Wie die Berner Waldmenschen in der Eiseskälte überleben

Martin Wyss, alias Chrütli, und seine Lagerfreunde harren im Bremgartenwald aus. Ihr Rezept.

Mättu (links) und Chrütli diskutieren über das Leben im winterlichen Wald.
Video: Martin Erdmann

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Im Bremgartenwald gibt es keine Kühlschränke. Martin Wyss, genannt Chrütli, ist das egal. Die Milch in seiner Aussteigersiedlung kann bei diesen Temperaturen nicht ranzig werden. Aber: «Sie steht momentan mehr am Stück als in flüssiger Form herum.» Die Eier liegen in einer Militärwolldecke verpackt. Auch sie könnten sonst ihre natürliche Konsistenz gegen die klirrende Kälte nicht verteidigen. Wie kalt es an diesem Montagmorgen genau ist, kann Chrütli nur schätzen. «Etwa ein Grad unter null.» Knapp daneben, es ist drei Grad kälter. Unter den gespannten Plastikblachen liegt zwar so einiges herum, ein Thermometer ist jedoch nicht dabei. «Bei uns gibt es nur die gefühlte Kälte. Das reicht.»

Chrütli setzt sich an die Feuerstelle, beigt Holzstücke aufeinander, zündet sie an und zieht seine Schuhe aus. Über seine Füsse hat er je zwei selbst gestrickte Wollsocken gestülpt. Seine Beine sind von einer löchrigen Trainerhose bedeckt, am Oberkörper trägt er vier Schichten, bestehend aus T-Shirt und Pullovern. «Die Kälte stört mich nicht, ich weiss mir dagegen zu helfen.» Konkret heisst das für ihn viel Bewegung, mehrschichtige Kleidung und nahrhafte Suppe auf einem immer brennenden Feuer.

Eine Kerze als Heizung

Dort, wo die Zeltblachen enden, liegt Schnee. In ihm vermischen sich Spuren von Chrütli und seinen Gefährten, ihren Hunden und den Tieren des Waldes. Chrütli gefällt es, durch den Schnee zu stapfen. «Er schluckt das Dröhnen der Autobahn. Im Lager ist nur das Knistern des Feuers zu hören.» Doch überlebt diese Lagerfeuerromantik auch Winternächte, in denen die Temperaturen auf bis zu minus 14 Grad fallen? Ihre Schlafzelte seien gut abgedeckt, sagt Chrütli. «Wenn du darin eine Kerze anzündest, hast du schnell 13 Grad.» Aber wenn das Licht erlischt, ist die Kälte nicht mehr aufzuhalten. «Einmal ist das Wasser in meiner Flasche eingefroren. Das ist mir noch nie passiert.» Seinem Mitbewohner Mättu ist es gar noch schlechter ergangen. «Meine Flasche ist vor Kälte auseinandergesprungen. Das ganze Zelt war voller Scherben.» Die Temperaturen würden ihnen jedoch nicht den Schlaf rauben, sagt Chrütli.

Der Schnee knirscht, wenn Chrütli ihn mit seinen schweren Schuhen platt drückt. Er hat das Lager verlassen, um Holz zu besorgen. «Holz gibt immer dreimal warm: beim Fällen, beim Zerlegen und beim Verbrennen.» In der einen Hand hält Chrütli eine Axt, in der anderen eine Säge. Zusammen mit Mättu fällt er eine Tanne und zerlegt sie in drei Stücke. Das grösste hievt er sich auf die rechte Schulter und trägt es zum Lager zurück. «Das wird bis zum Abend reichen.»

Der Sonnyboy bleibt standhaft

Zurück am Feuer spricht er über «diese Wohnungssache». «In der Stadt sind alle am Jammern, wie kalt es sei.» Das liege daran, dass man sich viel zu schnell an Komfort wie Heizung und warmes Wasser gewöhne. Viele Leute würden sich gar nicht vorstellen können, wie Chrütli und seine Kollegen im Bremgartenwald leben. «Die meinen, wir rennen hier nackt in der Gegend herum.» Dabei sei das Leben in der Natur eine reine Gewohnheitssache. Deshalb rät Chrütli davon ab, in der kalten Jahreszeit den gesellschaftlichen Ausstieg zu wagen. «Wer beschliesst schon plötzlich, mitten im Winter von nun an im Wald zu wohnen?» Dazu müssten Körper und Geist zuerst vorbereitet und akklimatisiert werden.

Chrütli rät jedoch jedem, zumindest eine Nacht in winterlicher Kälte zu verbringen. Was ist daraus zu lernen? Chrütli antwortet schnell und bestimmt: «Demut vor dem, was man hat.» Ein Dach über dem Kopf sei auch in der Schweiz nicht jedem gegönnt. «Viele leben auf der Gasse und haben keine Möglichkeit, sich irgendwo aufzuwärmen.» Chrütli wünscht sich von der Gesellschaft mehr Mitgefühl für diese Menschen. «Das sind arme Kerle, über die viel zu schnell ein Urteil gefällt wird.»

Am Ende des Lagerbesuchs gibt Chrütli etwas über sich preis, das man inmitten dieser winterlichen Landschaft kaum glauben will. «Eigentlich bin ich eher der Sommertyp.» In kommender Nacht werden sechs Grad unter dem Gefrierpunkt erwartet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2017, 09:14 Uhr

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