Leben

Vom Heuschnupfen zum Asthma

Von Irène Dietschi. Aktualisiert am 14.05.2010

Eine Pollenallergie sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn sie birgt die Gefahr des «Etagenwechsels»: Aus Heuschnupfen kann Asthma werden.

Ein Bube bei der Inhalation eines Asthma-Sprays: Dies gehört bei vielen Asthmatikern zur Dauertherapie.

Ein Bube bei der Inhalation eines Asthma-Sprays: Dies gehört bei vielen Asthmatikern zur Dauertherapie.
Bild: Keystone

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Pollen sind lästig. Pollen lassen den Allergiker zum Stubenhocker werden, sie bescheren ihm eine rote Nase und tränende Augen, sie vermiesen ihm den Waldlauf und vielleicht auch das abendliche Date. Denn eine Pollenallergie – im Volksmund Heuschnupfen – ist unsexy. Also ignoriert man ihn am besten. Oder?

Das Gegenteil ist wahr: Experten warnen davor, Heuschnupfen als banale Erkrankung anzusehen. Der Leidensdruck kann zwar von Patient zu Patient verschieden sein, und manche quälen sich lieber durch, als Medikamente zu nehmen. Aber diese Einstellung kann Folgen haben. «Mit der Pollenallergie wird eine allergische Entzündungsreaktion in Gang gesetzt, die es zu unterbrechen gilt, denn Pollen können Asthma auslösen», sagt Arthur Helbling, Allergologe am Inselspital Bern und dem Spital Netz Bern Ziegler.

Eine Etage tiefer angekommen

Nicht selten erzählen Menschen, die mit Hustenbeschwerden zum Arzt gehen, sie hätten jahrelang Heuschnupfen gehabt, würden diesmal aber nicht an den gewohnten Heuschnupfen-Symptomen, sondern eher einem quälenden Reizhusten leiden. Schliesslich bemerken sie einen Druck oder Engegefühle in der Brust, das Atmen fällt ihnen schwer. Solche Beschwerden nähren beim Arzt den Verdacht, dass sich die Allergie jetzt weniger an der Nase als an den tiefen Atemwegen abspielt, den Bronchien. Die Erkrankung hat die obere «Etage» der Atemwege verlassen und ist eine «Etage tiefer» in den Bronchien angekommen. Husten und Atembeschwerden sind dann Zeichen des beginnenden Asthma bronchiale – und nicht, wie man vielleicht verharmlosen könnte, einer «allergischen Bronchitis».

«Etagenwechsel» heisst der Vorgang, wenn ein scheinbar harmloser Heuschnupfen in Asthma übergeht. Etwa 30 bis 40 Prozent der Pollenallergiker sind davon betroffen. Laut dem ARIA-Projekt (Allergic Rhinitis and its Impact on Asthma) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist der Heuschnupfen einer der grössten Risikofaktoren für Asthma. Sollten also die Heuschnupfen-Beschwerden schlimmer werden, ist ein Besuch beim Arzt angezeigt. Denn jede Behandlung dieser Allergie ist auch eine Form von Asthma-Prävention. In der Fachmedizin wird der Etagenwechsel gar als ein Zeichen für eine mangelnde oder fehlerhafte Therapie angesehen: Er ist eine Folgeerkrankung.

Vom Asthma zum Heuschnupfen: die Allergiekarriere

Aber auch das Umgekehrte kommt vor: dass Heuschnupfen erst nach dem Asthma auftritt. Dies ist bei der klassischen «Allergiekarriere» der Fall. Laut aha!, dem Schweizerischen Zentrum für Allergie, Haut und Asthma, beginnt diese Allergiekarriere meist im Säuglings- oder Kleinkind-Alter und verläuft nach einem charakteristischen Muster: Auf die Neurodermitis folgt das Asthma bronchiale und später der Heuschnupfen. Die Abfolge dieser drei atopischen (auf Vererbung beruhenden) Erkrankungen umschreibt den Umstand, dass allergisch veranlagte Kinder mit zunehmendem Alter aus einer allergischen Erkrankung «herauswachsen», danach aber an einer nächsten Allergieform zu leiden beginnen. Es können alle drei oder nur einzelne dieser Krankheiten auftreten.

Am Anfang, also bereits im Säuglingsalter, steht in den meisten Fällen die Neurodermitis im Vordergrund. Bis zum Alter von drei Jahren sind 10 bis 15 Prozent aller Kleinkinder davon betroffen. Bei vielen kommt es im Verlaufe der Monate und Jahre zu einer spontanen Besserung oder die juckenden Ekzeme verschwinden ganz. Rund die Hälfte der betroffenen Kinder allerdings entwickelt in der Folge ein Asthma bronchiale, nicht selten mit Symptomen bereits ab dem zweiten Lebensjahr. Und ab Schulalter kommt in vielen Fällen eine Pollenallergie hinzu: Heuschnupfen.

Eine Frage der Veranlagung

Die Neigung, bereits im Säuglings- und Kleinkindesalter an Allergien zu erkranken, hängt sehr direkt mit der genetischen Veranlagung, mit dem Vorkommen solcher Krankheiten bei Eltern und Geschwistern zusammen. Ist ein Elternteil von einer Allergie betroffen, liegt das Risiko für eine Allergieentwicklung bei rund 30 Prozent. Haben sowohl Mutter wie Vater Allergiekrankheiten, erhöht sich das Risiko auf 50 bis 70 Prozent. Dagegen unternehmen lässt sich nicht sehr viel. Der Renner unter den Tipps ist seit Jahren das Stillen von Babys in den ersten sechs Lebensmonaten, gefolgt von «gesunder Ernährung» und rauchfreier Umgebung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.05.2010, 15:58 Uhr


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