«Vier von fünf Beziehungen müssten sofort aufgelöst werden»

Der Autor Thomas Meyer glaubt, dass die meisten Paare aus Feigheit zusammenbleiben. Er selber hat sich kurz nach der Geburt seines Sohnes von seiner Partnerin getrennt.

«Das Verständnis ist die Grundlage für eine Beziehung und nicht die Zuneigung»: Autor Thomas Meyer.

«Das Verständnis ist die Grundlage für eine Beziehung und nicht die Zuneigung»: Autor Thomas Meyer. Bild: Keystone

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Herr Meyer, sind Sie in einer Beziehung?
Nicht mehr, nein.

Ich frage, weil Sie an einem Buch mit dem Arbeitstitel «Trennt euch!» schreiben, in dem Sie die heilende Wirkung der Trennung propagieren. Wie kommen Sie dazu?
Ich beobachte, dass viele Menschen Beziehungen führen, die ihnen nicht guttun. Doch statt Schluss zu machen, harren sie aus und versuchen, ihren Partner dazu zu bringen, sich so zu verhalten, wie sie es gern hätten. Das führt zu noch mehr Leid, denn man hört ja nicht plötzlich auf, sich selbst zu sein. Mir tut es weh, das mitanzusehen. Warum gibt man einander in dieser Situation nicht frei?

Vielleicht, weil man sich noch liebt und Hoffnung besteht?
Liebe allein ist kein Argument dafür, eine Beziehung weiterzuführen. Man muss auch zusammenpassen. Ist das nicht gegeben, leiden beide, und da kann man lange hoffen, es wird sich nie ändern.

Wann passen zwei Menschen zusammen?
Wenn sie sich in den wesentlichen Aspekten des Lebens ähnlich sind, also punkto Humor, Intelligenz, Sexualität, Weltanschauung und Gemütsart. Zwei, die sich ähnlich sind, verstehen sich. Dieses Verständnis ist die Grundlage für eine Beziehung und nicht die Zuneigung, die sowieso gegeben ist. Sonst läge man ja nicht miteinander im Bett.

Schmetterlinge im Bauch sind also sekundär?
Wir suchen uns nicht aus, in wen wir uns verlieben. Aber wir können uns aussuchen, mit wem wir zusammen sind. Gegenseitige Anziehung reicht für ein langfristiges Zusammensein nicht aus. Dennoch deuten wir sie als ein Indiz für eine stabile, sorgenfreie Zukunft.

Sie finden also, wir sollten selbst im Verliebtseinszustand den Verstand walten lassen?
Ich sage nicht, dass wir unsere Gefühle kontrollieren sollen. Aber wir dürfen uns nicht derart von ihnen davontragen lassen. Stattdessen sollten wir den Menschen, der uns gefällt, genau fragen, was ihm in einer Beziehung wichtig ist. Und uns selbst immer wieder die Frage stellen: «Tut mir das gut?»

Eine Partnerschaft bedingt doch Kompromisse.
In der Beziehung müssen Sie Kompromisse machen, klar. In der Partnerwahl dürfen Sie das aber nicht. Das ist ein fauler Handel, für den man am Ende immer zahlt.

Wie viele solcher Beziehungen gibt es in Ihren Augen?
Ich schätze, dass vier von fünf Beziehungen sofort aufgelöst werden müssten, weil sie den Betroffenen nicht guttun.

Woher weiss ich, ob meine Partnerin und ich in einer Sackgasse stecken oder bloss an uns arbeiten müssen?
Wenn man ehrlich ist, weiss man sehr genau, ob man gehen muss. Aber die meisten haben Angst vor den Konsequenzen. Es würde ja bedeuten, sich eine neue Wohnung zu suchen, die Kinderbetreuung aufzuteilen und wieder allein zu sein. Auch haben viele ein schlechtes Gewissen und denken, sie hätten versagt. Und immer wieder kommt das seltsame Investitionsargument: «Jetzt habe ich schon so viel Zeit und Energie in diese Beziehung gesteckt.»

Sie reden von Leidensdruck. Der ist aber individuell.
Das stimmt. Ich finde aber, er ist allgemein zu hoch. Menschen halten sich viel zu lange in Beziehungen und an Arbeitsstellen auf, die ihnen nicht guttun. Sie legen sich ihre Misere immer wieder neu zurecht und hoffen, es werde bald besser, ohne jedes Zutun. Das tut es aber nie. Wieso auch?

Ist Ihre Sichtweise nicht etwas fatalistisch?
Nein, bloss ehrlich. Ich habe mich von der Mutter meines Sohnes getrennt, als er vier Monate alt war. Das war extrem schwierig. Von links und rechts hiess es, ich könne doch «nicht jetzt schon aufgeben». Ich fragte: «Wie, jetzt schon?» Mein Bedürfnis war ein Leben in Freude und Frieden, und dieses Bedürfnis ist höher zu gewichten als die sogenannt intakte Familie.

Früher oder später schleicht sich der Alltagstrott in eine Beziehung ein, und es stören einen Eigenheiten am Partner, die man vorher noch niedlich fand.
Was Sie beschreiben, passiert, wenn man zusammenwohnt und jede Nacht im selben Bett schläft. Da geht man sich zwangsläufig irgendwann auf die Nerven. Wie soll man sich auch aufeinander freuen, wenn man ständig zusammen ist? Hierbei geht es aber nicht um die Frage, ob man zueinander passt oder nicht, sondern um unsorgfältige Beziehungsführung.

Wie ist man denn sorgfältig zusammen?
Indem man gegen den Alltagstrott angeht. Man sollte nicht vollständig verschmelzen, sondern sich stets ein wenig fremd bleiben, indem man ein Leben ausserhalb der Beziehung führt und kreativ bleibt. Es hilft, dafür zu sorgen, dass man sich gegenseitig vermissen kann. Wer sagt denn, dass man unbedingt zusammenleben muss?

Sie haben nie mit einer Frau zusammengelebt?
Nur mit der Mutter meines Sohnes. Dass ich lieber allein wohne, war aber schon vorher so.

Haben wir eine antiquierte Sicht einer Beziehung?
Ich würde sagen, wir stehen genau zwischen alten und neuen Ideen. Es ist uns bewusst, dass Beziehungen nicht ein Leben lang halten, aber wir tun trotzdem noch so, als wäre unsere eigene die Ausnahme.

Was kann in Ihren Augen eine Paartherapie bewirken?
Wenn es nicht passt, nichts. Ein Therapeut kann jedoch beeinflussen, wie zwei Menschen miteinander umgehen, und ihnen den Rahmen geben, einander richtig zuzuhören. Darum sollte jedes Paar zweimal pro Jahr in Therapie.

Einer Ihrer Aphorismen lautet: «Wo nicht aufrichtig kommuniziert wird, hats die Liebe schwer.» Propagieren Sie ernsthaft totale Ehrlichkeit?
Nein. Im Gegenteil: Wer ständig sagt, was er denkt, ist tendenziell beleidigend. Ich meinte damit: Wie soll die Liebe Bestand haben, wenn man nicht ehrlich ist? Das hiesse eben auch, zu sagen: «Unsere Beziehung tut mir nicht gut, ich beende sie.» Das Ende der einen Beziehung bedeutet ja Raum für eine neue, passendere.

In einem Interview haben Sie über Beziehungen gesagt: «Ich habe immer Angst, dass irgendwann etwas kommt, das sich schlecht anfühlen wird.» Ist das nicht immer das Risiko?
Doch. Meine Erfahrung mit Beziehungen ist, dass dem Gegenüber irgendwann etwas unfassbar Freches in den Sinn kommt, das nicht gut ist für mich. Bei dem ich denke: «Was erlaubst du dir da?»

Wenn es passt, sollte das doch kein Problem sein ...
Auch wenn es passt, werden Sie Dinge erleben, die Sie verletzen. Aber dann können Sie sagen: «Mach das bitte nicht mehr.» Dann wird das respektiert, weil Ihr Gegenüber versteht, was Sie sagen. Wiederholt es sich aber, hat Ihr Partner Sie als Mensch nicht verstanden. Dann passt es eben nicht.

Sie haben sehr hohe Ansprüche.
Ja. Wir reden hier aber auch von einer Angelegenheit, die hohe Ansprüche verdient. Einem Chirurgen halten Sie ja dessen hohe Ansprüche hinsichtlich Sorgfalt im OP auch nicht vor. Letztlich rede ich nur von Respekt gegenüber sich selbst. Wenn man nicht glücklich ist, soll man gehen.

Ein kritischer Betrachter könnte denken, Sie laufen vor Problemen in einer Beziehung davon.
Das ist ein typisches Anti-Trennungs-Argument. Aber es gibt tatsächlich eine Reihe von Dingen, vor denen man besser heute als morgen davonläuft. Ich verstehe diese pseudoheroische Idee des Aushaltens nicht. Noch nie hat jemand etwas davon gewonnen.

Glauben Sie noch an die grosse Liebe?
Ja, sicher. Auch wenn ich sie vor kurzem verloren habe. Oder gerade deswegen.

Was macht Sie eigentlich zum Beziehungsexperten?
Ich muss nicht Violinist sein, um entscheiden zu können, ob ein Orchester gut klingt. Ich muss auch nicht in einer 20-jährigen Partnerschaft gelebt haben, um festzustellen, dass andere leiden und damit aufhören sollten. Ich behaupte auch nicht, zu wissen, wie man die perfekte Beziehung führt. Ich sage lediglich: Hört auf, schlechte Beziehungen zu führen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.08.2016, 10:16 Uhr

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