehr weiterkonnte, wurde sofort erschossen oder zu Tode geprügelt. Ich habe Dinge gesehen und erlebt, die man sich als normaler Mensch überhaupt nicht vorstellen kann. Ich möchte jedoch an dieser Stelle betonen, dass ich die wirklich schlimmen Dinge in meinem neuen Buch bewusst weggelassen habe, denn einerseits wurde in den vergangenen Jahrzehnten genügend darüber berichtet, und anderseits – und für mich viel wichtiger – will ich, dass mein Buch einer breiten Leserschaft und ganz besonders für die Jugend zugänglich und lesbar ist.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Ihre Seele während des Todesmarschs vom Hass übermannt wurde.
Sehr sogar, natürlich. Die ganze Zeit nur Tote. Mein Vater war stets bei mir. Wenn mein Vater aufgegeben hätte, hätten die Ukrainer kein Pardon gekannt. Man hätte ihn sofort erschossen. Als er einmal hinfiel, habe ich ihn sofort hochgehoben und ihm zwei Ohrfeigen gegeben. Und machte mit ihm dann einen Schritt und noch einen. Und wir gingen weiter – wie Roboter. So haben wir überlebt.

Auf diesen Todesmärschen sind sehr viele Häftlinge umgekommen, darunter waren viele Juden. Was war das Schlimmste, das Sie erlebt haben?
Hunger ist die schlimmste Erfahrung, die ein Mensch erleben kann. Ich habe meinem Vater gesagt: Lass uns das Wort Hunger aus dem Vokabular streichen, denn sonst hat man noch mehr Hunger.

Kann man Massenmördern wie den Nazis vergeben oder verzeihen?
Lassen Sie es mich so sagen: Man kann und sollte verzeihen. Wenn man sich vom Hass, aus welchem Grund auch immer, übermannen lässt, dann tut man sich nichts Gutes. Hass ist wie ein Krebsgeschwür – er frisst einen Menschen von innen her auf. Man schadet sich am meisten selbst, wenn man hasst. Ein Mensch, der hasst oder auch dauernd mit seinem Schicksal hadert, wird nie glücklich sein im Leben und am Ende auch nie wirklich gelebt haben. Wenn ich ganz ehrlich bin, kann man gewisse Dinge natürlich nicht wirklich verzeihen. Einem Hitler oder Himmler zum Beispiel habe ich nie verziehen für das, was sie uns angetan haben. Ich habe auch nie verstanden, warum die Nazis den Holocaust derart systematisch organisiert haben. Wozu? Bis heute habe ich keine Antwort auf diese Frage gefunden. Aber man sollte nicht pauschal hassen. Ich habe die Deutschen nie als Volk verurteilt oder gehasst. Was mir jedoch ganz wichtig ist: Wir sollten nie aus den Augen verlieren, was damals geschehen ist. Das wäre sehr gefährlich.

Warum?
Weil man vor dem Holocaust dachte, so etwas sei nicht möglich! Dass Menschen anderen Menschen so etwas antun. Aber ich glaube, dass Menschen zu allem fähig sind – auch heutzutage noch. Deshalb dürfen wir nie vergessen, den latenten Hass in uns zu bekämpfen.

Gegen das Vergessen halten Sie auch Vorträge an verschiedenen Schulen. Was erleben Sie da? Wie sind die Reaktionen der Schüler?
Das sind für mich mit die schönsten Erlebnisse in diesen Zeiten. Neulich war ich an einer Berufsschule in Zürich, und eine Schülerin fragte mich, wie ich all das überleben konnte? Und ich habe ihr geantwortet, dass viele Christen und auch Juden sagen würden, dass Gott ihnen geholfen hat. Ich habe aber erlebt, dass all jene, die Gott angefleht haben, nicht mehr am Leben sind, weil Gott ihnen nicht geholfen hat. Ich habe mich damals dafür entschieden, mir selbst zu helfen, und so habe ich überlebt. Das bedeutet aber nicht, dass ich Atheist bin.

Sondern?
Religion ist etwas Sinnvolles, wenn man diese friedlich lebt. Ob es einen Gott gibt, weiss ich, wie alle anderen Menschen auch, nicht. Sicher ist auch, dass ich das nie wissen werde. Ich glaube jedoch, dass – falls es ihn geben sollte – Gott will, dass wir uns selbst helfen und keine Hilfe von ihm erwarten.

Sie sind dreimal nur haarscharf dem Tod entronnen. Glauben Sie an Kismet?
Sie meinen mit Kismet so etwas wie Schicksal oder Vorsehung, ja? Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Gibt es so etwas wie Karma, Vorsehung, göttliche Fügung? Vielleicht bin ich nur deshalb noch am Leben, um meine Geschichte weiterzugeben.

Begreift die Jugend von heute denn noch die Dimension des Holocausts?
Bei einem meiner ersten Vorträge an einer Schule hat mir meine Frau – sie ist übrigens Christin – vorher geraten, mich zurückzuhalten und nicht melancholisch zu wirken. Da fragte mich ein 14-jähriger Junge als Erstes: Haben Sie viele Leichen gesehen? Und jemand fragte: Haben Sie Hitler gesehen? Und einmal fragte mich sogar ein Schüler: Hatten Sie Sex im Konzentrationslager? Die Jugendlichen sind sehr weit weg vom Thema, und ich muss alles ganz langsam erklären. Viele haben den Holocaust über das Fernsehen oder in der Literatur entdeckt, aber es ist für die meisten die erste Begegnung mit einem Menschen, der die Tragödie überlebt hat.

«Ich widme mich nicht die ganze Zeit nur dem Holocaust.»

Zurück zu Ihren Erzählungen. Am 8. Mai 1945 haben Sie als Erster im KZ Görlitz erfahren, dass die Befreiung durch die Russen bevorsteht. Wie kam es dazu?
Ich musste jeden Morgen dem Lagerkommandanten, einem SS-Obersturmbannführer, sein Frühstück auf einem Tablett bringen. So auch an jenem Mai-Tag. Ich stand im Büro, als ein Soldat, ein Meldefahrer, ganz ausser Atem durch die Tür stürmte und eine Zeitung auf den Schreibtisch warf. Auf dem Titelblatt war ein Bild Hitlers zu sehen, mit einem dicken schwarzen Balken umrahmt. Da stand: «Der Führer ist tot!» Ich liess das Tablett fallen und rannte nach draussen und schrie: «Wir sind frei, wir sind frei!»

Sie beschreiben eine sehr menschliche Geste direkt nach der Befreiung aus dem KZ, als Sie einer deutschen Frau mit ihrem Kind ein Stück Brot gaben. Bringt Vergebung Freiheit? Freiheit von der Vergangenheit?
Nein. Wie ich schon sagte, sollte man vergeben, um nicht von Hass und Zorn innerlich zerfressen zu werden. Man sollte jedoch nicht vergeben, um seine Vergangenheit abzuschütteln. Denn die Vergangenheit ist ein Teil von uns. Jeder hat seine eigene und sollte diese nicht vergessen.

Kann man Vergebung lernen?
Nein, dann wäre es nicht mehr ehrlich. Aber Vergebung kann man üben. Man sollte es aus tiefster Überzeugung im Kleinen wie im Grossen immer wieder üben. Viel zu oft im Leben sind wir erzürnt über andere Menschen und Dinge, die wir dann im Rückblick als Bagatellen betrachten. Mein Ratschlag ist es, mit diesen Bagatellen zu beginnen. Da kann man gut üben. Denn wer im Kleinen nicht vergeben lernt, wird es im Grossen nie schaffen. Insofern ist Vergeben also in einem gewissen Sinne doch erlernbar.

Was braucht es, um vergeben zu können?
Es ist eine menschliche Eigenschaft. Diese Eigenschaft wohnt jedem Menschen inne. Daran glaube ich sehr stark. Aber trotzdem kann ich nie vergessen, was mit meiner Mutter und meinen Geschwistern in Auschwitz passiert ist und wie sie umgebracht wurden. Wenn Himmler, der Architekt der Massenvernichtung mit den Gaskammern, jetzt hier stehen würde, könnte ich nie zu ihm sagen: Ich verzeihe dir. Hundert Prozent nein.

Im Buch schreiben Sie: «Was ich bis heute nicht verstehen kann: Wir alle, die Opferlämmer, schwiegen und gehorchten, keiner wehrte sich, keiner muckste auf.» Stellen Sie sich diese Frage auch heute noch?
Im Rückblick frage ich mich dies tatsächlich heute noch. Man muss jedoch wissen, dass die Nazis alles perfekt organisiert und inszeniert hatten. Ich hatte keine Ahnung, dass wir auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau selektiert wurden, dass ich meine Mutter, meine vier kleineren Geschwister, meine Grossmutter, meine Tanten und Onkel nie wieder sehen würde, dass sie alle kaum eine Stunde später tot sein würden. Später im Lager verteilte man sogar Postkarten. Wir sollten unseren Angehörigen schreiben. Die Nazis wollten uns im Glauben lassen, dass unsere Angehörigen noch lebten und bloss in einem anderen Lager seien. Das wahre Ausmass dessen, was geschehen war, erfuhr ich erst am 8. Mai 1945. Am Tag meiner Befreiung erzählte mir ein russischer Offizier, was mit meiner Mutter und meinen Geschwistern passiert war.

Wie war Ihre Reaktion? Was sagt man in einem solchen Moment, wenn man so etwas erfährt?
Ich habe in jenem Moment gar nichts gesagt. Diese Nachricht war für mich bis zum heutigen Tag das Schrecklichste und Unfassbarste, das mir je widerfahren ist.

Hatten Sie je Albträume?
Nein, ich bin kein Mensch, der sich die ganze Zeit nur dem Holocaust widmet. Ich bin sehr pragmatisch. Ich beschäftige mich mit Literatur, lese gerne und male. Als ich zu malen anfing, haben diverse Besucher in meiner Galerie Bilder mit schwarzen Farben entdeckt und sofort gesagt: Das hat mit dem Holocaust zu tun. Doch ich mag es nicht, einen Stempel aufgedrückt zu bekommen. Schwarz ist eine moderne, schöne Farbe und hat nichts mit dem Holocaust zu tun.

Was macht das Menschsein aus?
Wenn ich etwas in meinem langen Leben gelernt habe, dann dies: Die meisten Menschen tragen die Fähigkeit in sich, Recht von Unrecht zu unterscheiden. Fast allen Menschen wohnt ein moralischer Kompass inne, der dafür sorgt, dass wir uns für das Gute und gegen das Böse einsetzen – wenn nötig, gar mit unserem Leben. Das ist es, was für mich den Menschen ausmacht.

Wie werden Menschen zu Bestien?
Das ist eine schwierige Frage. Ich selbst glaube, dass in jedem Menschen das Gute wie auch das Böse innewohnt. Am Ende muss aber jeder Mensch für sich selbst entscheiden, wofür er eintreten will. Es liegt an ihm selbst, zu bestimmen, was er sein möchte.

Ihr Buch handelt vom Vergeben. Welche Botschaft ist Ihnen ansonsten noch wichtig?
Erstens: Sei nicht abergläubisch, das ist Blödsinn. Wenn du glauben willst, dann tu das, aber sei tolerant gegenüber Andersgläubigen. Und woran du auch immer glaubst, glaube zuallererst an dich selbst! Zweitens: Sei zufrieden mit dem, was du hast. Fordere nicht unablässig mehr. Wenn du zufrieden bist, wirst du dich automatisch und mühelos verbessern. Aber hüte dich vor krankhaftem Ehrgeiz und Gier. Drittens: Freiheit und Demokratie sind Geschenke, die uns gegeben wurden. Für Freiheit und Demokratie muss sich jeder einsetzen. Die Demokratie ist meiner Meinung nach die beste aller Formen. Denn ich kann allen versichern: Kein Mensch auf dieser Welt will gefangen sein. Keiner!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2017, 18:58 Uhr

Shlomo Graber

KZ-Überlebender

Der heute 90-Jährige, geboren in der Tschechoslowakei, hat drei Konzentrationslager überlebt, darunter auch Auschwitz. Seit 1989 lebt er mit seiner zweiten Frau in Basel. Grabers Buch «Der Junge, der nicht hassen wollte» ist beim Riversfield-Verlag erschienen.

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